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Xamax Neuchâtel Gespenstisches Regime

 ·  Erst falsche Versprechen, dann Fälschung, Untreue, Betrug. Nun der sofortige Lizenzentzug. Ein absurdes Lehrstück, wie Xamax Neuchâtel vom Tschetschenen Tschagajew zugrunde gerichtet wurde.

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© AFP Tschetschenischer Motivator Tschagajew: „I kill you all“

Es wachten auffällig viele unauffällige Sicherheitsleute vor einem nüchternen Konferenzsaal am Flughafen Zürich, als drinnen die Verantwortlichen der Schweizer Profiliga „Swiss Football League“ das Aus für Xamax Neuchâtel erläuterten. Dem Westschweizer Fußballklub war die Lizenz für die beiden höchsten Ligen mit sofortiger Wirkung entzogen worden. Vergeblich hatte die Liga seit der Übernahme des Vereins durch den Tschetschenen Bulat Tschagajew auf die Beweise gewartet, dass er über das nötige Geld verfügt, um sein ambitioniertes Budget zu stemmen. Dazu kommt, dass der Verein seit September den Nachweis schuldig geblieben ist, seine Spieler bezahlt zu haben.

Erst wurden die Neuenburger dafür mit 16.000 Euro Geldbuße belegt, dann mit Punktabzügen. „Jetzt ist uns nichts anderes mehr übriggeblieben als der Entzug der Lizenz“, sagte Daniele Moro, Vorsitzender der Disziplinarkommission der Liga, am Mittwoch mit Bedauern. Ob es für diese Feststellung wirklich die erste Pressekonferenz in der Geschichte der Liga mit Sicherheitspersonal gebraucht hatte? Nun, wahrscheinlich waren den Offiziellen all die Geschichten präsent, die über Tschagajew kursieren, seit er im Mai die Aktienmehrheit bei Xamax übernommen hat. In der Schweiz besteht keine 50-plus-1-Regel wie in Deutschland.

Als sicher gilt, dass er im Mai im Pokalfinale seine Spieler zur Pause mit den Worten „I kill you all!“ zu motivieren versucht hatte. Vergeblich, das Endspiel ging verloren. Zudem berichteten mehrere Profis anonym, Tschagajew sei nach einem Ligaspiel mit bewaffneten Leibwächtern in die Kabine gestürmt. Und schließlich: Was soll man von einem Mann halten, der einst Ramsan Kadyrow seinen „Bruder“ nannte? Dem Alleinherrscher von Moskaus Gnaden werden in Tschetschenien von Menschenrechtlern Morde, Folter und Entführungen vorgeworfen.

Die Beziehungen zu Kadyrow sind in letzter Zeit allerdings merklich abgekühlt. Zwar soll Tschagajew geholfen haben, Ruud Gullit als Trainer für Terek Grosny zu verpflichten, Kadyrows Prestigeklub. Doch im Herbst drehte der Wind, da warf Kadyrow Tschagajew plötzlich öffentlich Wortbruch vor. Und Tschagajews Firma „Dagmara Trading“ war nicht mehr Trikot-Sponsor von Terek. Gleichzeitig begannen die Probleme in Neuenburg. Die Spieler warteten auf ihre Gehälter, Tschagajew klagte, die Schweizer Banken blockierten Überweisungen aus Russland. Das war der Moment, als niemand mehr daran glaubte, dass da ein Mini-Abramowitsch am Neuenburgersee gelandet war.

Gespenstisch und absurd zugleich war, was sich bei Xamax abspielte. Da wurden beim Saisonstart in der Pause tschetschenische Volkstänze auf der Großleinwand gezeigt. Die Liga-Verantwortlichen lehnten die Änderung des Klubnamens in Wainach Xamax ab. Die Wainachen sind das mythenumwobene Volk, das Tschetschenien als erstes besiedelt haben soll. Dazu schien Tschagajew bereit, jeden zu feuern, der ihm über den Weg lief. Bei 46 Entlassungen steht der Zähler derzeit. Inbegriffen der dreimalige Wechsel des Trainerteams. Zwischenzeitlich wurde mit Islam Satujew ein Tschetschene Vereinspräsident, der in der Schweiz als abgewiesener Asylbewerber geduldet wird. Schließlich übernahm Tschagajew selbst.

Im Oktober dann wurde es erstmals ernst. Ein Spielervermittler verlangte, dass über Xamax der Konkurs zu verhängen sei, da der Verein ihm rund 250.000 Euro schulde. Tschagajew präsentierte vor Gericht eine angebliche Bankgarantie der „Bank of America“ über 35 Millionen Dollar. Das Dokument entpuppte sich bald darauf als plumpe Fälschung. Datum, Orthographie, Namen - was falsch sein konnte, war auch falsch. Schnell ließ das Geldinstitut ausrichten, dieses Dokument nie ausgestellt zu haben. Seither ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Tschagajew wegen Dokumentenfälschung, ungetreuer Geschäftsführung und Betrug.

Tschagajew auf vergoldetem Sessel

Doch damit nicht genug. Bei der Untersuchung der Vereinsbüros entdeckte der Staatsanwalt Papiere, die darauf hindeuten, dass Xamax seine Spieler schwarz bezahlen wollte. Das Geld sollte über eine zyprische Offshore-Gesellschaft und die britischen Jungferninseln fließen. Inzwischen aber scheint Tschagajew gar keine Rechnungen mehr bezahlen zu können. Auf dem Neuenburger Betreibungsamt haben sich Forderungen über 6,6 Millionen Euro aufgestaut. Weitere dürften folgen. Der 1916 nach seinem Mitbegründer Max „Xam“ Abegglen benannte Verein ist am Ende, der Konkurs nur eine Frage der Zeit.

Der 75 Jahre alte Gilbert Facchinetti spricht ganz offen von einem „Verbrecher“, wenn er zu Tschagajew befragt wird. Unter dem heutigen Ehrenpräsidenten erlebte Xamax in den Achtzigern glorreiche Zeiten mit Spielern wie Uli Stielike und Europapokalsiegen gegen Real Madrid und Bayern München. Und Bulat Tschagajew? Der meldete sich am Mittwoch aus den Räumen seiner Dagmara Trading AG an der Rue du Commerce in Genf. Dort saß er auf einem vergoldeten Sessel und sagte auf Russisch beschwörend in die Kamera: „Neuenburger, glaubt mir: Die Wahrheit existiert!“

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