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WM 2006 Im Kartenverkauf steckt der Wurm

03.05.2005 ·  Die Schwierigkeiten mit den WM-Tickets wollen für das Organisationskomitee der WM 2006 nicht enden. Nun blockiert ein Computervirus die Kartenverteiler und gaukelt den Kartensuchenden einen vermeintlichen Erfolg vor.

Von Uwe Marx
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Nun also auch noch Computerviren. Als hätte das Organisationskomitee (OK) für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland nicht schon genug Sorgen. Die bedauernswerten Verteiler der begehrten WM-Karten mußten von ihrem Hauptquartier in Frankfurt aus wieder einmal warnen.

Waren es zuletzt kriminelle - immer noch nicht ermittelte - Betrüger in den Vereinigten Staaten, die das OK in der ersten Verkaufsphase mit fingierten Bieteradressen um 2,3 Millionen Tickets bringen wollten, so sind es jetzt E-mails, die den Adressaten falsches Glück vorgaukeln. Tausende Interessenten erhalten die Botschaft, Eintrittskarten lägen für sie bereit - ein dreistes Versprechen, denn Tickets verteilt das OK. Und das hat mit dieser Versendung nichts zu tun.

Computerwurm auf der Festplatte

Wer den Anhang erwartungsfroh öffnet, hat die Bescherung. Schlimmstenfalls sieht die Bilanz so aus: Erst gab es keine WM-Karten, und dann hat man einen Computerwurm auf der Festplatte. Auch das Organisationskomitee ist geschädigt. Hier landet mit jedem geöffneten Anhang eine Flut von automatischen Antwortmails. "Wir haben technische Probleme", hieß es am Dienstag bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz.

Daß sich das OK mit dem Präsidenten Franz Beckenbauer und dem Ersten Vizepräsidenten Horst R. Schmidt an der Spitze bei der Verteilung der Tickets allzu viele neue Freunde machen würden, war von Anfang an nicht zu erwarten. Karten für eine WM zu verkaufen, ist wie Glücksspiel: Es gibt am Ende immer wesentlich mehr Verlierer. "Bis auf das Ticketing-Problem geht's uns gut", betonte Beckenbauer stets.

Auch Koryphäen sind hilflos

Diese Aufgabe ist ein Kampf, der nicht gewonnen, sondern nur hinter sich gebracht werden kann. Eine Aussicht, die allen bewußt war, als man sich der Aufgabe annahm. Üblicherweise kümmert sich der Internationale Fußball-Verband (Fifa) um die WM-Tickets. Das deutsche Engagement in dieser Sache entsprang der Hoffnung, es besser zu machen als zuletzt die Fifa. Die Titelkämpfe 1998 in Frankreich und 2002 in Japan sowie in Südkorea nämlich waren von veritablen Kartenskandalen überschattet worden.

1998 in Frankreich hatten dubiose Agenturen Kartenpakete verkauft, die sie gar nicht hatten. 2002 erlebten die Veranstalter einen Fußball-GAU, den sie "No shows" nennen - tausende der begehrten Plätze im Stadion blieben leer, weil Kontingente für Sponsoren nicht genutzt wurden. Ein häßliches Bild: Unzählige müssen draußen bleiben, weil es im freien Verkauf keine Karten mehr gab; drinnen aber ist reichlich Platz. Der Ehrgeiz der Verantwortlichen beim deutschen OK war nicht vermessen. Schmidt gilt als einer der größten Fachleute auf diesem Gebiet. Fifa-Generalsekretär Urs Linsi lobt ihn hymnisch als "größten Experten auf der Welt". Aber auch solche Koryphäen können bisweilen hilflos sein.

812.000 Karten für Otto Normalbesucher

Dabei ist der Ansturm auf die Karten deutlich sanfter ausgefallen als erwartet. Fifa-Präsident Joseph Blatter hatte zunächst allzu optimistisch orakelt, dreißig Millionen Deutsche würden sich gerne zumindest eines der 64 WM-Spiele live ansehen. Im OK hieß es wenig später, daß zumindest mit 30 Millionen Ticketwünschen aus der ganzen Welt gerechnet werde - eine Zahl, die sich an der Nachfrage 1998 in Frankreich orientierte. Herausgekommen sind 8,7 Millionen Bestellungen bei der ersten und wichtigsten, zwei Monate dauernden Verkaufsphase, die Ende Märze endete. Hier gab es für das OK das meiste zu verteilen: 812.000 Karten für Otto Normalbesucher, und das zu moderaten Preisen, wie der Vergleich mit den beiden Turnieren zuvor zeigt.

Blatter hatte sich etwas mehr Geschäftstüchtigkeit gewünscht und sich "nicht ganz zufrieden" mit den deutschen Preisen und den geringeren Einnahmen gezeigt. Insgesamt werden etwas über eine Million Tickets in maximal fünf Verlosungen im freien Verkauf landen. Bei knapp drei Millionen Karten insgesamt eine zwar übliche, aber immer wieder für Empörung sorgende Quote. Das OK, Auslöser, Gestalter und zugleich Opfer des Verteilungskampfs, hat nicht nur diese eine, volksnahe Klientel zu versorgen. Sponsoren, Großkunden, Ehrengäste, die 205 Nationalverbände der Fifa, Medien - sie alle gieren nach Ticktes.

Viele Karten für Sponsoren

Am großzügigsten bedacht wurden marktgerecht diejenigen, die am meisten geben: So genannte "Partner und Förderer", fünfzehn internationale Konzerne, die die Fifa unterstützen, und sechs nationale Unternehmen, die dem Deutschen Fußball-Bund als Ausrichter die Kassen füllen. Allein dieses Sextett hat 60 Millionen Euro aufgebracht, um zum exklusiven Kreis der Fußballförderer zu gehören. Bei so viel Geberfreude wird man wohl auch um Karten bitten dürfen. 550.000 wurden am Ende zugesagt, was in der Rangliste der verteilten Kartenkontingente locker für Platz zwei vor den nationalen Fußballverbänden (468.000) reicht.

Das scheinbare Mißverhältnis zwischen der Kartenzahl für Sponsoren und den freien Verkauf hatte dem OK Vorhaltungen von vielen Seiten eingebracht. Vertreter aller politischen Parteien setzten sich für das Wohl und Wehe des deutschen Fußballfans ein. Es hätte nicht viel gefehlt, und ein allgemeines Bürgerrecht auf eine WM-Karte wäre ausgerufen worden. Gemeinsam war den Warnern, daß keiner von ihnen eine Lösung des Verteilungsproblems anbieten konnte. Die Fifa ist vertragliche Pflichten gegenüber Sponsoren und Verbänden eingegangen, und das OK kann sich nicht darüber hinwegsetzen. Natürlich wäre es eine Option, Riesen-Stadien mit 100.000 und mehr Plätzen zu erreichten - aber selbst dann würde die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigen. Und wer brauchte diese Arenen nach der WM?

OK in der Dauerdefensive

Möglicherweise waren die Parteipolitiker auch deshalb so engagiert, weil sie zuvor selbst von den emotionalen Tücken dieses Geschäfts betroffen waren. Als Schmidt noch hoffen durfte, den Kartenverkauf einigermaßen reibungslos über die Bühne zu bringen, hatten die angeblich privilegierten Abgeordneten des Bundestages für erstes Aufsehen gesorgt. Sie sollten angeblich exklusive Kartenrechte erhalten - was nach einem öffentlichen Aufschrei schnell vom Tisch war. Kaum waren diese Einwürfe vergessen, meldeten sich Datenschützer zu Wort, die einiges an den Bedingungen auszusetzen hatten, die Kartenbesitzer erfüllen müssen. Es ging unter anderem um Rechte am eigenen Bild, Zahlungsmodalitäten und eingeschränktes Umtauschrecht. An diesem Punkt der öffentlichen Diskussion war längst klar, daß das OK aus der Dauerdefensive nicht mehr herauskommen würde.

Wer so großzügig in die eine und so sparsam in die andere Richtung Karten verteilt, muß natürlich Trost spenden. Beckenbauer äußerte die Hoffnung, daß möglichst viele der Karten für Sponsoren über Gewinnspiele wieder beim "normalen" Kunden landen werden. Schmidt verwies auf Billets, die von den Nationalverbänden wegen mangelnder Nachfrage zurückgegeben und neu verteilt werden können.

Kampf um die Kartenverteilung

Es gibt bessere Mutmacher. Das so genannte "Public viewing" zum Beispiel. Auf Druck des deutschen OK genehmigten die Fifa und die Schweizer Infront Sports & Media AG als Inhaberin der Fernsehrechte nichtkommerzielle Übertragungen auf öffentlichen Plätzen - ein Zuckerl für Zukurzgekommene, "eine großartige Geste", wie Beckenbauer fand. Es ist der wohl wirksamste Versuch des OK, sein Image aufzupolieren.

Das größte Problem steht dem OK aber wohl noch bevor. Die Ausbreitung eines Schwarzmarktes für WM-Karten. Schmidt hatte sehr früh sehr hoffnungsvoll geäußert: "Wir werden den Schwarzhandel möglichst total unterbinden." Wer Karten bekommt, kann sie zwar weitergeben, soll aber durch möglichst hohe Auflagen daran gehindert werden. Die Tickets sind mit dem Namen des Käufers versehen.

Wer also - zum Beispiel - zwei Karten für sich und seine Großmutter bestellt hat, im nächsten Jahr aber mit seiner Cousine ins Stadion gehen will, muß dem OK die Gründe dafür nennen. Besuchern mit Billets, die auf einen anderen ausgestellt sind, drohen Ausweiskontrollen und Stadionverbot. Wie wirksam diese Politik der Abschreckung ist, wird sich noch zeigen.

Beim Internetversteigerer Ebay jedenfalls werden schon fleißig Karten gehandelt. Das OK hatte in Verhandlungen versucht, dies zu verhindern - ohne Erfolg. Eine rechtliche Handhabe wird geprüft. Es war von Anfang an also nicht nur ein Kampf um Karten, sondern auch ein Kampf um die Kartenverteilung - und er wird weitergehen. Gesehen haben das Streitobjekt bislang nur die wenigsten. Die Tickets werden erst sechs Wochen vor der WM zugestellt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Mai 2005, Seite 1
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Jahrgang 1964, Sportredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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