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WM-Ausrichter Qatar : „Ein Sklavenhändler-Staat“

Qatar will die Fußball-WM 2022 ausrichten - doch es gibt viel Kritik Bild: dpa

Tote Arbeiter, ausgebeutete Fußballprofis: Der Druck auf den WM-Ausrichter Qatar wächst an verschiedenen Fronten. In der nächsten Woche muss die Fifa endlich Farbe bekennen.

          Einen neuen Vertrag als Fußballprofi hat Abdeslam Ouaddou noch nicht gefunden. Seit Monaten ist der frühere marokkanische Nationalspieler ohne Job. Es ist schwer, mit 34 Jahren noch einen adäquaten Verein zu finden.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch den Hauptgrund für seine Arbeitslosigkeit sieht der Verteidiger nicht in seinem Alter, sondern im zurückliegenden Martyrium, das ihm die letzten Jahre seiner Karriere gekostet hat. „Für die Qaterer war ich nichts anderes als ein Sklave“, sagt Ouaddou. „Sie glauben, sie könnten sich alles erlauben und mit Geld alles kaufen – Hochhäuser, Unternehmen, schöne Autos – und Menschen.“

          Im Jahr 2010 erhält der gestandene Profi ein lukratives Angebot des qatarischen Klubs Lekhwiya SC und wechselt. Er wird gleich Meister, ist Kapitän des Teams und fühlt sich mit seiner Familie im aufstrebenden Doha gut aufgehoben. Er glaubt, mit dem Transfer in den kleinen Golfstaat, der so stolz ist auf den Zuschlag für die Fußball-WM im Jahr 2022, alles richtig gemacht zu haben.

          Doch nach einer Saison beginnen die Schwierigkeiten: Die Vereinsverantwortlichen disponieren plötzlich um und weisen Ouaddou trotz laufenden Vertrags an, zum Klub Qatar SC zu wechseln. Sein Vertrag wird zwar um ein Jahr bis 2013 verlängert, aber er geht gegen seinen Willen. Eine Saison später soll er auch dort ausgemustert werden, aber sofort einen Auflösungsvertrag unterschreiben.

          Der Druck durch die Fifa hilft

          Ouaddou weigert sich, wird daraufhin vom Mannschaftstraining ausgeschlossen, nicht mehr bezahlt und muss zum Teil bei 40 oder 50 Grad Celsius die Übungseinheiten alleine absolvieren, wie er angibt. Er will weg aus dem Land. Nach drei Monaten ohne Lohn wendet er sich an den Internationalen Fußball-Verband (Fifa). Der Druck hilft.

          Doch die Qatarer wollen ihn nur gehen lassen, wenn er auf sein Geld verzichtet – und weisen ihn zugleich darauf hin, dass er das Land als ausländische Arbeitskraft nur mit Einverständnis des Arbeitgebers verlassen kann. Es handelt sich um das sogenannte Kafala-System. Ohne qatarische Bürgen gibt es kein Visum für Ein- oder Ausreisen.

          Strahlende Gesichter bei der WM-Vergabe: Der Emir (links) und Joseph Blatter

          Ouaddou sieht dies in seinem Fall als Erpressung. Er spielt nicht mehr, erhält kein Gehalt und sitzt mit seiner Familie fest. Erst als er im November androht, eine Menschenrechtsorganisation zu kontaktieren, bekommt er seine Ausreisegenehmigung. Er fliegt zurück in seine Wahlheimat Frankreich, ohne sein Geld für den bis 2013 datierten Vertrag und die anderen noch ausstehenden Forderungen bisher erhalten zu haben.

          Die internationale Fußballspielergewerkschaft (Fifpro) unterstützt Ouaddou, hat den Fall aufgerollt und dessen Aussagen dokumentiert. Denn es gibt nach Angaben der Gewerkschaft weitere solche Schicksale in der Qatar Stars League, über die sich damit ein dunkler Schatten legt. Auch ein Trainer sei betroffen.

          Ein Spieler drohte mit Hungerstreik

          Unglaublich erscheint die Geschichte des französischen Kickers Zahir Belounis, der angeblich seit zwei Jahren kein Gehalt erhalten hat und nicht ausreisen darf. Er führte den Klub der Militärs, El-Jaish, als Kapitän in die erste Liga, wurde aber dann fallengelassen. Das von ihm in Qatar angerufene Gericht verzögert den Fall immer wieder. Belounis drohte mit Hungerstreik, er wird wie einst Ouaddou gegen seinen Willen in Qatar festgehalten. Das bestätigt die Fifpro.

          Auch der Internationale Gewerkschaftsbund Ituc hat schon auf die Missstände hingewiesen. Wie bei der Fifpro glaubt man dort an eine Mehrzahl von Fällen und eine Dunkelziffer von Spielern, die sich aus Angst vor ihren qatarischen Arbeitgebern noch nicht gerührt haben.

          Die Vorfreude in Qatar ist groß - zumindest bei einem Teil der Bevölkerung

          Ituc-Generalsekretärin Shannon Burrow hatte schon vor einigen Monaten drastische Worte zur allgemeinen Situation der Arbeitsmigranten gewählt: „Qatar ist ein Sklavenhändler-Staat“, sagte sie. Belasten das Wüstenemirat nach den Enthüllungen um die toten Arbeiter jetzt auch noch die ausgebeuteten Fußballprofis in der Liga?

          „Die Situation von ausländischen Spielern in Qatar ist sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite bieten die Klubs extrem attraktive Konditionen, die mit denen der Topklubs in Europa vergleichbar sind. Meistens halten die Vereine die Verträge auch ein. Die Probleme kommen aber dann auf, wenn ein Kontrakt aufgelöst werden soll. Hier bemächtigen sich die Klubs des Kafala-Systems, um die Spieler in ihrer Freiheit zu kontrollieren“, sagt Fifpro-Vorstandsmitglied Brendan Schwab.

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