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Wettskandal Tippfehler in der Fußball-Wunderwelt des Robert Hoyzer

03.11.2005 ·  Der korrupte ehemalige Schiedsrichter Robert Hoyzer stößt vor dem Berliner Landgericht in seiner Rolle der gespielten Unschuld an Grenzen. Er war keineswegs nur das Opfer der kroatischen Wettmafia.

Von Michael Reinsch, Berlin
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"Herr Hoyzer ist nicht Zeuge. Er ist Angeklagter." Es ist beruhigend, zu realisieren, daß Richterin Gerti Kramer auch in turbulenter Verhandlung wie am Donnerstag nicht die Übersicht verliert. Denn tatsächlich drohen, wenn nicht vor der von ihr vertretenen 12. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin, so doch in der öffentlichen Wahrnehmung, befremdliche Perspektiven.

Robert Hoyzer, der geständige korrupte Fußballschiedsrichter, bestätigte jedenfalls am Ende seiner dreitägigen prozessualen Ausführungen, daß bereits sein Buch zum Skandal in Arbeit sei. Irgendwann müsse alles irgendwie ein Ende haben, sagte er zur Erklärung. In den vergangenen zehn Monaten sei er gehörig diffamiert worden.

Mutter Sapina bleibt treu

Wie verschroben sich der 26 Jahre alte Hoyzer darstellt, bekam die Rechtsanwältin von Filip Sapina, einem der sechs Angeklagten in diesem Prozeß um Spielmanipulationen und Wettbetrug, zu hören. "Im Gegensatz zu Ihrem Mandanten habe ich einen negativ viel höheren Bekanntheitsgrad und deshalb ein schwierigeres Leben", behauptete er. Das mit dem Bekanntheitsgrad läßt sich bezweifeln. Immerhin erlebt das Cafe King der Brüder Sapina seit der Razzia im Januar einen nicht nachlassenden Run von Besuchern, die gleichzeitig mit ihrer Bestellung nach Wetten und der Mafia fragen.

Der Ansturm ist insofern existentiell wichtig, als ein Teil des Personals und des Stammpublikums seit drei Wochen zwei Mal pro Woche in Moabit im Zuschauerraum sitzt. "Bitte verlassen Sie alle den Saal", befehlen da schon mal Gerichtsdiener in der Pause, "außer die Mutter." Mutter Sapina bleibt treu bei ihren Jungs Milan, Filip und Ante, die die Anklagebank drücken.

Nicht die Unschuld aus Spandau

Nicht nur nach der Rolle des Medienstars Hoyzer im Jahr 2005 muß man fragen, sondern vor allem natürlich nach der Rolle, die der Schiedsrichter bei skrupellos exekutierten Manipulationen wie beim Pokalsieg von Paderborn über den HSV, bei versuchten, aber erfolglosen Manipulationen oder aber bei bisher noch gar nicht untersuchten Fällen spielte.

Die Anwälte des 29 Jahre alten Ante Sapina, der mit seinen Wetten Millionen umsetzte, machten am Donnerstag eindrucksvoll deutlich, daß Hoyzer durchaus nicht die von ihm gespielte Unschuld aus Spandau ist, die einer arglistigen kroatischen Zockerbande ins Netz ging.

„Scheiß-WE. Kohle futsch

Vielmehr wiesen sie anhand von Telefonabrechnungen und Wettbewegungen nach, daß Hoyzer neunzig Minuten vor dem Spiel Düsseldorf - Wolfsburg, das er leiten würde und manipulieren wollte, seinen besten Freund in Berlin anrief - einen angehenden Juristen übrigens - und dieser eine halbe Stunde darauf ein Konto beim Internet-Wettbüro "Betandwin" einrichtete. Als dieser Freund dann versuchte, mittels der Kreditkarte eines weiteren Freundes tausend Euro auf eben dieses Spiel zu setzen, hatte er schon wieder Hoyzer am Telefon.

Die Wette wurde zwar zurückgewiesen, weil sie das Limit überstieg. Doch Hoyzer wirkte in seinem dunklen Anzug im Verhandlungssaal 500 gar nicht mehr wie der Kronzeuge, als der er sich aufführt. Er behauptete nämlich, von dieser und weiteren Wetten des Freundes und dessen Zwillingsbruders nie etwas erfahren zu haben - obwohl er dann am Abend noch einmal länger als zwanzig Minuten mit dem Freund telefonierte.

Erst später habe er von dem "Tippfehler" bei der Wette erfahren. Rechtsanwalt Stefan Conen hielt Hoyzer sogar vor, daß der Eigentümer der Kreditkarte ausgesagt hatte, der Freund habe angegeben, er wette für einen Dritten mit. Wer anders als Hoyzer sollte das gewesen sein? Vielleicht der Zwillingsbruder des besten Freundes, ein Kriminalbeamter in Hamburg, der auch auf die manipulierten Partien von Paderborn gegen den HSV sowie auf das manipulierte Spiel Ahlen - Burghausen gewettet hatte? Der in seinem Kalender just an dem Wochenende, an dem Hoyzer die Manipulation der Partie Unterhaching - Saarbrücken mißlang, vermerkte: "Scheiß-WE. Kohle futsch."

Wunderwelt Fußball

Den naheliegenden Schluß, er habe seine besten Freunde in die mit den Sapina-Brüdern verabredeten Manipulationen eingeweiht, um zusätzlichen Gewinn herauszuschlagen, bezeichnete Hoyzer entgegen dem Augenschein als "völlig absurd". Gleichzeitig gab er an, daß die Zwillingsbrüder nicht nur bei Betandwin, sondern "auch woanders" gewettet hätten.

Hoyzer mußte auch von seinem Vorleben in der Grauzone des Fußballs sprechen. Er hatte von sich aus beschrieben, daß im Sommer 2003 der damalige Präsident des FC Sachsen Leipzig, Christian Rocca, zwei Mal über Vater Hoyzer Kontakt zu ihm aufgenommen hatte mit der Bitte, als Schiedsrichter für einen Sieg des Vereins im Abstiegskampf zu sorgen. Das Angebot lautete auf 3.500 Euro für einen Sieg. Für ein angeblich regulär zustande gekommenes Unentschieden überwies er 500 Euro. Am Donnerstag mußte Hoyzer erklären, wie er dann doch zu 3.500 Euro vom FC Sachsen kam. Er tat es so: Weil Vater Hoyzer kein eigenes Konto führen darf, nutzt er das seines Sohnes. Als der Vater - zeitweise beruflich für Sachsen Leipzig tätig - in einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung zugunsten des Vereins ausgesagt hatte, habe Rocca, beruflich in verantwortlicher Position bei Robert Hoyzers Hausbank, diesem einen Kreditvertrag über 3.500 Euro ausgefertigt. Er habe Hoyzer senior und junior in der Filiale am Berliner Kudamm das Geld bar ausgezahlt. Sachsen Leipzig tilgte den Kredit. Wunderwelt Fußball.

Quelle: F.A.Z., 04.11.2005, Nr. 257 / Seite 35
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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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