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WM-Kommentar Das wahre Traumfinale

11.07.2010 ·  Ob Spanien oder die Niederlande: Der Fußball-Weltmeister 2010 wird durch Stil- und Ausbildung triumphieren. Beide Mannschaften haben den Fußball mit Eleganz und Esprit vor dem Wahn der Körperlichkeit bewahrt - und werden endlich dafür belohnt.

Von Christian Eichler
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Spanien gegen die Niederlande – nur für wenige ist es auf Anhieb ein „Traumfinale“. Dieses Wort hätte man gewiss sofort benutzt, träfen wie 2002 die WM-Großmächte Brasilien und Deutschland aufeinander. Beide sind aber gegen die jetzigen Finalisten ausgeschieden. Brasilien steht seit jeher für die Begeisterung, die Fußball durch Technik und Spielfreude bieten kann. Deutschland übernahm diese Rolle in Südafrika durch die Spiele gegen England und Argentinien.Und doch ist Spanien gegen Holland ein Traumfinale. Es steht für eine neue Fußballära.

Warum? Erstens: Es wird in jeder Hinsicht einen neuen Weltmeister geben. Nur sieben Länder haben in achtzig Jahren und achtzehn Turnieren diesen Titel gewonnen (Uruguay, Italien, Deutschland, Brasilien, England, Argentinien, Frankreich). Dass dieser Klub erweitert wird, tut dem Fußball gut. Und wird ein Land in einen Taumel versetzen, zu dem nur ein erster WM-Sieg und sonst nichts auf der Welt imstande wäre.

Zweitens wird der Sieger schaffen, was zuvor nur Deutschland 1954 und Brasilien 1958 gelang: seinen ersten WM-Titel in einem fremden Land zu gewinnen. Drittens wird er das erste europäische Land sein, das auf einem fremden Kontinent Weltmeister wird. Viertens wird am Ende einer WM, bei der die neue Macht der Südamerikaner gefeiert wurde (mit erstmals vier Viertelfinalisten), ein historischer Triumph Europas stehen: Erstmals seit 1938, als Italien seinen Titel verteidigte, geht der Titel zum zweiten Mal nacheinander nach Europa. Über siebzig Jahre lang war jedem europäischen Sieg ein südamerikanischer gefolgt.

Der Weltmeister triumphiert durch Stil- und Ausbildung

Das ist, fünftens, auch ein Beleg für die Vormacht der europäischen Champions League. So kann Wesley Sneijder schaffen, was noch niemand gelang: Nach dem „Triple“ aus Meisterschaft, Pokal und Champions League (mit Inter Mailand) im selben Jahr Weltmeister zu werden (mit Holland). Sechs Spielern der spanischen Elf war 2009 mit dem FC Barcelona das „Triple“ gelungen, das sie nun weltmeisterlich krönen können. Und es gibt, sechstens, einen noch wichtigeren Punkt. Das WM-Finale 2010 steht für eine moderne Gesellschaft, für eine offene Welt, nicht nur im Fußball. Es wird keine traditionelle Fußball-Weltmacht triumphieren, die seit Generationen durch Größe und Tradition dominiert; auch kein Land, das seinen WM-Triumph dem Heimvorteil verdankt (wie England und Frankreich); und auch keines, das dafür das genetische Glück eines Jahrhundertspielers brauchte, wie Argentinien mit Maradona 1986. Denn bei den Finalisten scheint jeder, selbst Sneijder oder Robben, Villa oder Iniesta, ohne Systemausfall ersetzbar.

Nein, es wird erstmals ein Land belohnt, das durch Bildung triumphiert: durch Stilbildung und Ausbildung. Die Fußballschulen von Amsterdam und Barcelona haben im Vergleich zur Bevölkerungszahl ihrer Länder die weltweit höchste Zahl an Weltklassefußballern hervorgebracht. Dahinter steht ein Gedanke, den größere Nationen wie Deutschland erst später entdeckten: Dass man besser erst eine Idee vom Fußball hat und dann die Spieler danach bildet als umgekehrt. Holland, schon seit den 70er Jahren, und Spanien, seit den 90ern, haben den Fußball verändert. Sie bewahrten ihn mit Eleganz und Esprit vor dem Wahn der Körperlichkeit. Dafür werden sie endlich belohnt. Es ist das wahre Traumfinale.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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