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WM-Gastgeber Südafrika Eine Nation auf gewagter Kletterpartie

05.03.2010 ·  Wo die Deutschen kicken: Durban, Port Elizabeth, Johannesburg - die Fußball-WM-Stadien erzählen auch Geschichten über Südafrikas Hoffnungen und Probleme. Wird die Weltmeisterschaft dennoch das erhoffte Wintermärchen?

Von Christian Kamp
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Durban, Moses-Mabhida-Stadion - kein schlechter Ort, um anzufangen. Am 13. Juni wird die deutsche Nationalmannschaft hier ihr erstes Spiel bei der Weltmeisterschaft bestreiten, gegen Australien. Auftakt einer Afrikareise, die bis zum Finale am 11. Juli in Johannesburg gehen soll. Vor allem aber lässt sich hier, an der südafrikanischen Ostküste, der vielleicht beste Eindruck gewinnen, was dieses Turnier für das Gastgeberland und seine Menschen bedeutet.

550 Stufen muss der Besucher erklimmen, wenn er sich auf den „Adventure Walk“ wagt: eine Kletterpartie auf den gewaltigen Stahlbogen, der das gesamte Stadion überspannt. Mit einer Gurtkonstruktion, die den Oberkörper umschließt, und angeklinkt an ein Führungsseil, ist es ein mühsamer Aufstieg bis zur Aussichtsplattform in 106 Meter Höhe. Aber es lohnt sich. Von dort, praktisch über dem Anstoßpunkt schwebend, sieht man alles - und irgendwie auch nichts.

36 Milliarden Euro wurden investiert

Natürlich, da ist die wunderbare Lage, nur einen Steinwurf vom Meer entfernt, das Stadtzentrum von Durban mit seinen Hochhäusern, die besseren Vororte in sonniger Hanglage mit viel Grün. Da ist auch die Uferpromenade, derzeit noch eine einzige Baustelle, die im Sommer aber als „Golden Mile“ erstrahlen soll. Und da ist auch das Stadion selbst: ein spektakulärer Bau mit einer filigranen Außenhaut und einer kühnen Dachkonstruktion. Es klingt nicht übertrieben, wenn Danny Jordaan, der Chef des WM-Organisationskomitees, von „einem der drei besten Stadien der Welt“ schwärmt.

All die Anstrengungen, die die Südafrikaner unternehmen, um der Welt ein großartiger Gastgeber zu sein, lassen sich von hier oben erahnen. Rund 36 Milliarden Euro sind in den letzten Jahren insgesamt investiert worden, ein Gutteil davon in Verkehrs- und Telekommunikationsinfrastruktur; von einem „Quantensprung“ für das Schwellenland spricht der deutsche Botschafter, Dieter W. Haller. Allein das Moses-Mabhida-Stadion, heißt es, habe fast vier Milliarden Rand (rund 385 Millionen Euro) gekostet; es ist ausschließlich aus Steuergeldern finanziert und nach einem ANC-Helden benannt.

40 Prozent Arbeitslosigkeit

Im Innern der Arena sieht es aus wie eine Mischung aus Regierungsbau und Nationalmuseum: überall Symbolik und Repräsentation. Der große Bogen ist das mächtigste Symbol dessen, was diese WM für Südafrika leisten soll. Er ist die gebaute Version der südafrikanischen Flagge, genauer: ihres horizontalen „Y“, das für das Verschmelzen und Zusammenwachsen nach dem Ende der Apartheid vor 20 Jahren stehen soll. „Nation building“ - das ist, neben den ökonomischen, eines der wichtigsten Ziele, die die Südafrikaner mit ihrer WM verbinden. Eine Fortschreibung der Geschichte, wie sie zurzeit im Kinofilm „Invictus“ von Clint Eastwood über die Rugby-WM 1995 zu erleben ist: als Versöhnung von Schwarz und Weiß nach den brutalen Konflikten der Vergangenheit. Die Fußball-WM als südafrikanisches Wintermärchen.

Was man jedoch nicht sieht von hier oben, während der warme Wind vom Indischen Ozean den Schweiß des Aufstiegs trocknet, sind die Probleme, mit denen das Land zu kämpfen hat. Die Kriminalität, die sich nicht nur in abstrakten Statistiken äußert, sondern in der ganz konkreten Anweisung, die Strandpromenade nach Einbruch der Dunkelheit möglichst nicht mehr zu betreten. Oder die Armut, die man in den riesigen Townships weiter außerhalb zu sehen bekäme. Die Begeisterung über die Befreiung vom Rassendenken ist in Teilen der Bevölkerung der bitteren Erkenntnis gewichen, dass sich nicht nur mit Hautfarbe, sondern auch mit Geld Klassengrenzen errichten lassen. Der Durchschnittslohn ist niedrig, die Arbeitslosigkeit hoch - geschätzt werden 40 Prozent. Und wie die Armen und Ärmsten reagieren, wenn die WM nicht den erhofften Effekt auf Wirtschaft, Beschäftigung und Löhne hat, ist eine heikle Frage.

Für Jordaan ist alles unter Kontrolle

Port Elizabeth, wo die deutsche Mannschaft ihr zweites Gruppenspiel gegen Serbien bestreitet, gilt den Südafrikanern als die „freundliche Stadt“. Obwohl es die viertgrößte des Landes ist und VW hier, an der Südküste, sein größtes Werk in Afrika hat, geht es weit beschaulicher zu als in den Metropolen Kapstadt oder Johannesburg. Port Elizabeth ist auch die Heimatstadt von Danny Jordaan. Der 58 Jahre alte ANC-Mann ist nicht nur der Cheforganisator der WM, sondern gewissermaßen auch ihr Außenminister und erster Verkäufer. Er schlafe wenig in diesen Tagen, sagt Jordaan, „aber friedlich“. Was heißen soll: All die Schlagzeilen über die Probleme Südafrikas bereiten ihm keinen Kummer.

Schleppende Ticketverkäufe, fehlende Hotelkapazitäten, überteuerte Flüge und natürlich immer wieder die Sicherheitsfrage - für Jordaan ist alles unter Kontrolle. Er hat ja auch etwas vorzuzeigen: fertige Flughäfen, fertige Stadien, darunter das in Port Elizabeth. Es ist - wie die Arenen in Durban und in Kapstadt - vom Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner entworfen worden. Wenn man Jordaan zuhört, haben Südafrika und seine WM eigentlich nur ein Problem: ein Imageproblem. „Es gibt einen riesigen Unterschied in der Wahrnehmung von Leuten, die schon einmal hier waren, und denen, die noch nie hier waren“, sagt er.

Anthrax-Attentat von Paraglidern

„Nation branding“ heißt ein weiteres Ziel, die Neudefinition der Marke Südafrika, vor allem im Dienste des Tourismus. „Wir wollen nicht mehr als das vom Verbrechen geplagte Land, das auseinanderzubrechen droht, wahrgenommen werden“, sagt Jordaan - sondern als erstklassiges Reiseland. Von derzeit knapp elf Millionen im Jahr soll die Zahl der Besucher bis 2014 auf 15 Millionen steigen. Doch auch Jordaan ist bewusst: Ein schwerer Zwischenfall, und alle Hoffnungen wären zunichte - trotz der großen Anstrengungen, die das Land und die Organisatoren unternommen haben, um die Lage zu verbessern.

Aber was nutzen 1,3 Milliarden Rand (125 Millionen Euro), die in Personal, Ausrüstung und Infrastruktur investiert worden sind, was nutzt ein Sicherheitskonzept, das selbst ein Anthrax-Attentat von Paraglidern vom Tafelberg in Kapstadt aus berücksichtigt, wenn ein paar betrunkene Engländer, Holländer oder Deutsche am falschen Ort die falschen Worte wählen?

Gefühl von Enge und Isolation

Die deutschen Profis werden von alldem kaum etwas mitbekommen. Von ihrem Quartier, dem Velmore Grande, haben sie es zwar nur ein paar Kilometer bis zur Hauptstadt Pretoria und dem ökonomischen Zentrum Johannesburg. Dennoch ist das Velmore weitab vom Schuss: eine Insel des Luxus, die, wenn nicht gerade die deutsche Fußball-Elite zu Gast ist, von der Regierung und von Ministerien genutzt und geschätzt wird. Zu Ausflügen lädt die ärmliche Umgebung nicht gerade ein, auch die nahe Kartbahn dürfte für die Profis wohl tabu sein.

52 Zimmer hat der Deutsche Fußball-Bund im Velmore reserviert. Und innerhalb der Mauern wird es den Spielern gewiss an nichts fehlen: vom deutschen Fernsehprogramm über die „Players Lounge“ bis zum eigenen Trainingsplatz, der im Februar angelegt worden ist (und nicht zu verwechseln ist mit dem offiziellen Platz ein paar Kilometer entfernt, der jüngst die Kritik von Bundestrainer Löw auf sich zog). Doch trotz einer Gesamtfläche von acht Hektar und jeder Menge pseudoprovenzalischen Dekors: Ein Gefühl von Enge und Isolation bleibt.

Zehntes Fenster Richtung Berlin

Welche Eindrücke werden die deutschen Spieler von diesem Land bekommen, werden sie auch an etwas anderes als Fußball denken, wenn sie zum letzten Vorrundenspiel gegen Ghana zum Soccer-City-Stadion in den Südwesten von Johannesburg fahren? Das größte WM-Stadion, kein Neu-, sondern ein Umbau in der Form einer Kalabasse, des traditionellen afrikanischen Trinkgefäßes, steht auf einem Gelände, das einst als Puffer diente zwischen dem schwarzen Soweto und Johannesburg. Hier, in Soccer City, hielt Nelson Mandela 1990 vor über 100.000 Menschen die erste Massenkundgebung nach seiner Freilassung aus 27-jähriger Haft ab, und in Südafrika ist die Hoffnung groß, dass der Gesundheitszustand des Einundneunzigjährigen auch einen Besuch des Eröffnungsspiel der Südafrikaner am 11. Juni gegen Mexiko erlaubt.

Ein Tribünenteil, dessen dunkles Grau sich vom helleren Farbton der übrigen Konstruktion abhebt, soll an den historischen Ort erinnern. Das deutsche Team wird sich vielleicht eher für ein anderes Detail interessieren: Zehn schwarze Streifen laufen über die sonst grellorange Tribünen, dazu gehören an den entsprechenden Stellen vertikale Fensterfronten in der Außenwand. Sie weisen in die Himmelsrichtungen der übrigen neun WM-Stadien und sollen den Weg ins Finale symbolisieren. Warum aber zehn, wenn es doch nur neun andere Arenen sind? Die neun, so wird erzählt, gilt den Afrikanern als Unglückszahl, also wurde noch ein zehntes Fenster geöffnet - Richtung Berlin, den Finalort von 2006. Der Hinterausgang für eine frühzeitige Heimreise soll es den Deutschen nach Möglichkeit nicht sein.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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