07.05.2001 · Konzentriert und effizient arbeiten, schnell wichtige Zusammenhänge erkennen, sich stets auf der Höhe seines geistigen Leistungsvermögens befinden - dank Gripsgymnastik.
Von Daniel GutmannNie mehr etwas vergessen, konzentriert und effizient arbeiten, schnell wichtige Zusammenhänge erkennen, sich stets auf der Höhe seines geistigen Leistungsvermögens befinden - angesichts der Anforderungen der Leistungsgesellschaft erscheinen diese Ziele äußerst erstrebenswert.
Und sie erscheinen machbar. Denn es hat sich ein regelrechter Psychoboom rund um die „Gripsgymnastik“ entwickelt. Firmen bezahlen für entsprechende Seminare teure Honorare, Eltern schicken ihre Kinder zum Lerntraining, Manager üben zuhause vor dem Bildschirm mit entsprechenden PC-Programmen und Älterwerdende versuchen durch Denksport und Merkaufgaben den Abbau ihrer grauen Zellen zu verhindern.
Gehirntraining ist harte Arbeit
Aber ist dies überhaupt möglich? Kann man sein Gehirn tatsächlich durch Training stählen? „Ja, es geht,“ sagt Professor Andreas Gold von der Universität Frankfurt, „aber nur durch harte Arbeit“. Früher war man davon ausgegangen, dass sich durch das Training bestimmte Verknüpfungen oder Bahnen in unserem Gehirn vertiefen, wie wenn man immer wieder mit einer Nadel über eine Holzplatte kratzt, und sich dann auf diesen breiteren Spuren die Informationen schneller und besser bewegen können.
Diese Ansicht gilt jedoch als überholt, wie Gold bestätigt: „Dann müsste man ja davon ausgehen, dass bestimmte Inhalte an ganz bestimmten Stellen in unserem Gehirn gelagert sind. Man weiß aber inzwischen, dass dies nicht so ist.“
Auf die Menge der grauen Zellen kommt es nicht an
Vielmehr geht man jetzt davon aus, dass ein gesteigertes Leistungsvermögen eher von einem zeitgleichen „Feuern“ möglichst vieler Synapsen, also der Verbindungskanäle zwischen unseren Gehirnzellen, abhängt. 100 Milliarden Nervenzellen etwa birgt unser knapp 1.400 Gramm schweres Denkorgan und jede einzelne dieser „grauen Zellen“ steht ständig mit etwa 10.000 anderen in Verbindung. Bessere Leistung erbringen sie nicht dann, wenn einige dieser Kanäle möglichst oft benutzt werden, sondern wenn möglichst viele gleichzeitig Informationen übermitteln.
Das Wissen ist also nicht in den einzelnen Nervenzellen „eingelagert“, sondern entsteht erst durch die Verbindung der Zellen. Bei der Geburt sind übrigens schon alle Nervenzellen vorhanden, nur miteinander vernetzt sind sie noch nicht. Deswegen bedeutet ein größeres Gehirn auch nicht gleich größere Intelligenz.
Effizientes Arbeiten durch unterschiedliche Reize
Allerdings weiß man trotz modernster Bildgebungsverfahren wie der PET (Positronen- Emmissions- Tomographie) noch immer zu wenig, um eine abschließende Antwort geben zu können, was genau im Gehirn vorgeht, wenn wir denken, uns etwas einprägen oder uns zu erinnern versuchen. Eines weiß man jedoch sicher: Eine Steigerung der Leistungsfähigkeit durch Training und vor allem eine Gedächtniserhaltung - wichtig für ältere Menschen - ist möglich.
Professor Gold warnt jedoch davor, allzu einfachen Rezepten zu folgen: „Es gibt in diesem Markt auch sehr viele unseriöse Angebote.“ So hält er beispielsweise nichts von solchen Programmen, die einen „Lerntypus“ feststellen und empfehlen, dann immer wieder diesem bestimmten Schema zu folgen. Das Gehirn arbeitet nämlich viel effizienter, wenn es unterschiedliche Reize verarbeiten muss.
Tägliches Üben hilft
Daher rührt auch die Aufforderung, möglichst beide Gehirnhälften anzusprechen. Bei den meisten Menschen wird die linke Gehirnhälfte vorwiegend für die Verarbeitung sprachlichen, verstandesmäßigen Materials eingesetzt, die rechte Gehirnhälfte hingegen benutzen wir für die eher bildhaften und emotionalen Reize. Dies ist übrigens bei Linkshändern genau umgekehrt.
Wissenschaftlichen Ergebnissen zufolge erinnert man sich umso eher an einen Inhalt, je mehr beide Teile - Verstand und Gefühl - beim Einprägen beteiligt waren. Und ganz wichtig für einen Erfolg ist die Häufigkeit des Übens. Möglichst täglich soll man seine Gehirnwindungen auf Trab halten und über möglichst lange Zeit hinweg. Wer schnelle Erfolge verspricht, ist wahrscheinlich unseriös.
Richtige Ernährung gehört dazu
Dass gesunde Ernährung und gesunde Lebensführung sich auch positiv auf die Gehirnleistung auswirken, das leuchtet ein. Wenn man dabei auch noch frisches Obst, Milch, Geflügel, Fisch und Nüsse favorisiert, kann man auch speziell das Gehirn bei der Arbeit unterstützen, denn diese Lebensmittel enthalten besonders viel von den Stoffen, die das Gehirn verbraucht. Aber ausreichend für eine anhaltende Verbesserung des geistigen Leistungsvermögens, wie manche Magazine dies suggerieren, ist dies noch lange nicht. “
Mens sana in corpore sano“, diese Worte des römischen Dichters Juvenal werden meist nur unvollständig zitiert. Eigentlich lautet der Satz: „Orandum est ut sit mens sana in corpore sano“. Zu deutsch: „Es wäre zu wünschen, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist stecken möge.“ Juvenal war nämlich ein Satiriker.