http://www.faz.net/-gtl-2sxg

Gesundheit : Falsche Versprechen an der Sauerstoffbar

  • -Aktualisiert am

Trend in USA und Japan: Sauerstoffbars Bild: dpa

Steigerung der Leistungsfähigkeit durch Sauerstoffinhalation ist in aller Munde. Damit macht die Industrie aber falsche Versprechungen.

          Schneller, höher, weiter - das kennt jeder. Gesellschaft, Beruf und wir selbst verlangen immer mehr von uns ab. Viele Menschen kommen ohne Aufputschmittel nicht durch ihren Alltag. Das beginnt bei Kaffee und endet leider bei Drogen, da sie täglich mehr Energie verbrauchen als sie auftanken.

          Die Inhalation von hochprozentigem Sauerstoff soll Abhilfe schaffen, USA und Japan haben es vorgemacht - dort sind Sauerstoffbars voll im Trend. Aber auch Kliniken und Wellness-Institute in Deutschland bewerben sie als die neue Regenerationsmöglichkeit für gestresste Großstädter.

          „Blut hat keine langristige Speicherkapazität für Sauerstoff“

          Angepriesen werden Sauerstoffkuren jeglicher Art für Otto-Normalbürger, Sportler und Hochleistungssportler. Versprochen wird eine Leistungssteigerung bis zu 90 Prozent durch Inhalation von ionisiertem 94-prozentigem Sauerstoff. Der Freiburger Sportwissenschaftler Prof. Berg widerspricht gegenüber FAZ.NET der Leistungssteigerung durch „Sauerstoff-Inhalation“. „Es liegen keinerlei naturwissenschaftliche Beweise vor, die diese Annahme stützen könnten. Ganz im Gegenteil, wir haben physiologische Gründe das nicht zu glauben.“ Wenn überhaupt sei eine zusäztliche Sauerstoff-Zufuhr nur für Hochleistungssportler interessant. „Für den Breitensportler hat das keine präventiven Effekte.“

          Blut hat seiner Meinung nach keine langfristige Speicherkapazität für Sauerstoff, als Erklärung dafür liefert der Mediziner ein anschauliches Beispiel. Unabhängig von der jeweiligen Ausgangsposition der Person (Gewicht, Lungenkapazität) sei es nicht länger als ein bis zwei Minuten möglich unter Wasser zu bleiben, danach hat der Körper seine Sauerstoffspeicher entleert und es muss geatmet werden.

          Nur in wenigen Ausnahmen hilfreich

          Berg: „Ein trainierter und auch ein untrainierter Mensch hat je nach Lungenkapazität eine Sauerstoffsättigung im Blut bis zu 98 Prozent. Eine Steigerung dieser Werte ist also kaum noch möglich und bringt auch nichts.“ Als entscheidenden Aspekt für Leistungsfähigkeit erachtet der Spezialist, inwieweit der Körper fähig ist dem Blut Sauerstoff zu entziehen, und die Durchblutung von Muskeln und Organen. Durchblutungsförderung ist folglich effektiver als zusätzlich sauerstoffübersättigtes Blut.

          Zu den Skeptikern und Kritikern zählen auch andere renommierte Sportwissenschaftler. „Das was bereits ausbalanciert ist, kann man nicht durch Tricks verbessern.“ so Sportmediziner Dr. Andreas Schmied. „Bei kranken Menschen mit beispielsweise Lungenfunktionsstörungen ist Sauerstoff-Inhalation eine mögliche Behandlungsmethode.“

          Sauerstoff auf Vorrat?

          Viele Sauerstoffbars und Kurkliniken arbeiten nach der Mehrschritt-Methode von Prof. Manfred von Ardenne. Der primär gewünschte Effekt dieser Kur ist die Anhebung des Sauerstoffgehaltes im Blut, die eine Verbesserung der Sauerstoffversorgung der Zellen zur Folge haben soll. „Wo Energie fehlt, fehlt oft nur Sauerstoff“, so Prof. Manfred von Ardenne, der Entwickler und Protagonist der Sauerstoff-Therapien. „Und das führt zu Lustlosigkeit, Müdigkeit und geringer Belastbarkeit in allen Bereichen des täglichen Lebens.“

          Durch Inhalation soll das Sauerstoffangebot im Blut für Organe (speziell die Lunge) gesteigert werden, die Reservetanks aufgefüllt und ein Energievorrat angelegt werden. Alleine durch die Zufuhr von Sauerstoff versprechen die Macher unter anderem eine Erhöhung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, Normalisierung von Blutdruckwerten, Ausgleich von Umweltbelastungen, eine Stärkung der körpereigenen Abwehrkräfte und damit des Immun-Systems und vieles mehr.

          „Häufiger Streß wirkt diesen regenerativen und präventiven Prozessen entgegegen und macht somit vermehrte Inhalationssitzungen notwendig“, so Prof. Manfred von Ardenne. Und Streß hat ja eigentlich jeder täglich, von der Hausfrau bis zum Manager. Die zahlende Zielgruppe ist also möglichst breit gestreut.

          Ruhe und Entspannung sind die beste Medizin gegen Streß

          Also ist Vorsicht bei den teuren sauerstoffreichen Versprechen geboten: Zusammengefasst hat eine zusätzliche Sauerstoffzufuhr keinerlei positive oder gar präventive Effekte auf den Cholesterin- oder Zuckerstoffwechsel, den Abbau von Fett oder Streß und die Blutdruckregulierung.

          Um den Alltag und sportliche Aktivitäten besser zu bewältigen und insgesamt leistungsfähig zu sein, hat Prof.Berg einfachere Tipps. „Ausdauertraining für Breiten- und auch Leistungssportler mit durchblutungsfördernder Wirkung, mehr Ruhe nach Belastung jeder Art, Massagen und viel Schlaf.“

          Keine Sauerstoffzelte für das Team Telekom

          Und was ist mit Leistungssportlern wie Radprofi Lance Armstrong? Er schläft in der Vorbereitung unter einem Sauerstoffzelt. Im Hochleistungssport wird die Sauerstoff-Inhalation, wenn überhaupt, nach Wettkampfbelastung eingesetzt, um entstandene Abfallprodukte im Körper besser abzubauen. Aber selbst dafür lägen derzeit keine Beweise oder naturwissenschaftliche Hinweise vor, so Sportwissenschaftler und Team-Telekom-Berater Prof. Berg.

          Der Freiburger Sportmediziner Dr. Andreas Schmied weiß, dass im Team Telekom nicht darüber nachgedacht wird diese Methode einzusetzen. Höhentrainingslager sieht er als eine bewährte Wettkampfvorbereitung, dort wird mit genau entgegengesetzten körperlichen Prozessen gearbeitet: Training in dünner Höhenluft und der bewusste Sauerstoffentzug führen auf normalem Boden zu einer Vermehrung der roten Blutkörperchen und damit langfristig zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit.

          Weitere Themen

          Fanenergie sichtbar machen Video-Seite öffnen

          Neues Spielzeug im Stadion : Fanenergie sichtbar machen

          Wenn die Fans besonders laut schreien, trifft Robert Lewandowski häufiger - könnte eine These lauten, die man mit den neuen Daten überprüfen könnte. Dem Unternehmen Siemens nach geht es aber primär um die Fans - und dass sie noch lauter schreien, als sie es vielleicht ohnehin schon tun.

          Pfiffe für Zverev bei seinem Meilenstein

          Finale bei der ATP-WM : Pfiffe für Zverev bei seinem Meilenstein

          So hatte sich Alexander Zverev seinen großen Erfolg nicht vorgestellt. Der Deutsche besiegt Roger Federer und steht erstmals im ATP-Finale. Doch die Fans in London lassen Zverev ihren Unmut deutlich spüren.

          Unterbuchner scheitert im Viertelfinale

          Grand Slam of Darts : Unterbuchner scheitert im Viertelfinale

          Der Münchener Michael Unterbuchner ist im Viertelfinale des Grand Slam of Darts in Wolverhampton dem favorisierten Schotten Anderson unterlegen. Der wehrt sich indes gegen Vorwürfe seines Achtelfinal-Gegners.

          Topmeldungen

          Vereinigte Staaten : Wer kann Donald Trump besiegen?

          Sollen die Demokraten nach links rücken oder doch lieber die Mitte besetzen? Die Welt verfolgt gebannt den Ausgang des Richtungskonflikts in den Vereinigten Staaten. Nicht wenige hoffen auf eine Empfehlung des ehemaligen Präsidenten Obama.

          „Totale Verwüstung“ : Trump besucht Brandgebiet in Kalifornien

          Häuser, von denen nur noch die Schornsteine stehen und mehr als tausend Vermisste: Das Ausmaß der Brände in Kalifornien ist gewaltig. Donald Trump besucht einen besonders schwer betroffenen Ort – und zeigt sich erschüttert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.