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WM-Kommentar Vom Rumpelfußball zum Zukunftsfußball

09.07.2010 ·  Bei der WM hat sich die deutsche Fußballwelt verändert. Die Elf von Joachim Löw kehrt trotz der Halbfinal-Niederlage mit Eleganz in die Weltspitze zurück. Mit dieser Mannschaft und ihrem Trainer kann der DFB die WM 2014 in Angriff nehmen.

Von Michael Horeni, Pretoria
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Das Spiel um Platz drei gegen Uruguay ist ein Trostpreis, der für die deutsche Nationalelf keinen Trost mehr bereit hält. Die Enttäuschung, das große Finale verpasst zu haben, kennt das Team schon von der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Nachdem vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft zudem das Endspiel verloren wurde, macht sich nun das ernüchternde Gefühl noch stärker bemerkbar, nach der abermaligen 0:1-Niederlage gegen Spanien wieder nur mit leeren Händen nach Hause zu kommen. Eine Feier auf der Fanmeile am Brandenburger Tor wird es diesmal nicht geben.

Die Ernüchterung erklärt sich aber nicht allein, nicht einmal vornehmlich, aus den gestiegenen Erwartungen: In den vergangenen vier Wochen in Südafrika hat sich die deutsche Fußballwelt verändert. Eine junge Mannschaft hat die Schönheit und Leichtigkeit des Fußballs für sich und für ihre Fans neu entdeckt. Von dieser Ästhetik made in Germany mit herausragenden Auftritten in der K.o.-Runde gegen England und Argentinien wollten in Südafrika weder Bundestrainer Löw, die Spieler noch ihre weltweit zunehmende Anhängerschaft genug bekommen.

Dass dieses Entdeckungs- und Erweckungserlebnis in der Begegnung mit Spanien am Mittwochabend in Durban ein jähes Ende fand, ist aber weder bitter, noch ungerecht. Das neue Fußball-Deutschland musste im Halbfinale mit an- und einsehen, dass andere trotz des spielerischen Sprungs immer noch besser Fußball spielen können. Beim Europameister Spanien ist über viele Jahre sportliches Selbstbewusstsein und Selbstverständnis gewachsen, das sich aus Qualität und Erfahrung speist – und nicht erst in den vergangenen sechs, sieben Wochen in einem teils berauschenden Schnellverfahren entstand.

Das Original des ästhetischen, mannschaftlich vernetzten Fußballs aus der jahrzehntealten Schule des FC Barcelona hat sich gegenüber dem Modernisierungsschub aus dem Hause Löw noch als überlegen erwiesen. Zur Belohnung hat es sich Spanien verdient, mit den Niederlanden – ebenfalls ein dem attraktiven Fußball traditionell verpflichtetes Land – am Sonntag um den ersten WM-Titel zu spielen (20.30 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker).

Mit Eleganz und Leichtfüßigkeit in die Weltspitze

Es ist ein kopernikanisches Kabinettstück, das in Südafrika für den deutschen Fußball seinen Anfang genommen hat. Das deutsche Fußball-Bild steht auf dem Kopf. Deutschland mochte bei dieser WM nicht mehr „deutsch“ zum Erfolg kommen, mit Kampf und Kraft. Es kehrte mit Eleganz und Leichtfüßigkeit in die Weltspitze zurück.

Das Team hat Maßstäbe gesetzt wie keine andere Mannschaft seit der Auswahl von 1972, die das bisher gültige deutsche Schönheitsideal verkörperte. Dass in Südafrika die Frage nach der Qualität des Spiels überhaupt in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt ist, und die Wahrnehmung der Deutschen nicht mehr allein von der Ergebniseffizienz geleitet wird, hat eine sechsjährige Entwicklung zu ihrem vorläufigen Höhepunkt gebracht: vom Rumpelfußball zum Zukunftsfußball.

Horizont reicht sogar bis zur Weltmeisterschaft 2018

Nach der Niederlage gegen Spanien hat der Bundestrainer die Perspektive skizziert. Das Kernpersonal der im Durchschnitt mit knapp 25 Jahren jüngsten Nationalelf seit 1934 bleibe erhalten. Mit diesem Kader kann der Verband die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien in Angriff nehmen. Der Horizont reicht sogar bis zur Weltmeisterschaft 2018, für die noch nicht einmal das Ausrichterland feststeht. Die Gegenwart ist gleichwohl konfliktträchtig und ungewiss. Löw gibt sich bei der Vertragsverlängerung zurückhaltend und sprach nach der Niederlage von einer verheißungsvollen Perspektive für das Team – „egal wer der Trainer ist“.

Der Bundestrainer sollte sein Werk fortsetzen. Aber eine Vertragsverlängerung seines Partners Bierhoff als Manager gilt als eher unwahrscheinlich, falls Löw sich nicht mit aller Macht, die ihm nun zufällt, dafür einsetzt. Vor den Verhandlungen wollen sich der umworbene Bundestrainer und der in Ungnade gefallene Manager beraten. Präsident Zwanziger hat nach den geplatzten Verhandlungen zu Jahresbeginn nur signalisiert, Löw weiter beschäftigen zu wollen. Das lenkt den Blick auf Entscheidungsstrukturen im Verband, die sich auf Machtfragen konzentrieren, nicht auf Kompetenzen.

Die steile Hierarchie passt nicht mehr zur Spielstruktur

Auf dem Spielfeld möchte Kapitän Lahm, der in Südafrika den verletzten Star der vergangenen Turniere, Michael Ballack, vertreten sollte, die Binde nicht mehr freiwillig zurückgeben. Darin drückt sich neben persönlichem Ehrgeiz auch der Wunsch aus, die neue, flachere Hierarchie nicht mehr preisgeben zu wollen. Die Rolle eines alles dominierenden Stars ist einer zur Verantwortung erzogenen jungen Generation nicht mehr zu vermitteln. In die alte Struktur zurückzukehren ist für Ballack nicht möglich, eine neue ist noch nicht gefunden.

Die steile Hierarchie passt auch nicht mehr zu einer Spielstruktur, die einen einzigen Leitwolf und Spielgestalter nicht mehr kennt, sondern in der jeder Profi entscheidende Verantwortung für den gemeinsamen Erfolg zu tragen hat. Eine Pyramide als Organisationsstruktur ist im modernen Fußball ein Zeichen von gestern. Das gilt auf dem Platz, aber auch in der Verbandszentrale.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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