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Zlatan Ibrahimovic Der letzte Actionheld

 ·  Provokant, großspurig, manchmal brutal: Der schwedische Star Zlatan Ibrahimovic ist der extremste Fußballer dieser Zeit - und nun auch ein Phänomen der Popkultur.

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© WITTERS Das inoffizielle Tor des Jahres: Der Fallrückzieher des Schweden Zlatan Ibrahimovic im Spiel gegen England

Es gibt kein Entrinnen. Selbst in der Winterpause kann man Zlatan Ibrahimovic nicht entkommen. Ob Buchhandlung oder Nachtclub, Bestsellerliste oder Hitparade, Sportteil oder Feuilleton - 2012 war der Alleskönner allgegenwärtig, schoss mit seinem spektakulären Fallrückzieher nicht nur das inoffizielle Tor des Jahres, plättete die deutsche Fußballseele und die englische Abwehr, sondern verewigte sich auch literarisch. Nun „zlataniert“ er sogar noch die französischen Charts.

Wer in Paris in diesen Wochen in einen Club zum Tanzen geht, dessen Ohren malträtiert früher oder später unweigerlich der neueste Partykracher. Die künstlerische Qualität des Hits mit dem Titel „My name is Zlatan“ mag zweifelhaft sein, der Erfolg auf den Tanzflächen der Hauptstadt ist es nicht. Der martialische Mix mit dem stampfenden Elektro-Beat läuft überall, der Refrain „Auf dem Feld ist er der Boss, er nimmt dich auseinander und entbeint dich wie ein Huhn“ hat Kultpotential, die Antwort auf die gerappte Frage „Wer ist die Kraft? Wer hat die Macht?“ kennt jedes Kind: „Es ist Zlatan!“

Mehr Zlatan war nie

Ibrahimovic ist längst mehr als ein Fußballer, er ist ein Phänomen der Popkultur. Mehr Zlatan war nie. Da trifft es sich, dass niemand mehr den Künsten des Stürmers sprachlos gegenüberstehen muss. Indem die schwedische Sprachakademie das von französischen Medien inflationär genutzte Wort „zlataner“ entlehnte und in ihren Duden aufnahm, schenkte sie Ibrahimovic kürzlich seinen eigenen Superlativ. Seinen Vornamen, der im Slawischen „Der Goldene“ bedeutet, hat sich Ibrahimovic, dessen Autobiographie im November für den schwedischen Literaturpreis nominiert wurde, schon 2003 beim Patentamt schützen lassen. Mit einer halben Million verkauften Exemplaren ist „Ich bin Zlatan“ einer der größten Erfolge in der Geschichte des skandinavischen Buchhandels.

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Die Erklärung für diesen Hype liegt nah. In der Welt der glattgebürsteten und auf mediale Zurückhaltung getrimmten Vorzeigefußballer ist Ibrahimovic so etwas wie der letzte Rebell, stetig changierend zwischen Action- und Antiheld. Der Schwede ist politisch inkorrekt, er ist anders. Seine Sprüche sind bisweilen beleidigend, provokant oder großspurig, niemals aber Parolen aus der Enzyklopädie der Sportlerfloskeln. Messi, den Ibrahimovic einmal als „meinungslosen Schuljungen“ bezeichnet hat, mag der beste Fußballer dieser Zeit sein - Ibrahimovic ist ihr extremster. Messi, das ist Perfektion fast am Rande der Eintönigkeit, Ibrahimovics Spiel hingegen ungehörig, sexy und unberechenbar.

Für Paris Saint-Germain hat sich seine Verpflichtung schon jetzt voll ausgezahlt. Verein, Liga und Fans ergötzen sich an ihrem Star, der die Hinrunde ohne einen Hauch von Demut mit „Hier entsteht Großes. Ich spüre, dass Paris durch mich wird, was es sein will“ zusammenfasste. Gemessen an der Aufmerksamkeit, die der Champions-League-Achtelfinalist allein durch ihn erhält, dürfte sich selbst sein Jahresgehalt von 14 Millionen Euro netto rechnen.

Rendezvous mit der Disziplinarkommission

Auch Ibrahimovics Karriere hat der Wechsel in die erste französische Ligue einen so vorher nicht absehbaren Schub gegeben. In diesem eher blassen Championat gehört die Bühne ihm allein. Wie in der schwedischen Nationalmannschaft hat der 31-Jährige hier die Möglichkeit, als heller Solitär zu glänzen. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Die dunkle Seite der Macht zeigte sich zuletzt Mitte Dezember im Ligaspiel gegen Titelkonkurrent Olympique Lyon, als Ibrahimovic seinem Gegenspieler mit einem Schuh Größe 47 ins Gesicht stieg. Und nachdrückte.

Am nächsten Donnerstag hat der Übeltäter nun ein Rendezvous mit der Disziplinarkommission des französischen Verbandes, um den Verdacht der böswilligen Absicht aus der Welt zu räumen. Es ist nicht seine erste Vorladung. Im November hatte schon der Torhüter von Saint-Etienne unschöne Bekanntschaft mit dem imposanten Fuß gemacht. Mit einem Brusttritt hatte Ibrahimovic den Keeper niedergestreckt, Rot erhalten und war für zwei Spiele gesperrt worden. PSG verlor beide. Die Frage nach der Abhängigkeit des Tabellenführers stellt sich nur deshalb nicht, weil die Antwort offenkundig ist. Ibrahimovics Außerordentlichkeit ist das Problem von PSG.

„Der Erlöser ist da“

Trainer Carlo Ancelotti hat unlängst freimütig eingeräumt, dass er immer mit der Nummer 18 beginnt, wenn er seine Aufstellung notiert. In der Rückrunde wird der Italiener einstweilen Ersatz suchen müssen, da die Kommission den Wiederholungstäter diesmal härter für seine Brutalität bestrafen dürfte. Neueinkäufe hat Ancelotti dennoch ausgeschlossen. Wenn es nach ihm geht, bleibt Nachwuchsspieler Lucas, für den 40 Millionen Euro Ablöse nach São Paolo flossen, der einzige Neuzugang dieser Transferperiode. Mehr Geld wurde noch nie auf dem brasilianischen Markt investiert, was in Frankreich eine Erwartungshaltung schürte, die für zehn Brasilianer reichen würde.

Lucas Rodrigues Moura da Silva gelang es sogar, Ibrahimovic zeitweilig aus den Schlagzeilen zu verdrängen. In ihrer Weihnachtsausgabe titelte die französische Sportzeitung „L’Equipe“ überschäumend: „Der Erlöser ist da.“ Und wie der 20-Jährige bei seiner Ankunft am Flughafen vergangenen Mittwoch den erhobenen Daumen mit einem heroischen Grinsen in die Kameras reckte, weckte er tatsächlich Erinnerungen an den jungen Ronaldinho, dessen europäische Karriere ebenfalls in Paris begonnen hatte. Dass neben Klubpräsident Nasser Al-Khelaifi, der Statthalter der qatarischen Besitzer von PSG, auch Ibrahimovic zu seinem Empfangskomitee zählte, ließ auf ehrliches Interesse am Neuankömmling schließen. Er freue sich auf das Zusammenspiel, sagte der inoffizielle Mannschaftskapitän.

Eine Aussage, die, da Ibrahimovic weniger für höfliche Nettigkeiten als schonungslose Offenheit gegenüber Mitspielern bekannt ist, ernst genommen werden darf. Mit Lucas, der das geschmeidige, schnelle und körperlose Spiel der Brasilianer in Reinform zeigt, bekommt PSG einen höchst variablen und explosiven Mittelfeldgestalter, der die Leerstelle hinter Ibrahimovic schließen und sein Spiel kongenial ergänzen dürfte.

Die Medien haben bereits jetzt ihre helle Freude an diesem kontrastreichen Gespann. Statt exaltierter Frisur und Tattoos trägt Lucas einen Schulbubenschnitt zum Unschuldsblick und hat statt einem schwedischen Unterwäschemodel seine Mutter mitgebracht. Beide eint, was sie von anderen abhebt: Neben einem erlesenen Repertoire feinster Finten besitzt auch Lucas ein eigenes Lied. Die Hymne vom „Menino de Ouro“, dem Goldjungen, ist in Brasilien landesweit bekannt. Paris kann schon mal anfangen zu üben. Bis der portugiesische Text richtig sitzt, hat im Prinzenparkstadion weiterhin nur einer die Macht: „Es ist Zlatan!“

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