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Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien Zu langsam im Spielaufbau

23.09.2011 ·  Brasilien ist noch längst nicht vorbereitet auf die Fußballweltmeisterschaft 2014: Der Bau der Stadien, der Flughäfen und der Infrastruktur verzögert sich.

Von Josef Oehrlein
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© Reuters Um Rettung bemüht: Aber auch mit dieser Übung werden die Rettungskräfte die WM-Vorbereitungen kaum voranbringen

Das Flugzeug ist pünktlich angekommen. Hoffentlich ist das Gepäck gleich da. Dann nichts wie raus aus dem unwirtlichen Flughafen, denken die meisten der 90 Passagiere, die in der südbrasilianischen Stadt Curitiba dem aus Montevideo eingetroffenen Regionaljet entsteigen. Doch unvermittelt finden sie sich in einer langen Schlange wieder, die auch nach einer halben Stunde nicht kürzer geworden ist. Passkontrolle auf brasilianisch. Am Schalter sitzt ein einziger Beamter. Eine Frau mit zwei Kindern, die ganz vorne steht, scheint das ideale Opfer zu sein. In belehrendem Ton redet der Kontrolleur auf die Mutter ein: Ihre Papiere seien nicht in Ordnung. Die Schlange ist dem Beamten gleichgültig. Mit einer Geste, die zeigen soll, das er noch einmal Gnade vor Recht ergehen lässt, darf die Frau mit ihren Kindern schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit gehen.

Derlei Szenen wiederholen sich auf brasilianischen Flughäfen Tag für Tag. Die Passagiere, die der Willkür des Kontrollpersonals ausgeliefert sind, fügen sich in ihr Schicksal. Ein Wort der Kritik oder auch nur eine lockere Bemerkung über die Präzision des Kontrolleurs würde alles nur noch schlimmer machen. Bürokratie und Schwerfälligkeit sind die Kehrseite der Freundlichkeit und Lebensfreude, die Brasilien zu einem der sympathischsten Reiseländer Lateinamerikas machen.

Streiks und andere Zwischenfälle

Die Flughäfen sind der größte Schwachpunkt in der Infrastruktur des Landes, das in weniger als tausend Tagen Hunderttausende Besucher aufnehmen will – zusätzlich zu den ohnehin großen Strömen von Reisenden. Der Countdown zur Fußballweltmeisterschaft 2014 hat längst begonnen, doch Brasilien scheint nicht im geringsten dafür gerüstet zu sein. An nahezu allen zwölf Austragungsorten hinken die Herrichtung der Stadien und die Verbesserung der Infrastruktur hinter den Plänen her. In Natal im Nordosten hat noch nicht einmal der Bau des Stadions begonnen.

Es gibt Konflikte bei Planung, Auftragsvergabe und Finanzierung sowie schlicht Schlamperei. Die Millionenbeträge, die bei den Projekten bewegt werden, sind geradezu eine Einladung, mit Hilfe von Überpreisen und anderen Tricks Gelder abzuzweigen. Auf die zahlreichen Korruptionsklagen hin ordnet die Justiz meist eine vorläufige Einstellung der Bauarbeiten an. Und schließlich kommt es zu Streiks und anderen Zwischenfällen. Das Stadion von Curitiba, die „Arena da Baixada“, die noch vor einem Jahrzehnt zu den modernsten Sportstätten Brasiliens zählte, deren Kapazität aber von 25 000 Plätzen auf mehr als 40 000 erweitert werden muss, gehört zu den besonders rückständigen Ausbauprojekten. Die Arbeiten ruhen. Mit der Erweiterung wird erst Anfang nächsten Jahres begonnen. Angeblich soll aber alles bis Ende 2012 fertig sein.

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© AFP Baustelle in Itaquerao: Unvorstellbar, dass hier einmal ein Fußballspiel stattfinden soll

An den Flughäfen sieht es nicht besser aus. Im Regierungslager herrscht ideologischer Streit über die Frage, ob die schon jetzt im Alltagsbetrieb überforderte staatliche Flughafengesellschaft „Infraero“, die 97 Prozent der brasilianischen Flughäfen betreibt, auch privatisiert werden soll. Das führt zu zähem Hin und Her in der Auftragsvergabe. Vor der nahenden Weltmeisterschaft ist ohne private Hilfe ein Chaos zu erwarten. Bei neun von 13 Flughäfen, die während der WM besonders in Anspruch genommen werden, befürchten selbst offizielle Stellen, dass die Erweiterungs- und Modernisierungsarbeiten nicht rechtzeitig abgeschlossen sein werden. Dazu zählt auch Curitiba. Dort wird jetzt die Piste erneuert, doch die Schlangen an den Check-In-Schaltern, bei der Sicherheits- und Passkontrolle, die unwirtlichen und unpraktischen Abfertigungseinrichtungen zeigen, wie viel noch getan werden muss, um der Besucherströme Herr zu werden.

Mehr als die Hälfte der Projekte noch in Planung

Für den Ausbau der Flughäfen der WM-Austragungsorte stehen drei Milliarden Euro bereit. Doch ob die Summe ausreichen wird? Denn der Schwund durch Korruption ist mit Sicherheit noch nicht eingerechnet. Nur in Belo Horizonte, dessen Stadion zu den wenigen zählt, die termingerecht vollständig fertiggestellt sein werden, ist auch der Ausbau des Flughafens planmäßig vorangekommen. Das mag daran liegen, dass die Hauptstadt des Bundesstaats Minas Gerais Präsidentin Dilma Rousseffs Geburtsort ist. Sie wohnte dort zusammen mit Pelé der Feier zum Beginn des 1000-Tage-Countdowns bei.

Die Presse, die immer wieder kritisch mit den Organisatoren der WM und der Regierung ins Gericht geht, hat aufgelistet, dass von den etwa 80 Großvorhaben, die Brasilien für die WM fit machen sollen, 50 noch nicht aus dem Planungsstadium herausgekommen sind. Dazu zählt nicht nur der Ausbau von Stadien und Flughäfen, sondern vor allem die Verbesserung der Infrastruktur sowie der Transport- und Kommunikationssysteme in den Städten unter deren Verantwortung.

Verkehrswege müssen künftig staufrei sein

Besonders unübersichtlich ist die Lage in Rio de Janeiro, das sich auch noch auf die Olympischen Spiele 2016 vorbereiten muss und wegen der schwierigen Topographie vor großen Herausforderungen bei der Verbesserung der Verkehrswege steht. Das Hauptprojekt, die Erweiterung der noch recht rudimentären U-Bahn, kommt nicht voran. Und es ist nicht zu erkennen, wie die Besucher und Athleten zu den einzelnen Spielstätten der Olympischen Spiele gelangen sollen – wenn schon an gewöhnlichen Werktagen ganze Stadtteile zugestaut sind.Curitiba gehört zu den weniger kritischen Austragungsorten der Weltmeisterschaft. Aber die Stadt hat einen Ruf zu verteidigen. Sie war einmal brasilianische Mustermetropole mit einem klug durchdachten Entwicklungsplan und einem hocheffizienten Nahverkehrsnetz, dem ersten in Lateinamerika mit einem ausgeklügelten System von Schnellbussen und Zubringerlinien, dessen Benutzung für viele Bewohner attraktiver war als die Fahrt mit dem eigenen Auto. Außerdem sorgte die Ansiedlung von Industrie und den nötigen Versorgungs- und Bildungseinrichtungen in der Nähe von Wohnsiedlungen dafür, dass Fahrten über lange Strecken unnötig wurden. Verkehrsstaus waren noch in den neunziger Jahren so gut wie unbekannt.

Stadtentwicklungskonzept wächst Fachleuten über den Kopf

Noch immer ist Curitiba – gemessen an den Verhältnissen in anderen brasilianischen Städten – ein Musterbeispiel an Ordnung und Sauberkeit. Das liegt auch an originellen und seit Jahrzehnten funktionierenden Programmen wie „O Lixo que não é Lixo“ (Müll, der kein Müll ist) oder „Câmbio Verde“ (Grüner Tausch), bei denen Müll zum Recycling getrennt gesammelt wird oder Unrat aus Ecken, in die der Müllwagen nicht kommt, an Sammelstellen abgegeben werden kann. Für zwei Kilo Müll gibt es ein Kilogramm Lebensmittel.

Inzwischen scheint Curitiba jedoch selbst den einfallsreichen Fachleuten des von der Stadtverwaltung unabhängigen „Instituts für urbane Forschung und Planung“ (IPPUC), die das von 1965 stammende und von dem früheren Bürgermeister Jaime Lerner in den siebziger Jahren perfektionierte Stadtentwicklungskonzept an die aktuellen Erfordernisse anpassen müssen, über den Kopf zu wachsen. In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten ist die Bevölkerung im Großraum Curitiba um 500 000 Einwohner auf fast drei Millionen gestiegen. Das Omnibussystem ist überlastet. Nicht nur zu den Stoßzeiten kommt es zu Verkehrsstaus, weil sich im boomenden Brasilien immer mehr aus den ärmeren Bevölkerungsschichten in die Mittelklasse aufgestiegene Familien ein Auto leisten können, und sei es auch auf 60 Raten zu deftigen Zinsen.

„Kriminalität ist ein nationales Problem“

Ricardo Bindo, der Planungschef des Instituts, ist zuversichtlich, dass Curitiba die Spiele der Weltmeisterschaft ohne Probleme verkraften kann. Für Stadion- und Flughafenausbau ist die Stadt nicht zuständig. Zu den Projekten, mit denen die Mobilität verbessert werden soll, gehört die Einrichtung einer neuen Hauptverkehrsachse. Erleichterung könnte vor allem ein Metronetz bringen. Es gab sogar schon eine Ausschreibung. Doch ist bislang aus den Plänen nichts geworden, vor allem aus bürokratischen Gründen. Es sei allerdings nie geplant gewesen, ein unter- oder oberirdisches Schnellbahnnetz bis zur WM fertigzustellen, sagt Ricardo Bindo.

Auch in Curitiba, das einmal als eine der sichersten Städte Brasiliens galt, hat sich schon längst wieder die Kriminalität eingenistet und sorgt für immer größere Verunsicherung in der Bevölkerung. Offensichtlich kapitulieren auch die Stadtplaner davor. Die Verhältnisse sind zwar noch lange nicht so wie in Rio de Janeiro und São Paulo, wo die Umtriebe der Rauschgiftbanden sogar mit Militäreinsätzen bekämpft werden. Aber mittlerweile gebe es in Curitiba praktisch alle Delikte, die seine Landsleute auch andernorts peinigen: Drogenkriminalität, Überfälle, Morde, gesteht der Stadtplanungschef etwas hilflos ein. „Es ist ein nationales Problem.“

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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