11.07.2005 · Michelle Wie hat noch nie ein großes Turnier gewonnen, aber sie ist schon jetzt ein Superstar - vor allem weil sie nur ein Ziel hat: Sie will es als erste Frau auf Dauer mit den körperlich überlegenen Männern aufnehmen.
Von Wolfgang SchefflerAufgeschoben, nicht aufgehoben - das ist nicht nur die Meinung von Todd Hamilton. "Sie übersteht den Cut bei einem PGA-Turnier", sagte der vorjährige Sieger der British Open, der diese Woche seinen Titel in St. Andrews verteidigt. Wie der 39jährige Amerikaner sind alle Kollegen überzeugt, daß Michelle Wie in naher Zukunft die Geschlechterbarriere im Golf durchbricht.
Bei den John Deere Classics in Silvis im Bundesstaat Illinois war die 15jährige Hawaiianerin ganz nahe dran, als zweite Frau in der Geschichte der US PGA Tour den Cut zu überstehen - etwas, was vor genau 60 Jahren die legendäre Babe Zaharias geschafft hatte. Bis zu ihrem 15. Loch hatte es so ausgesehen, als ob die Schülerin aus Honolulu sich im dritten Anlauf für die beiden Schlußrunden eines PGA-Turniers qualifizieren könnte. Die Amateurin lag im Feld der professionellen erwachsenen Konkurrenten vier Schläge unter Par und innerhalb des Cuts (drei unter Par). Aber zwei schlechte Löcher, ein Doppelbogey und ein Bogey, verdarben ihr den Erfolg, obwohl sie auf den beiden Schlußlöchern ein Birdie jeweils nur um Zentimeter verfehlte.
Woods Bilanz spendet Trost
Am Ende fehlten ihr nach Runden von 70 und 71 zwei Schläge. Sie landete auf Platz 88, schlaggleich mit dem dreimaligen Major-Sieger Nick Price aus Zimbabwe. Immerhin ließ sie 44 männliche Profis hinter sich.
Michelle Wie nahm ihr vorzeitiges Aus nicht tragisch, sondern als gutes Omen. Denn auch auf der amerikanischen Damentour, der LPGA Tour, habe sie erst im vierten Anlauf den Cut überstanden. Trost spendete ihr auch die Amateurbilanz von Tiger Woods auf der PGA Tour. Der Superstar der Branche hatte als Sechzehnjähriger den Kampf mit gestandenen Profis aufgenommen und erst im neunten Anlauf im Alter von 19 Jahren den Cut bei einem zur PGA Tour zählenden Turnier (Masters 1995) überstanden.
Von Tausenden Fans begleitet
Aber nicht die Anlaufschwierigkeiten hat die 1,80 Meter große Tochter koreanischer Einwanderer mit dem Branchenprimus gemeinsam. Wie Woods zieht sie die Massen wie magisch an. Tausende, machmal gar zehntausend Fans begleiteten sie auf ihrer zweiten Runde. "Wenn sie den Cut geschafft hätte, wären die Führenden nur Nebendarsteller gewesen", sagte Hunter Mahan, der nach drei Runden in der Spitzengruppe lag.
Michelle Wie hat zwar noch nie ein großes Turnier gewonnen, weder bei den Amateuren noch bei den Damen. Aber sie ist schon jetzt ein Superstar - vor allem weil sie nur ein Ziel hat, das sich nicht einmal die Annika Sörenstam, die weltbeste Proette, zutraut: Sie will es als erste Frau auf Dauer mit den körperlich überlegenen Männern aufnehmen. In dieser Woche fordert sie bei der Public Links Championship in Lebanon (Ohio) die besten männlichen amerikanischen Amateure heraus. Der Sieger dieses Turniers erhält traditionell eine Einladung zum Masters.