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Wettbetrug Das große Wettfischen

 ·  Der organisierte Wettbetrug gilt als größte Bedrohung des Sports. Kriminelle Banden in Asien haben ein System organisiert, das mit Hilfe eines ausgeklügelten Agentennetzes Milliardenumsätze produziert. Die Täter gehen keine großen Risiken ein. Wer auspackt, lebt gefährlich.

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© © Monalyn Gracia/Corbis Wetten, dass es 1:6 ausgeht? Mit dem „richtigen Ergebnis“ lassen sich fernab der Spielfelder Koffer voller Geld gewinnen

Wilson Raj Perumal ist auf der Durchreise, er hat es eilig. Doch dieses Mal muss der Geschäftsmann aus Singapur warten. Die Passkontrolle auf dem Flughafen Vantaa in Helsinki dauert länger. Es gibt ein Problem mit Perumals Pass: Im Dokument steht ein anderer Name.

Die finnischen Beamten hatten einen Tipp bekommen. Und so wurde am 25. Februar 2011 aus dem Geschäftsmann Perumal der Häftling Perumal. Einer, der auspackte. Er erzählte von gekauften Fußballspielen in Finnland, in der Türkei, in Ungarn, in Slowenien, in Italien, in Griechenland, in der ganzen Welt. Von Freundschaftsspielen und Europapokalspielen, von Ligaspielen und Länderspielen, von Spielen, die nur stattfanden, weil Perumal und seine Partner sie organisiert hatten, in denen Schiedsrichter, Spieler und Trainer Bescheid wussten, dass es nur um eines ging: das richtige Ergebnis. Das Ergebnis, das Perumal ihnen nannte. Die Kriminalpolizisten hörten zu, zunächst die finnischen, bald auch die deutschen, die ungarischen, die italienischen.

Geschäftsreisende, Menschenfischer und Fixer

Andreas Bachmann kennt Perumals Geschichten. Der Bochumer Staatsanwalt ermittelt seit 2008 gegen Wettpaten und Zocker, gekaufte Fußballspieler und Schiedsrichter. Bei einer Telefonüberwachung im Rotlichtmilieu wurden die Fahnder hellhörig, als Kiezganoven über gekaufte Fußballspiele plauderten. Nachdem Perumal in Helsinki festgesetzt wurde, vernahmen ihn auch die Bochumer Ermittler. Bachmann saß am vergangenen Montag in Den Haag, als Europol von rund 700 verdächtigen Fußballspielen seit 2008 sprach. Aus dem Zufallsfund im Ruhrpott ist eine große Nummer geworden, eine europaweite Polizeiaktion.

Nach der Pressekonferenz am Montag wurde den Fahndern vorgeworfen, sie hätten eine Werkschau ihrer Ermittlungen geboten, bekannte Fälle addiert. Bachmann sagt: „Wir haben 300 verdächtige Spiele, die noch nicht bekannt waren. Bei rund 150 haben wir beweisbares Material oder können genaue Tatbeteiligungen nachweisen. In den anderen Fällen ermitteln wir noch.“ Und Bachmann weiß: „Wir stoßen immer wieder auf Leute wie Perumal, auf neue Namen.“ Auf Geschäftsreisende, auf Menschenfischer, auf Fixer, die durch die Fußballwelt reisen, immer auf der Suche nach Spielern, Schiedsrichtern, Trainern, die sich ködern lassen, mit Geld, manchmal auch mit Sex. Wie viele Perumals in Europa unterwegs sind? Bachmann will keine konkrete Zahl nennen, aber: „Sie ist mindestens zweistellig.“

Etwa 90 Prozent des Umsatzes der weltweiten Sportwetten werden in Asien gemacht. Es ist ein wilder Markt, gerade weil Wetten in etlichen Ländern verboten sind. Eingesammelt wird das Geld für die Wetten meist über ein Pyramidensystem. Die kleinen Wetter an der Basis geben ihren Einsatz an viele sogenannte Agents: Personen auf der Straße, die in Karaoke-Bars, Klubs oder Restaurants umherschwirren und ihre Kundschaft kennen. Die Agents geben das Geld nach oben an Super Agents, von dort fließt der Strom über Master Agents bis zum eigentlichen Buchmacher.

Vieles läuft auf Kredit. Die größten Buchmacher machen fast dreimal so viel Umsatz im Jahr wie der Sportartikelkonzern Adidas mit seinen 15 Milliarden Euro 2012. Es gibt keine Limits für die Einsätze - und damit mehr Reize und Möglichkeiten für Betrügereien. Ein guter Master Agent für die Buchmacher ist einer, der mit seinen Wetten fast immer recht hat. Zwar verdient der Agent mit seinen Wetten, aber der Buchmacher kann sich auf dessen Tipps verlassen und sich bei anderen Buchmachern mit eigenem Geld entsprechend absichern. Er „hedgt“ - wie ein Finanzmakler an der Börse. Ein Agent mit einer Erfolgsquote von unter 70 Prozent wird von seinem Buchmacher rausgeschmissen.

Wettspiele in der Sommerpause

Im Sommer 2009 hatten die Spieler des bosnischen Klubs NK Travnik eine schöne Reise vor sich: ein Trainingslager in der Schweiz. Dreimal sollten sie Ende Juni, Anfang Juli dort antreten, in Sion, Winterthur und Neuchâtel. Marijo Cvrtak, 2011 in Bochum gemeinsam mit Ante Sapina verurteilter Wettbetrüger (sie sind in Revision gegangen), hatte die Sommerfrische organisiert, mit Hilfe eines bei der Fifa akkreditierten Agenten. Cvrtak wollte die fußballfreie Sommerpause überbrücken mit ein paar selbstorganisierten Spielen. Allzu anstrengend sollte es nicht werden, weder für ihn noch für die bosnischen Spieler, noch nicht mal für die nicht eingeweihten Schweizer Teams. Drei Spiele, drei Niederlagen waren mit Travnik vereinbart - und alle würden daran verdienen. Ein verblüffend einfaches Geschäftsmodell. Die Quoten für die Partien lassen sich bis heute im Internet finden.

Auf diese perfide Weise tingelt gerade ein anderer Klub durch die Lande, dessen mysteriöse Spur Experten schon länger verfolgen. Der Name des Vereins kann aus juristischen Gründen nicht genannt werden. Der Klub kommt aus einer Balkan-Liga und finanziert den Großteil seines Jahresbudgets mit geschobenen Spielen. Bevorzugt während der Zeit der Trainingslager, wie jetzt im Januar, wenn viele Mannschaften sich in wärmeren Gefilden Europas auf den Rest der Saison vorbereiten. Die Gegner wussten offenbar nicht, worauf sie sich einließen. Ob die Schiedsrichter eingeweiht waren, ist nicht sicher. Es ging um unspektakuläre Wetten, mal eine Führung zur Halbzeit, die sich nach der Pause in eine höhere Niederlage wandelte, eine glatte Niederlage und die richtige Toranzahl. Mit dem schmutzigen Geld kauft der Verein neue Spieler, die wiederum helfen, sich über die Heimatliga für ein Ausscheidungsspiel in einem europäischen Wettbewerb zu qualifizieren. So ein Höhepunkt ist dann auch in Asien besonders anziehend für den Wettmarkt. Und auch hier lässt sich dann natürlich passend verlieren.

Perfekte Opfer

Der kroatische Fußballspieler Mario Cizmek gehörte einst zu den hoffnungsvollsten Talenten seines Landes. Heute ist der 37-Jährige ein gebrochener Mann. Er wartet noch auf den Urteilsspruch des Gerichts, hat Steuerschulden, Auto und Haus sind weg. Er geriet in die Fänge der Wettbetrüger. Einer der Trainer bei seinem Klub Croatia Sesvete warb ihn an, näherte sich erst freundschaftlich, baute ein Vertrauensverhältnis auf, um dann die Schwachpunkte auszunutzen und ihn zu kontrollieren. Cizmek erhielt wie andere Kollegen monatelang kein Gehalt vom Verein, immer wieder wurden sie vertröstet. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, entschieden sich einige, dem Druck der Betrüger nachzugeben. Über anderthalb Jahre ging das so, bis die Spielmanipulationen aufflogen.

Cizmek kam in Untersuchungshaft, nun hält er sich und seine Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Noch immer hat er Schulden. Sein ehemaliger Klub ist bankrott, die ausstehenden Gehaltszahlungen wird er nicht mehr erhalten. Er hat sich entschieden, seine Geschichte jungen Fußballprofis als Abschreckung zu erzählen - in einem Lernprogramm des Unternehmens Sportradar, das weltweit für Sportverbände Auffälligkeiten bei Wettquoten überprüft und Schulungen für Nachwuchskicker veranstaltet. Doch die nächsten Cizmeks werden vielleicht schon angefüttert. Am Mittwoch meldete die Spielergewerkschaft Fifpro Schwierigkeiten auf Malta, wo Profis verschiedener Klubs seit Monaten auf ihre Löhne warten. Ein Verein pferchte seine ausländischen Neuverpflichtungen zusammen in eine kleine Wohnung - und blieb das Gehalt bisher schuldig. Perfekte Opfer für die Wettbetrüger.

Freiheit für Schieber

Bellinzona im November 2012: Das Schweizer Bundesgericht verhandelt gegen Darko Damjanovic, Christian Leite und David Blumer. Alle drei ehemaligen Zweitligakicker sollen Fußballspiele gegen Geld verschoben haben. So hatten Cvrtak und Sapina 2011 in Bochum ausgesagt. In der Schweiz hatten sie nicht nur Freundschaftsspiele, sondern auch Zweitligapartien verschoben und in Asien darauf gesetzt. Zunächst sieht es so aus, als könnten die drei Spieler zügig verurteilt werden, kaum einer glaubt ihre Unschuldsbeteuerungen. Damjanovic behauptet, die insgesamt 30000 Franken, die ihm gezahlt wurden, seien ein Geschenk von Cvrtak gewesen, der im Übrigen aber nicht mit ihm befreundet sei. In den Akten ist von 253 Telefonaten zwischen den beiden die Rede.

Am 13. November verlassen alle das Bundesgericht als freie Männer. Die Richter konnten sie nicht wegen Beihilfe und Mittäterschaft zum Betrug verurteilen, schließlich sei keine natürliche Person getäuscht worden. Wetten auf manipulierte Spiele über das Internet, so interpretieren sie das Schweizer Recht, sind nicht strafbar. Die Polizei mag europaweit gemeinsame Sache machen, vor Gericht gelten die nationalen Gesetze. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, aber einstweilen gilt: Wer in der Schweiz via Internet auf verschobene Spiele setzt, kann weitermachen.

Die Hütte der Wettpaten

Wilson Raj Perumals Geschäfte hatten ihn nach Finnland geführt, weil er Rovaniemen Palloseura, den Fußballklub in Lapplands Hauptstadt, unterwandert und Spieler gefügig gemacht hatte. Perumal hatte ein Kelong in Rovaniemi gebaut. Kelongs sind malaysische Fischerhütten, Pfahlbauten in den Mangroven, in denen die Fischer auf den großen Fang warten. Und Kelong ist singlish, ein Wort der englisch-malaysisch-chinesischen Hybridsprache Singapurs, der Sprache der einfachen Leute und der Unterwelt. Auf Singlish ist das Kelong die Hütte der Wettpaten, der Menschenfischer. Perumal war der Eisfischer von Rovaniemi, aber das Unternehmen lief nur mittelprächtig.

Etliche Spiele endeten nicht mit dem gewünschten Ergebnis. Die finnische Liga war trotzdem ein interessantes Geschäft - Spieler, unter ihnen etliche Afrikaner, ließen sich manchmal mit 1500 Euro pro Spiel bestechen. Für einige war das mehr als ihr Nettomonatslohn. Und wenn es für Perumal mal nach Wunsch lief, strichen Wetter in Fernost Summen zwischen 500000 und 1,5 Millionen Euro ein. Sie fischen die Gewinne ab, die von ihnen bestochene Spieler und Schiedsrichter einspielen. Perumal war der Eisfischer von Rovaniemi, die Zeitungen in seiner Heimat Singapur nannten ihn den Kelong King, den König der Fischer. Er selbst sagt: In Singapur gibt es mächtigere Gangster.

Der Hinweis an die finnische Polizei, dass er mit einem gefälschten Pass reise, sei von Dan Tan ausgegangen, einem Geschäftsmann in Singapur, mit dem er bis dahin gute Geschäfte gemacht habe. Perumal, der nach der Haft in Finnland nach Ungarn überstellt wurde, wo ebenfalls gegen ihn ermittelt wird, sagt, er wolle Tans Geschäfte aufdecken. Längst fahndet Europol nach Tan, gerade die italienischen Ermittler haben ein großes Interesse an ihm. Sein Name wird im Zusammenhang mit diversen vermutlich verschobenen Spielen in Serie A und Serie B genannt. Ein internationaler Haftbefehl wurde bislang nicht vollstreckt. Singapurs Polizei hat in dieser Woche „vollständige Kooperation“ mit den Europäern und „null Toleranz“ bei verschobenen Spielen versichert - nicht zum ersten Mal. Von einer Festnahme war bislang nichts zu hören. Auf den Kelongs fischen sie einstweilen weiter. Perumal sagt, er fürchte um sein Leben.

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