16.06.2003 · Gelinde gesagt ist der Golfschwung von Jim Furyk unkonventionell. Wie ein Tintenfisch, der aus einem Baum fällt, sagt ein Fernsehexperte. Doch mit präzisen Schlägen gewann der 33 Jahre alte Amerikaner Furyk die US Open in Olympic Fields.
Von Wolfgang SchefflerGelinde gesagt ist der Golfschwung von Jim Furyk unorthodox oder unkonventionell. Drastischer drückte es der ehemalige irische Tourspieler und heutige Fernsehkommentator David Feherty aus. Er verglich den Schwung des 33jährigen Amerikaners mit den Bewegungen eines Tintenfisches, der aus einem Baum fällt. Oder mit den verzweifelten Bemühungen eines einarmigen Mannes, der in einer Telefonzelle eine Schlange zu töten versucht.
Doch auch wenn Furyk erst eine Schleife nach außen und dann wieder eine nach innen einbaut -- daß er den Ball trifft, daran herrschte schon vor den 103. US Open in Olympic Fields, einem südlichen Vorort von Chicago, kein Zweifel. Mit sieben Siegen auf der US PGA Tour und als Zehnter der Weltrangliste ging er ins zweitälteste Turnier der Welt, dem zweiten Major des Jahres.
„Wollte, es einfach schnell hinter mich bringen"
Er beendete es am Sonntag als souveräner, ungefährdeter Sieger, der sich auf den letzten beiden Löchern noch zwei Bogeys erlauben konnte und nach Runden von 67, 66, 67 und 72 und insgesamt 272 Schlägen immer noch drei Schläge Vorsprung vor dem Australier Stephen Leaney aufwies. „Auf den beiden letzten Löchern war ich nicht mehr konzentriert. Ich wollte, es einfach schnell hinter mich bringen."
Als es geschafft war, als Furyk die Trophäe hochhielt, der Scheck über 1,08 Millionen Dollar in der Tasche steckte, schaute er zu seinem Vater Mike Furyk herüber, der ihm diesen ungewöhnlichen und ziemlich einzigartigen Schwung beibrachte, und sagte: „Das ist ein verdammt gutes Geschenk." Denn in den Vereinigten Staaten wurde am Sonntag der Vatertag gefeiert - und Vater Mike hat über die Jahre viel Kritik einstecken müssen. „Ich habe als Kind und Jugendlicher nicht viel von der Häme gehört, mit der mein Schwung kommentiert wurde. Man muß als Erwachsener schon ein ziemlich gefühlloser Mensch sein, um einem Fünfzehnjährigen zu sagen, daß er einen schrecklichen Schwung hat."
Der Vater als Trainer
Dafür mußte der Vater, ein ehemaliger Golflehrer, den Kopf hinhalten. Bis heute ist er, der mittlerweile für einen Schlägerhersteller arbeitet, der einzige Trainer seines Sohnes. Bevor Furyk sich am frühen Nachmittag auf der Übungswiese aufwärmte, umarmten sich Vater und Sohn lang und innig. „Ich konnte am Morgen kaum mit ihm sprechen. Mein ganzes Leben war er immer für mich da", sagte der sichtlich gerührte Jim Furyk. Als er sich einschlug, saß der Herr Papa hinter seinem Filius und sah zu, wie der mit seltsamen Bewegungen Ball für Ball schnurgerade auf die Flugbahn schickte.
Denn auch wenn Furyks Schwung Golfpuristen schaudern läßt, wenige Spieler schlagen den Ball gerader und präziser. Bei diesen US Open traf keiner mehr Grüns in der vorgeschriebenen Schlagzahl als Furyk. Und da der aus Pennsylvania stammende Profi, der mittlerweile in Ponte Vedra Beach in Florida lebt, als einer der besten Putter der Welt gilt, stand sein erster Major-Sieg nie in Frage. Furyk puttet im Gegensatz zu Mehrzahl der Golfer "cross-handed", schiebt also die linke unter die rechte Hand - ein Griff, dem er wie seinem Schwung sein frühester Jugend vertraut, seit ihm sein Vater mit zwölf Jahren das Golfspiel erlaubte. Vorher hatte er es verboten, weil er nicht wollte, daß der Junior als Golfpro in seine Fußstapfen tritt.
„Der perfekte Platz“
Seit 1992 ist auch Furyk Golfpro - aber statt mit dem vom Vater ungeliebten Job des Golflehrers verdient er sein Geld spielend. In seinem 32. Major, seinem 260. Turnier auf der US PGA Tour, gelang dem Mann, der ohne die Baseballkappe immer dank seiner Halbglatze um zehn Jahre gealtert scheint, endlich der ganz große Wurf - und das auch noch mit Mike "Fluff" Cowan als Caddie an seiner Seite, der "Tiger" Woods bei seinem ersten Major-Sieg, dem Masters im Jahre 1997, die Tasche getragen hatte.
Der entthronte Titelverteidiger Woods, der mit elf Schlägen Rückstand nur Platz 20 belegte, sagte: "Wenn man auf ein Major tippen müßte, das Jim gewinnt, dann wären es diese US Open. Es war der perfekte Platz für ihn. Sein Spiel und der Platz paßten perfekt zusammen." Nicht übermäßig lang, denn Furyk gehört nicht zu den "Longhittern", aber mit engen Fairways und am Sonntag auch noch mit durch die Hitze harten und verkrusteten Grüns.
"Bruce, Bruce"
„Jim hat typisches Furyk-Golf gespielt", sagte der kanadische Masters-Champion Mike Weir, der auf den Tag genauso alt wie Furyk ist (12. Mai 1970) und sich mit 70 Schlägen gemeinsam mit dem Amerikaner Kenny Perry noch mit fünf Schlägen Rückstand auf den dritten Platz vorschob, "er ist ein unheimlich beständiger Spieler. Er hat verdient gewonnen."
Aber an diesem Schlußtag, bei dem die beiden einzigen deutschen Teilnehmer -Bernhard Langer belegte mit 286 Schlägen den 42. Platz, Alexander Cejka beendete das Turnier mit 292 Schlägen als 61. - keine Rolle spielten, wurde allerdings nicht nur der Sieger gefeiert. Als Tom Watson, der nach der ersten Runde mit 65 Schlägen geführt hatte, mit seinem todkranken, an ALS erkrankten Caddie Bruce Edwards die 18. Spielbahn herunterkam und die US Open als 28. beendete, standen die Zuschauer auf den Tribünen auf und skandierten "Bruce, Bruce". Ein Taschenträger, der wie ein Sieger verabschiedet wird - das hat es in der langen Geschichte der Majors noch nie gegeben.