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WM-Stadion Fußball aus der Tupperdose

30.05.2005 ·  Die von Herzog & de Meuron entworfene „Allianz-Arena“ im Münchner Norden gleicht einem „gebauten Chamäleon“. Mehrfacher bayerischer Dickschädeligkeit ist es zu verdanken, daß die Arena überhaupt steht.

Von Niklas Maak
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Nirgendwo sieht München so wenig nach München aus wie in Fröttmaning. Man kurvt durch eine vorstädtische Rumpelkammer aus Autobahnzubringern und Häuschen und Gewerbebauten, die nichts ahnen lassen von der ockergelben Gemütlichkeit des Hofgartens, von der transalpinen Pracht des Odeonsplatzes oder der überparfümierten Eleganz der Maximilianstraße - und dann plötzlich, mitten in dieser Suburbia, wo die Autobahnen an begrünten Mülldeponien vorbeidröhnen, leuchtet München so pathetisch wie selten zuvor.

So groß hat man das weißblaue Muster noch nie über der Stadt gesehen, so breit war noch kein Fan-Trikot des FC Bayern: Wenn heute das neue WM-Stadion im Münchner Norden eröffnet wird, wenn die Löwen gegen den 1. FC Nürnberg spielen, dann soll die gesamte Fassade dieses Stadions in weißblauen Farben erstrahlen; wenn der FC Bayern am gleichen Ort spielt, wird sie in rotweißen Rautenmustern glühen.

Weißblau oder Rotweiß

Die „Allianz-Arena“ - der Versicherungskonzern hat für fünfzehn Jahre die Namensrechte erworben - ist ein gebautes Chamäleon. Eine Effektarchitektur, die auf jeden Fall besser ist als ihr glanzloser Name, der klingt, als würden hier nicht Bayern und Löwen, sondern die Betriebssportgruppen deutscher Versicherungsmakler antreten. Die Unmengen an Beton, die in Fröttmaning verbaut wurden, erkennt man nicht; man sieht nur ein krypto-pneumatisches Objekt, das wirkt, als sei es gerade aufgepumpt worden und könne genauso schnell wieder verschwinden: ein luftiges, weiß schimmerndes Ding aus rätselhaftem Material.

Tatsächlich ist die Fassade mit Luft gefüllt: Der Betonkonstruktion des neuen Stadions wurde ein schimmernder Mantel aus 2760 Kunststoffkissen umgehängt. Diese rautenförmigen Kissen bestehen aus einer 0,2 Millimeter dünnen Kunststoffolie und sind konstant auf 360 Pascal aufgepumpt; 25.000 Fluoreszenzleuchten lassen die Fassadenkissen wahlweise in neutralem Weiß, in Weißblau oder Rotweiß, also in den Vereinsfarben der beiden Hausklubs, erstrahlen. Größer schwebte ein Vereinslogo nie über der Stadt.

Effektvolles Fassadenkleid

Daß die neue, 66.000 Zuschauer fassende Arena überhaupt hier steht, ist das Ergebnis mehrfacher bayerischer Dickschädeligkeit. Nachdem der geplante Umbau des legendären, 1972 von Frei Otto und Günter Behnisch errichteten Olympiastadions am berechtigten Protest gegen seine zu erwartende Verschandelung gescheitert war, hatten sich die Münchner Klubs Anfang 2001 zu einem Stadionbündnis zusammengeschlossen. Nach längerer Suche entschied man sich für den Standplatz in Fröttmaning.

Und so fährt man ab sofort zum Fußball hinaus in den Norden, wo München mit dem billig neonblau funkelnden Doppelhochhaus von Helmut Jahn und den Leuchtschriften der Ibis-Hotels inzwischen aussieht wie die Suburbia von Atlanta. Das neue Stadion rebajuwarisiert diesen Vorstadtbrei - besonders abends, wenn der spektakuläre Farbeffekt der Showarchitektur aktiviert wird und die lokalpatriotischen Rauten die erodierte Identität der Stadt betonen: Wir sind hier in Bayern. In München. Weißblau. Rotweiß. Mit süßem Senf und Paulaner und Oliver Kahn. Das effektvolle Fassadenkleid ist für das 21. Jahrhundert, was die Lederhose für die Vergangenheit war: ein einprägsames Bild für „Bayrishness“ und „Munification“.

Das Fußball-Ufo

Das Stadion ist ein postmoderner Bau. Es verhüllt seine knochentrockene, aus dem pragmatischen Geist Basler Parkhausarchitektur gespeiste Konstruktion mit einem effektvollen Umhang, der eine beredte, identitätsstiftende Form bietet: Die Allianz-Arena erinnert wahlweise an ein Luftkissenboot oder an einen Fußball, aus dem man die Luft herausgelassen hat (eine Lesart, die den Erbauern weniger gefällt), oder, wenn man direkt davorsteht, auch an eine riesige Weißwurst - oder, man kommt nicht darum herum, es zu sagen, obwohl es Architekturkritiker so reflexartig von jedem außergewöhnlichen neuen Gebäude behaupten, daß man es nicht mehr hören kann: an ein Ufo.

Das Fußball-Ufo verdankt seine retrofuturistische Ästhetik dem Space-Age-Stil der sechziger und frühen siebziger Jahre; die Luftkissenfassade ist eine fast nostalgische Hommage an den Plastikpop des Centre Pompidou, vor allem aber an die pneumatischen Kissen, mit denen der Konstrukteur des Olympiastadions von 1972, Frei Otto, berühmt wurde.

Station mit Leuchtrauten-Gag

Die 1950 in der Schweiz geborenen Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron sind seit ihrem berühmten „Stellwerk IV“ in Basel als Großmeister rätselhaft schillernder Fassadeneffekte bekannt; in Fröttmaning wenden sie die Transparenz des Kunststoffs ins Geheimnisvolle. Es schimmern die Aufgänge durch die opake Hülle, man ahnt, daß es unter dem architektonischen Zuckerguß ordentlich brodelt - und wenn die Lichtregler ganz aufgedreht werden, dann glüht das Stadion in die Nacht hinein, als wolle es Ayers Rock Konkurrenz machen.

Ursprünglich sollte das Stadion bei jedem Tor flackern, bei jedem Freistoß pulsieren und so als Emoticon der Stadt von seinem Innenleben erzählen, doch das war den Betreibern zu aufwendig - zumal bei vielen Spielen das Tageslicht ohnehin zu hell sein dürfte, um die Lichteffekte an der Fassade zu erkennen. Man wird auch abwarten müssen, ob der Leuchtrauten-Gag sich nicht mit der Zeit abnutzt; man möchte schließlich auch nicht jeden Tag den gleichen Witz erzählt bekommen.

Keine elegante Sportlandschaft

Das Olympiastadion, der berühmte Vorläufer der neuen Arena, war um den Sommer 1972 herumgebaut und ein Abenteuer in jeder Hinsicht: eine Revolution der Sportarchitektur, eine Befreiung von dem militaristischen Bild, das man der Welt mit dem Berliner Olympiastadion von 1936 gegeben hatte, die Ablösung der marmorklippenhaft dräuenden Reichsaufmarschästhetik durch eine offene, südlichere Sportlandschaft. Die Allianz-Arena ist anders - obwohl auch hier die Architekten es geschafft haben, das Stadion erstaunlich leichtfüßig auftreten zu lassen.

Trotzdem: Die Arena ist keine elegante Sportlandschaft mehr, sondern ein entschlossener, gnadenloser Hexenkessel im Geist des antiken Kolosseums, der Fußball findet nicht, wie früher, unter einem futuristischen Zelt in Stadtnähe, sondern in einer eigenen Welt, in einer gigantischen Tupperdose fern des Zentrums statt. Im Inneren dieser Dose fallen vor allem die extrem steil ansteigenden Zuschauerränge auf, die gute Sicht aufs Spielfeld versprechen. Fachkräfte vom Bayerischen Roten Kreuz beklagen allerdings, daß es problematisch werden könne, verletzte Zuschauer über die steilen Treppen aus dem Stadion zu befördern: Sie könnten leicht von den Tragen herunterrutschen.

Im Zeichen der Bequemlichkeit

Für die Zuschauer ist die Arena trotzdem ein Fortschritt - denn es war immer windig im Olympiastadion, man sah nicht viel, und bei Regen wurde man furchtbar naß. Es war ein für den Fußballzuschauer eher ungeeignetes Bauwerk, wenn man in einem Stadion nicht das Toben der Elemente, sondern möglichst wohnzimmerartigen Komfort erwartet.

Den bietet das neue Stadion, das - auch darin ist die Architektur beredt - schon von weitem an ein Sofakissen erinnert und jene Bequemlichkeit verspricht, die der Zuschauer vor dem Fernseher schätzt. Im Zeichen dieser Bequemlichkeit steht auch das 11.000 Autos fassende Parkhaus, über dessen Dach eine 542 Meter lange und 136 Meter breite Esplanade zum Haupteingang des Stadions führt.

Professionelles Handwerk

Die neue Arena ist, wie das Olympiastadion von 1972, aus dem Geist ihrer Zeit heraus gebaut. Sie ist keine Revolution der Sportarchitektur, wie es damals das Olympiagelände oder, noch früher, das Mailänder Stadion San Siro war, sondern Ausdruck einer effektvoll auftretenden Logokultur, mit der der Peripherie Orientierung gegeben werden soll.

Die Allianz-Arena setzt ein einprägsames Zeichen; sie wertet den Münchner Norden auf (man wußte bisher gar nicht, daß der Vorortbrei hier einen Namen, nämlich Fröttmaning, hatte); sie ist professionelles Handwerk im Dienst des Fußballs; nicht mehr und nicht weniger.

Quelle: F.A.Z., 30.05.2005, Nr. 122 / Seite 35
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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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