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WM-Qualifikation Frankreich im Handstreich nach Südafrika

19.11.2009 ·  Dank eines irregulären Tores in der Verlängerung darf der Weltmeister von 1998 auch in Südafrika mitspielen. Irland und sein Trainer Trapattoni hadern nach dem 1:1 mit dem Schiedsrichter. Und der Franzose Henry gibt sein Vergehen zu - wenn auch zu spät.

Von Roland Zorn, Saint-Denis
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Als Frankreich längst am Ziel und die ersehnte Teilnahme an der Weltmeisterschaftsendrunde 2010 in Südafrika nicht mehr zu verfehlen war, stellte der Falschspieler dieses denkwürdigen Fußballabends etwas richtig. „Ich will ehrlich sein“, sagte Thierry Henry, „ich habe den Ball mit der Hand gespielt. Aber ich bin nicht der Schiedsrichter. Er hat das Tor anerkannt, also sollte man ihn vor allem fragen.“ Zweifellos muss der schwedische Unparteiische Martin Hansson ab sofort mit dem Makel leben, eine der schwersten Fehlentscheidungen in der Geschichte des internationalen Fußballs getroffen zu haben; aber Henrys Status eines vorbildlich-fairen Sportsmanns ist an diesem Mittwochabend im mit 80.000 Zuschauern ausverkauften Stade de France ebenfalls nachhaltig erschüttert worden.

Was war geschehen in der 103. Minute des WM-Relegationsrückspiels von Saint-Denis zwischen den gernegroßen Franzosen und den riesigen irischen Kämpfernaturen? Noch immer führte Irland nach dem Treffer seines vorbildlichen Kapitäns und Anführers Robbie Keane (32.) 1:0 gegen den immer verkrampfter und verzagter agierenden Weltmeister von 1998. Das 0:1 aus dem Hinspiel am Samstag im Dubliner Croke Park war egalisiert, und die Iren hatten es danach als eindeutig stärkere Mannschaft lediglich versäumt, ihren herausragenden Einsatz durch einen zweiten Treffer zu krönen.

Nur deshalb rutschte Frankreich in die Verlängerung, ohne selbst wirklich bedrohlich für den irischen Torwart Shay Given geworden zu sein. Dann schaufelte der eingewechselte Florent Malouda einen Freistoß in den irischen Fünfmeterraum, der im Toraus gelandet wäre, hätte sich Henry nicht zu einer Verzweiflungstat aufgerafft. Der Kapitän der Franzosen, schon im Abseits stehend, stoppte den Ball mit der linken Hand, legte ihn sich noch einmal mit der Hand vor, passte ihn dann zurück auf Abwehrchef Gallas, und der Innenverteidiger köpfte ihn zum 1:1 ins Netz. Voilà, Frankreich hatte endlich das Tor, das es auf reguläre Weise nicht zustande bringen konnte. Weil Hansson und auch keiner seiner Assistenten die verbotene Handreichung des Thierry Henry erkannt hatten, scheiterte auch der kollektiv wütende Protest der offenkundig benachteiligten Iren an Henrys vollendeter Täuschung und der groben Fehlerhaftigkeit des schwedischen Schiedsrichterteams.

Immer auf die Kleinen?

In der Gesamtaddition der Treffer hatte sich Frankreich also beim Nachsitzen für die WM qualifiziert, doch eigentlich mutete dieser peinliche Abend zwischen dem Erschrecken vor der eigenen Unfähigkeit und dem Austricksen der Regelhüter so an, als hätte sich die Grande Nation für das kommende Weltfußballfest eher disqualifiziert. „Jeder“, sagte der nach Spielschluss wie ausgemergelt wirkende Robbie Keane desillusioniert, „will die französischen Superstars bei der WM erleben. Aber außer uns selbst und unserem Volk will dort niemand Irland sehen.“

Immer auf die Kleinen? Selbst wer dieser allzu eindimensionalen Deutung des exzellenten irischen Angreifers nicht zustimmen mochte, verließ doch das Stade de France mit unguten Gefühlen. So hatte selbst der für die entscheidende Szene blinde französische Trainer Raymond Domenech („ich habe nichts gesehen; was passiert ist, weiß ich nicht“) wohl bemerkt, dass nach dem mühseligen Erreichen des Klassenziels „keine Explosion der Freude“ die Arena durchhallte. Das goldene Lametta-Feuerwerk danach war jedenfalls viel Lärm um nichts, da den französischen Spielern ihr schlechtes Gewissen auf Schritt und Tritt anzumerken war.

Wie tief die Enttäuschung der Franzosen über die erschwindelte WM-Teilnahme tatsächlich sitzt, machte sich am Tag darauf erst richtig bemerkbar: Beispielsweise in einer Online-Umfrage von „Le Monde“, bei der 89 Prozent von 38.000 Lesern der Ansicht waren, Frankreich habe die WM-Qualifikation nicht verdient. „Die Franzosen sind beunruhigt und enttäuscht“, stellte sogar Gesundheits- und Sport-Ministerin Roselyne Bachelot fest.

Iren sind für den Videobeweis wie beim Rugby

Die Iren, die in Hin- und Rückspiel für die Leidenschaft des Fußballs auf ihrer Insel geworben hatten, plädierten verständlicherweise für die zügige Einführung des Videobeweises bei strittigen Entscheidungssituationen wie denen am Mittwoch. „Im Rugby (wo er erlaubt ist) dauert so was fünf Sekunden“, hob der irische Torvorbereiter Damien Duff hervor, „hier hätten heute zwei Sekunden gereicht.“ So aber machte die französische Sportzeitung „L‘Equipe“ tags darauf in Anspielung auf den legendären Handtreffer von Diego Maradona bei der WM 1986 gegen England mit der Überschrift „Die Hand Gottes“ auf. So hatte der argentinische Superstar sein Tor damals selbst bezeichnet.

Im Lichte des Mittwochabends war Maradonas Tat nur noch ein Händchenhalten mit dem Allmächtigen. Traurig verließ der italienische Trainer der Iren, Fußball-Gentleman Giovanni Trapattoni, die Stätte des Fußballbetrugs: „Ich gehe in Schulen und predige Kindern, wie wichtig Fair play für ihr Leben sei“, sagte der Maestro,, „und hier wird das Fair play derart nachhaltig verletzt.“

Der irische Justizminister Dermot Ahern hat am Tag danach gar eine Wiederholung des Spiels gefordert: Im Interesse des Fairplays müsse die Fifa einschreiten. „Sollte das Ergebnis bleiben, verstärkt es die Sicht, dass man gewinnt, wenn man betrügt.“ Die Aussichten auf Erfolg hat Ahern selbst gleich vorweggenommen. „Sie werden es uns wahrscheinlich nicht bewilligen, weil wir ein kleiner Fisch im Weltfußball sind.“

Frankreich - Irland in Saint Denis 1:1 (0:1, 0:1) n.V.
Zuschauer: 85.000
Tore: 0:1 Keane (32.), 1:1 Gallas (103.)

Quelle: FAZ.NET mit sid.
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