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Zum Tod von Wolfgang Frank : Ein Vordenker ohne Bundesligaglück

Ein Trainer mit großer Wirkung: Wolfgang Frank ist nach einem schweren Krebsleiden gestorben Bild: dpa

Wolfgang Frank war seiner Zeit voraus. Nun starb ein Fußballlehrer mit viel Einfluss auf die Trainergeneration der Gegenwart. Jürgen Klopp würdigt seine Lehrmeister als jemanden, „der für uns alle mehr war als ein Trainer“.

          Es hatte etwas Würdevolles, dass sich am Samstagnachmittag die beiden Klubs auf dem Fußballplatz begegneten, die wohl die bedeutsamsten Stationen im Trainerleben von Wolfgang Frank waren. Auf dem Bieberer Berg in Offenbach gab es somit vor dem Regionalliga-Spiel der Kickers gegen die zweite Mannschaft von Mainz 05 eine Schweigeminute zu Ehren des verstorbenen Trainers, der von 1995 bis 1997 und von 1998 bis 2000 Mainz 05 und von 2006 bis 2007 Offenbach jeweils in der Zweiten Bundesliga trainiert hatte.

          Frank hatte ein Credo in seinem Leben als Fußballtrainer. „Es gibt keinen Zufall.“ Glück, so der Subtext, erarbeitet und verdient man sich. Aber im Leben gibt es Schicksal. Und das wollte es nun, dass der in 215 Bundesligaspielen für Braunschweig, Dortmund und Nürnberg 89 mal erfolgreiche ehemalige Stürmer am Samstag im Alter von 62 Jahren nach einem Krebsleiden gestorben ist.

          „Wolfgang Frank hat mit seinen Denkanstößen einen nicht zu unterschätzenden Beitrag geleistet dafür, dass wir heute in der Bundesliga spielen können“, sagte der Mainzer Präsident Harald Strutz. Strutz erinnerte zudem daran, wieviele ehemalige Spieler von Frank heute als Trainer das Erbe ihres Lehrers pflegen. Mehr als ein Dutzend ehemaliger Spieler vornehmlich aus Franks wohl erfolgreichster Zeit bei Mainz 05 haben den Beruf des Fußballlehrers auch deshalb ergriffen, weil sie von der akribischen Arbeitsweise des Schwaben, der später auch den Schweizer Pass annahm, beeindruckt waren.

          An der Spitze stehen derzeit der Dortmunder Meistertrainer Jürgen Klopp, der Frank immer wieder als seinen Lehrmeister bezeichnet hat, und auch der Braunschweiger Aufstiegstrainer Torsten Lieberknecht. Beide hatten zwischen 1995 und 2000 insgesamt vier Jahre gemeinsam unter Wolfgang Frank trainiert. In der Arbeit dieser Trainer wie auch ihrer ehemaligen Teamkameraden wie Jürgen Kramny (VfB Stuttgart II), Christian Hock (Nachwuchskoordinator SV Wehen Wiesbaden), Sven Demandt (A-Junioren Trainer Borussia Mönchengladbach) oder Sandro Schwarz (A-Junioren Trainer Mainz 05) und einigen anderen leben auch die Ideen von Frank weiter.

          Frank brachte die Viererkette in den deutschen Profifußball

          Frank, der wegen seines Körpergewichts von nur 66 Kilogramm „Floh“ genannt wurde, spielte die kompletten siebziger Jahre mit Ausnahme eines einjährigen Gastspiels bei AZ Alkmaar in den Niederlanden in der Bundesliga. Nebenbei schloss er ein Lehramtsstudium (Sport  und Religion) ab. Ihm gelang dann als Trainer das Kunststück, die Mannschaft von Rot-Weiss Essen ins Finale des DFB-Pokals 1994 zu führen, obwohl der Klub schon zur Winterpause nach einem Lizenzverstoß zum Zwangsabstieg verurteilt nur noch außer Konkurrenz am Spielbetrieb der Zweiten Bundesliga teilnehmen durfte.

          Aus der in taktischen Dingen damals fortschrittlicheren Schweiz brachte er die Viererkette mit und setzte sie als erster Trainer im deutschen Profifußball ein. Bei Mainz 05 vollbrachte er mit diesem taktischen Mittel ein sportliches Wunder, als er das schon fast abgestiegene Team zur besten Rückrunden-Mannschaft entwickelte, die am letzten Spieltag der Saison 1995/96 den Klassenverbleib schaffte. In der darauffolgenden Saison klopfte Mainz 05 sogar ans Tor zur Bundesliga – allerdings hatte Frank das Erfolgsteam zu Rückrundenbeginn aus Ärger über eine Niederlage in Leipzig überstürzt verlassen. Er ließ sich dann nicht einmal von seinen Spielern wie dem Wortführer Jürgen Klopp umstimmen.

          Wolfgang Frank kehrte ein weiteres Mal zu Mainz 05 zurück, trennte sich aber wieder nach nur zwei Jahren vom Klub, um beim MSV Duisburg seinen Traum von der Bundesliga zu verwirklichen. Das Unternehmen misslang und auch in den folgenden Jahren jagte der Vordenker dem Bundesligaglück vergeblich nach.

          Der Taktikexperte fand nicht den richtigen Klub

          Es folgten kurze Engagements bei oftmals krisengeschüttelten Klubs an der Schwelle zwischen Zweiter und Dritter Liga wie beim SV Wehen oder Kickers Offenbach. 2012 scheiterte er beim Versuch, den belgischen Zweitligaklub AS Eupen in die Erstklassigkeit zu führen. Es schien, als gebe es nicht mehr den richtigen Verein für einen ausgewiesenen Taktikexperten, der schon früh die Bedeutung mentaler Arbeit mit Fußballspielern erkannt hatte.

          Zuletzt beobachtete und analysierte Frank aus alter Freundschaft zu Mainz 05 für den Bundesligaklub gelegentlich kommende Gegner, an seinem Wohnsitz in Mainz war er in der Zeit von Vereinslosigkeit Stammgast bei den Bundesliga-Heimspielen.

          Klopp und viele andere Weggefährten hofften auf Besserung

          In den vergangenen Jahren des nie vollständigen beruflichen Glücks bezeichnete Frank die übereilten Abschiede aus Mainz als seine größten Fehler. „Heute würde ich das anders machen und mehr Geduld mitbringen“, sagte Frank beispielsweise im vergangenen Jahr, als er im Gespräch mit dieser Zeitung Manager Christian Heidel anlässlich  dessen zwanzigsten Dienstjubiläums würdigte.

          Dann hätte Frank womöglich mit Mainz 05 den sportlichen Erfolg erleben können, den Jürgen Klopp später feierte. Der heutige Spitzentrainer wechselte 2001, nachdem Mainz 05 zwei Nachfolger Franks verschlissen hatte, vom Posten des Rechtsverteidigers auf die Trainerbank und berief sich gerade in seiner Anfangszeit als Fußballlehrer stark auf Franks Prinzipien mit zwei sehr kompakten Viererketten in einem 4-4-2-System.

          Lehrer und Meistertrainer: Wolfgang Frank inspirierte Jürgen Klopp (r.) maßgeblich

          Klopp entwickelte dieses Spielsystem später weiter, bekannte sich aber immer wieder als Schüler von Frank. „Er war für uns alle mehr als ein Trainer“, sagte Klopp am Samstag im Gespräch mit FAZ.NET stellvertretend für viele ehemalige Spieler. „Wir alle haben in den letzten Monaten mitgefiebert, dass sich noch mal eine Besserung ergeben möge. Bei dieser schrecklichen Krankheit war der Tod leider absehbar. Trotzdem ist das heute ein schrecklicher Verlust.“ Er sei wie viele andere sehr dankbar, das Franks Frau Stella Begegnungen mit ihrem Mann ermöglicht habe, was Frank und allen Wegbegleitern gut getan habe.

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