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Michael Skibbe : Farbtupfer in grauen Zeiten

  • -Aktualisiert am

„Offensiv zu spielen ist schön, aber vor allem sind wir gut im Verteidigen“, sagte Michael Skibbe, der deutsche Nationaltrainer Griechenlands. Bild: Reuters

Griechenland ist vor den WM-Play-offs gegen Kroatien optimistisch. Das hat auch mit Michael Skibbe zu tun – die Strategie des deutschen Nationaltrainers Griechenlands ist allerorts bekannt.

          Aus Fehlern lernt man, im Idealfall zumindest. Und so war es auch keine Sensation, als der kroatische und der griechische Fußballverband vor zwei Wochen unisono verkündeten, dass sie für die anstehenden Play-off-Begegnungen keine Tickets an Auswärtsfans vergeben würden. Zu schlecht die Erfahrungen der Vergangenheit, zu wichtig die anstehende Partie.

          Vorkommnisse wie beim direkten Aufeinandertreffen in der EM-Qualifikation 2011 sollten sich nicht wiederholen. Damals schleuderten beim griechischen 2:0-Heimsieg maskierte Chaoten Leuchtgeschosse in den Auswärtsblock, wo kroatische Anhänger im Gegenzug Plastiksitze aus der Verankerung rissen und der Polizei entgegenwarfen. Die langjährige Rivalität zwischen Kroaten und Griechen wird dadurch gefüttert, dass sich griechische und serbische Ultras verbrüdert haben, um sich gegenseitig zu unterstützen, wenn es gegen kroatische Vereine oder Nationalteams geht.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Wenn der Sport an diesem Donnerstagabend beim Hinspiel in Zagreb in den Mittelpunkt rückt, ist die Strategie der Auswärtsmannschaft allerorts bekannt. „Offensiv zu spielen ist schön, aber vor allem sind wir gut im Verteidigen“, sagte Michael Skibbe, der deutsche Nationaltrainer Griechenlands. Das Prunkstück des hellenischen Fußballs ist der eingespielte Abwehrblock aus dem Dortmunder Sokratis, dem Hamburger Kyriakos Papadopoulos und Kostas Manolas vom AS Rom. Sechs Gegentore in zehn Qualifikations-Partien ließ seine Mannschaft zu.

          Doch weil Sokratis beim Bundesliga-Spitzenspiel gegen Bayern München am Samstagabend verletzt raus musste, bangt Griechenland nun. Zu allem Überfluss hatte der Internationale Fußball-Verband (Fifa) bekanntgegeben, Manolas für das Hinspiel zu sperren. Der Römer hatte sich im vorletzten Gruppenspiel der WM-Qualifikation absichtlich die Gelbe Karte abgeholt, um einer Sperre in den Play-offs zuvorzukommen. Die Rechnung ging nicht auf, was Skibbe erzürnte: „Was die Fifa gemacht hat, war nicht richtig. Sie hat Manolas für etwas bestraft, was jeder Fußballer tut.“

          Nun muss der ehemalige Bundesliga-Coach umbauen, was er in der Verteidigung nicht gern tut, in der Offensive hingegen schon. Dort sind lediglich zwei Akteure gesetzt, der frühere Kaiserslauterer Konstantinos Fortounis als Spielmacher sowie der in Deutschland ausgebildete Mittelstürmer Kostas Mitroglou. Ansehnlich ist der griechische Fußballstil unter Skibbe selten, und nicht wenige fühlen sich an alte glanzlose, aber glorreiche Zeiten unter Otto Rehhagel erinnert, der mit den Hellenen 2004 den Europameistertitel holte. Den Offensiv-Minimalismus mixt Skibbe mit gesundem Selbstbewusstsein, das kommt an bei den Griechen. „Wir werden es schaffen“, sagte er, noch bevor der Play-off-Gegner bekannt war. „Wir werden die Endrunde in Russland erreichen.“

          Nach zwei Kurzzeitexperimenten mit Claudio Ranieri (vier Spiele) 2014 und dem Uruguayer Sergio Markarián (drei Spiele) 2015 hatte die griechische Verbandsführung wieder eine verlässliche Defensive gesucht. Die bekam man mit dem 52 Jahre alten Skibbe, der laut griechischen Medien eine verhältnismäßig günstige Lösung war und auch dadurch gepunktet habe, dass er nicht zu viele eigene Ko-Trainer mitbringen wollte. Bei einem Erfolg in den Play-offs gegen Kroatien würde der Vertrag des Trainers wohl verlängert, samt einer Prämie in Höhe von einer halben Million Euro obendrauf, heißt es in der griechischen Presse. Diese singt ebenso wie die Spieler ihr Loblied auf Skibbe, denn mit der defensiven Rehhagel-Methode plus einigen Bundesliga-Kräften gelang es ihm tatsächlich, den griechischen Fußball wiederzubeleben.

          „Er ist ein sehr guter Coach, aber vor allem ein sehr guter Mensch. Er setzt mich nie unter Druck und redet viel mit den Spielern“, sagte der in den Play-offs verletzt fehlende Stuttgarter Anastasios Donis. „Wer keine Lust hat und keinen Teamgeist zeigt, der wird rausgeschmissen – fertig“, hatte Skibbe schon wenige Tage nach seiner Verpflichtung gesagt. Die heimische Super League verliert derweil an Niveau – und wird von massiven Manipulationsvorwürfen erschüttert. Am Mittwoch wurde Anklage gegen 28 Personen erhoben, unter ihnen der mächtige Präsident von Olympiakos Piräus, Evangelos Marinakis, der frühere Präsident des griechischen Fußballverbandes, Giorgos Sarris, sowie amtierende und ehemalige Präsidenten der Mannschaften Atromitos Athen, Veria und Levadiakos. Auch mehrere Schiedsrichter und Spieler wurden angeklagt. Marinakis bestritt jedes Fehlverhalten in einer Stellungnahme auf der Homepage von Olympiakos.

          In diesem Umfeld sind Skibbe und seine Nationalelf so etwas wie ein Farbtupfer. Mit nur einer Niederlage – gegen Belgien – spielte Griechenland, nur noch Nummer 47 der Weltrangliste, eine vorzeigbare WM-Qualifikation. In vergangenen Jahren hat es gute Erfahrungen mit Ausscheidungsspielen gemacht: Für die WM 2010 räumten die Griechen die Ukraine in den Play-offs aus dem Weg, vier Jahre später Rumänien. Und nun die Kroaten? Deren Cheftrainer Zlatko Dalic hat sich Tipps beim belgischen Coach Roberto Martinez geholt.

          Er erwarte, dass die Griechen nach Zagreb kämen, „um zu verteidigen. Wir alle müssen ruhig und geduldig bleiben, Spieler wie Zuschauer“, forderte Dalic, der in den beiden Partien erstmals auf die Hilfe seines neuen Ko-Trainers Ivica Olic bauen kann. Der zumindest weiß, wie man Play-offs gewinnt: 2013 stand er im entscheidenden Ausscheidungsspiel zur WM 2014 gegen Island in der Startelf. Und zwei Jahre zuvor führte er seine Mannschaft mit dem Hinspiel-Führungstor in der Türkei (3:0) zur EM 2012.

          Quelle: F.A.Z.

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