29.12.2006 · Zinedine Zidane hat durch seinen Kopfstoß die Fußballwelt erschüttert, aber seinen Namen nicht zerstört. Gerade in der Dritten Welt ist er ein Held. Der französische Fußballstar wirkt auf die Armen so, als sei er noch immer einer von ihnen.
Von Christian Eichler, BrüsselZwei Wochen vor Weihnachten hat er die Heimat seiner Eltern besucht. "Lang lebe Zidane!" riefen die Menschen in Algerien ihm zu. Er besuchte die Kleinstadt Sidi Daoud, die 2003 von einem Erdbeben zerstört worden war. Er reiste mitten in das Rebellengebiet des von Unruhen, tektonischen wie politischen, geplagten Landes seiner Väter.
Zidane kennt sich mit Erschütterungen aus. Er selber war das Epizentrum jenes Bebens, das sich am 9. Juli 2006 ereignete, kurz nach 22 Uhr, in Berlin. Es war ein Beben ohne Ausschlag auf der Richter-Skala, ohne Todesopfer und Obdachlose. Und doch ein Ausbruch von Naturgewalt, mit schweren Schäden. In der erschütterten Fußballwelt 2006.
Keine Entschuldigung bei Materazzi
Er hat geholfen, alle Folgen zu lindern. In Sidi Daoud, wo er den Aufbau einer Schule und eines Sportzentrums unterstützte. In der Fußballwelt, indem er sich bei den Kindern und Jugendlichen entschuldigte, denen er ein schlechtes Vorbild gewesen sei - aber nicht bei Marco Materazzi, der keine Vorbilder mehr braucht.
Zidanes Stirn, wie die Hörner eines wilden Stieres gegen die Brust des stürzenden Italieners gestemmt - es ist das bleibende Bild des Jahres 2006, nicht nur im Sport. Es ist die Szene, die eine Karriere zehn Minuten zu früh beendete; die Frankreich vielleicht den WM-Titel kostete und Zidane den Heiligenschein. Sein Leben aber hat sie nicht geändert. Schon gar nicht seinen Marktwert. Über vier Millionen Euro im Jahr verdient Zidane, der Fußball-Rentner, durch Werbeverträge mit Adidas, Danone, Canal Plus, Orange, Generali.
Der beliebteste Franzose
Seine Landsleute küren ihn in Umfragen zum beliebtesten Franzosen. Das WM-Finale hat daran so wenig geändert wie die angebliche Affäre mit der Schlagersängerin Nadiya. Angesichts der Beliebtheit des nationalen Heros und Vaters von vier Söhnen hat selbst die Klatschpresse das Thema nur mit spitzen Fingern angefaßt. So wie es etwa die Illustrierte "Voici" tat, die in schönster Boulevard-Verlogenheit das Thema auf dem Titel mit den empörten Worten verkaufte, es sei ganz unmöglich, daß es eine solche Affäre gebe mit "unserem nationalen Wahrzeichen, dessen Diskretion und legendäre Bescheidenheit seiner Rolle als Vorbild-Vater und Familienmensch entspricht".
Weltweit hat Zidanes Popularität vielleicht sogar noch zugenommen durch den Abgang von Berlin - vor allem bei den Hunderten Millionen, die mit dem Gefühl aufwachsen, ins falsche Viertel oder in das falsche Land geboren worden zu sein. Er ist ein Held für die Dritte Welt, die in mancher Vorstadt Europas beginnt. Denn Zidane, das Einwandererkind aus einem tristen Viertel Marseilles, wirkte auch als Weltstar auf die Armen und die Außenseiter so, als sei er einer von ihnen geblieben. Immer behielt er die stolze, distanzierte Aura dessen, der sich von der Welt der anderen, der Reichen, nie vereinnahmen ließ - bis hin zur finalen Geste.
Weltweit gefeiert
Der Friedens-Nobelpreisträger Mohammed Yunus lud ihn im November nach Bangladesch ein, wo ihn Tausende feierten; Präsident Ahmed bot ihm einen Posten als offizieller Beobachter für die Parlamentswahl im Januar an. Auch als er nach Algerien flog, war das nicht die Reise eines Ex-Fußballers, sondern eher ein Staatsbesuch - sein Gastgeber: Präsident Bouteflika. Es ist eine erstaunliche Karriere für einen gerade 34jährigen Mann, dessen Eltern 1962, im Jahr der Unabhängigkeit Algeriens, ins Land der alten Kolonialmacht gezogen waren. "Zizou" wuchs in einer Trabantenstadt mit anderen Immigranten aus Nordafrika auf; in einem Umfeld, in dem man außer Familie, Härte und Stolz nicht viel hatte.
Es ist diese Jugend in der Banlieue, die nach dem WM-Finale gern als psychosozialer Hintergrund für einen sportlichen Eklat bemüht wurde; als Erklärung für das Unerklärliche. "Um so hochzukommen wie Zidane, muß man einen Kampf führen um Leben und Tod. Man hat automatisch dieses Kampfbewußtsein. Und das kommt in solchen Momenten eben raus", sagte Daniel Cohn-Bendit, Experte für Fußball wie für Frankreichs soziale Probleme, der "taz". Es sei zugleich der Grund, warum sich "die Jungs in den Vorstädten heute so mit ihm identifizieren, weil er sich nichts gefallen läßt", und warum "sie sagen: Ich hätte genauso reagiert, wenn der Materazzi meine Mutter oder mich angemacht hätte". Der Europapolitiker fand: "Damit wird die Tat nicht richtiger. Aber der Held ist kein Heiliger - und das ist gut. Diese griechische Tragödie hatte etwas Reinigendes."
„Was ich wirklich zu Zidane sagte“
Hatte sie das wirklich? Materazzi hat seitdem versucht, die Sache aus der Welt zu schaffen. Er lud Zidane mehrfach zur Versöhnung ein ("Meine Tür steht offen"). Zugleich schrieb er ein witzig gemeintes Büchlein mit der Auflistung dessen, "was ich wirklich zu Zidane sagte" (eine von 249 angebotenen Versionen: "Mein Ferrari ist schöner als deiner"). Auch andere kochten ihr Süppchen auf dem Feuer von Berlin, manche tun es noch immer. Zwei selbsternannte Fan-Gruppen versuchen, Zidanes Rote Karte vor einem französischen Gericht anzufechten und das WM-Finale wiederholen zu lassen. Sie argumentieren: Der vierte Offizielle, der den Schiedsrichter vom Kopfstoß unterrichtete, habe den verbotenen TV-Beweis verwendet. Doch der Spanier Cantelejo hat stets erklärt, er habe Zidanes Stoß mit eigenen Augen gesehen.
So unwürdig die Tat, so würdevoll wirkt, was Zidane mit ihr und aus ihr macht. Nämlich nichts. Alle redeten über ihn, er schwieg. Seine Distanz, seine Verweigerung einer Beschwichtigung oder Relativierung passen ganz und gar nicht in die Zeit der Medien; in eine Welt der Rundumverkleisterung der Tat durch das Wort. Zidane beging die Tat des Jahres und ging wortlos.
Kampf der Wahrheiten
Es war Zeit für ihn. Längst ist der Fußball zu einem Feld für politisches Denken und Handeln geworden; auf dem man nicht nur einfach Fußball spielt, sondern Positionen absteckt, Einfluß nimmt, Themen besetzt und vor allem eins tut: seine eigene Wahrheit verkaufen. Spieler, Trainer, Manager leben in einer geschlossenen Welt, in der eine hemmungslos subjektive, dem eigenen Nutzen untergeordnete Optik gefragt ist. Denn jede unabhängige Einschätzung einer strittigen Situation wird "unprofessionell", wenn die Wahrheit zum Wettbewerbsnachteil gerät. Diese Art Profifußball ist die passende Parallelwelt zu jener, die sich in den Köpfen von immer mehr Menschen durch die filterlose Informations-Explosion des Internets in selektive Wahrnehmung, in polarisierende Optik, in eine innere Welt von Verschwörungen verwandelt. So wie man wider die Beweislage weiter glauben kann, daß mit JFK und Lady Di, mit 9/11 und Mondlandung alles ganz anders war, so kann man auch Fußball als Spielfeld fürs Irrationale nutzen, als eine Fläche, auf der jeder nur seine eigene Wahrheit sieht.
Zidane, der Schweiger, hat sich am Kampf der Wahrheiten nie beteiligt. Zu Zidane, dem Täter, aber hat jeder seine eigene Wahrheit. Raymond Domenech, der französische Nationaltrainer, stellte seine in einem Interview im November mit "L'Equipe" dar. "Ich bin nicht böse auf Zizou. Ich bin böse über das, was danach geschehen ist und was dazu geführt hat, die Leistung der französischen Mannschaft zu vergessen, selbst den Sieg der Italiener. Es hat unsere WM verschluckt. Es ist, als reduziere man den Titel der Argentinier 1986 auf das Handspiel Maradonas gegen England." Zidane habe nur die Nerven verloren: "Das ist menschlich. Es ist unerklärlich, aber es passiert."
Verschwörungstheorien
Der unerklärliche Kopf von Zidane - der Welt der doppelten Wahrheiten und der Verschwörungstheorien hat er einen Spielball für die Ewigkeit geschenkt. Es ist die größte WM-Kontroverse neben dem Wembley-Tor von 1966 und der "Hand Gottes" von 1986, zwei Fälle, von denen die beteiligten Seiten bis heute verläßlich gegensätzliche Versionen äußern: für die Engländer war der Ball drin, für die Deutschen nicht; für die Engländer eine Schweinerei von Maradona, für die Argentinier ein Schelmenstück. Auch Zidane spaltet. Anders als 1966 und 1986 aber entschied hier der Schiedsrichter richtig, und das war gut, auch für den Täter.
Womit er büßen muß? Damit, daß viele nun vergessen, was vorher war. Seine einmalige Karriere. Selbst jenen Teil der WM 2006, deren Sensation er war. Sein magisches Spiel gegen Brasilien; seine Tore gegen Spanien und Portugal und den arrogant lässigen Elfmeterschlenzer gegen Buffon im Finale. Der Mann, der bei Real Madrid zuletzt so müde gewirkt hatte, daß man ihn fast bemitleidete, noch einmal zur WM zu müssen, wurde völlig unerwartet der Star des Turniers. Er blieb es bis in die Verlängerung des Endspiels, bis zu jenem Kopfstoß, der alles hätte krönen können - nicht der gegen Materazzi, sondern gegen den Ball, als er Sagnols Flanke mit der Stirn so wuchtig erwischte wie die beiden Eckbälle im WM-Finale 1998 gegen Brasilien. Doch Buffon hielt großartig. Zehn Minuten später der zweite Kopfstoß - und alles, was vorher war, war vorbei.
Das Geheimnis bleibt
Manche behaupteten hinterher, sie hätten es kommen sehen. Jene, die Zidane als jähzornigen Halbwüchsigen im Fußball-Internat in Cannes erlebt hatten. Dort hatte er gegen den inneren Furor mit disziplinierenden Übungen angekämpft, wie dem Putzen der Mannschaftskabine. Jene, die an die Heim-WM 1998 erinnerten, als er einen am Boden liegenden Saudi trat und Rot sah - es kostete ihn die Teilnahme an den beiden größten Zitterpartien auf dem Weg zum Titel, Paraguay und Italien. Ganz Frankreich hätte ihn zerrissen, wäre es schiefgegangen. Doch die Kollegen retteten ihn, und er wurde der Held des Finales.
Und auch der Dokumentarfilmer, der kurz vor der WM "Zidane - ein Porträt des 21. Jahrhunderts" ins Kino brachte (die Dokumentation einer Partie mit Real, in der Zidanes Ball- und Mienenspiel von 17 Kameras zum Bild-Ballett eines Ball-Magiers komponiert wird) - auch er behauptete, er hätte es geahnt während der Verlängerung. "Ich sah sein Gesicht", sagte Philippe Parreno, der Zidane in zehn Monaten Filmarbeit näher kennengelernt hatte, "und sagte zu mir: Eine Rote Karte wird kommen."
Wirkte er nicht immer wie ein Mensch voller Sehnsucht für das ferne, unbekannte Land des Glücks? Jemand, der auch in den besten Momenten seiner Karriere entrückt und melancholisch blieb? Auf der größten Bühne der Welt war er ein Mensch in seiner eigenen Welt. Einer, der im Moment des Abschieds seine Abgründe offenbarte; aber nicht erklärte. Wenn von jedem großen Künstler etwas bleibt, dann bleibt von Zidane das Geheimnis.
Zidane
Alfred Freudenberger (Forgetit)
- 29.12.2006, 18:00 Uhr
Schade
Carmen Iandiorio (Nuvola)
- 01.01.2007, 19:21 Uhr
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |