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Wesley Sneijder Ein Schlumpf wird zum König

11.07.2010 ·  Wesley Sneijder prägt das holländische Spiel. Der kleine Spieler mit dem großen Glück hat sich bei dieser WM vom Schlumpf zum Gustav Gans gewandelt. Alles was er anpackt, gelingt. Schafft er womöglich das Titel-Quartett?

Von Christian Eichler
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Normalerweise sieht man die Folgen eines großen WM-Sommers in der Geburtsstatistik erst neun Monate später. In einem Land sieht man sie schon jetzt. Der offizielle Quartalsbericht der niederländischen Neuzugänge weist für den Monat Juni eine besondere Häufung kleiner Wesleys auf. Während Vornamen wie Arjen, Robin oder Mark auch während der WM nicht häufiger vergeben wurden als üblich, entschieden sich fast doppelt so viele Eltern wie sonst, ihrem Neugeborenen den Namen eines Fußballers zu geben. Gut möglich also, dass Holland bei der WM 2034 mit zwei oder drei Wesleys den Titel gewinnt. 2010 muss dafür einer reichen. Der aber trifft wie drei, nicht zuletzt weil er dabei schwer mit dem Glück im Bunde ist. Sneijders 1:0 gegen Japan wurde von einem Torwart mit falschen Flugkoordinaten begünstigt. Sein Ausgleich gegen Brasilien war eigentlich ein Eigentor von Felipe Melo. Sein 2:1 gegen Uruguay wurde von einem Abwehrbein günstig abgefälscht.

Bei den Kollegen war der kleine Spielmacher wegen seiner Starallüren und seiner Art, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, eigentlich eher unbeliebt. Intern nannte man ihn den „Schlumpf“. Doch bei der WM hat er die Rolle einer anderen Comicfigur übernommen, die von Gustav Gans. Und so ist er plötzlich beliebt. Denn im Fußball ist der Dusel eines Einzelnen ja auch immer der von zehn anderen.

„Unglaublich, was er hier bei der WM macht. Jeder Ball, den er schießt, geht rein, ob nun von einem oder zwei Beinen oder einem Kopf abgefälscht, das ist nicht mehr normal“, erklärte Rafael van der Vaart am Freitag im niederländischen TV-Studio - und vermutete unter großer Heiterkeit aller Anwesenden, der Kollege Sneijder (der übrigens auf dem Schoß des Moderators saß) habe „eine goldene Vuvuzela in der Hose“. Er fragte dann gleich nach, ob das wirklich auf Sendung gehe. Da war es längst gesendet. Mehr als fünf Millionen Zuschauer, ein Drittel aller Niederländer, schauten live zu.

Sneijder könnte als erster Spieler ein Titel-Quartett gewinnen

Wie Arjen Robben war Sneijder vor einem Jahr bei Real Madrid ausgemustert worden, wo Präsident Perez nach seiner Mega-Einkaufstour (250 Millionen Euro für Ronaldo, Kaká und andere) frisches Geld brauchte. Die beiden Holländer wurden mit Kusshand genommen, Robben für 24 Millionen Euro vom FC Bayern, Sneijder für 15 Millionen Euro von Inter Mailand. Im Mai sahen sie sich an alter Arbeitsstätte in Madrid wieder, wo sie um den Champions-League-Titel und damit, nach Meisterschaft und Pokal, um das „Triple“ mit ihren Klubs spielten. Inter gewann, und so kann Sneijder nun daraus mit dem Gewinn der WM ein Titel-Quartett machen, das noch niemand geschafft hat. Am nächsten kamen dem bisher Franz Beckenbauer und sechs weitere Bayern-Profis, die 1974 nach Gewinn von Meistertitel und Europapokal der Landesmeister das WM-Finale gegen Holland gewannen. Doch fehlte ihnen der Pokalsieg, den Eintracht Frankfurt holte.

Die meisten Holländer hätten sich nun abermals die Deutschen im Endspiel gewünscht, als Revanche für 1974. Doch laut der Zeitung „Telegraaf“ war zumindest Sneijder über das deutsche Ausscheiden im Halbfinale nicht unglücklich. Er habe sich „die Hände gerieben“ - denn nun seien mit den Bayern-Stars Schweinsteiger, Lahm und Müller praktisch alle verbliebenen Konkurrenten für die Wahlen zum „Weltfußballer“ und zu „Europas Fußballer des Jahres“ aus dem Rennen. Dazu traf David Villa nicht, so dass der Holländer mit dem Spanier im Rennen um die WM-Torschützenwertung blieb - beide haben fünf Treffer.

Dieses Glück „muss man suchen, muss man erzwingen“

Sneijder will gegen die Spanier anders auftreten als die Deutschen: „Wenn du so gegen Spanien spielst, kannst du nicht viel holen. Natürlich musst du dich gegen sie etwas zurückhalten. Sonst ticken sie dich weg. Die Deutschen haben dabei übertrieben. Dann ist man chancenlos.“ Er glaubt, die Spanier hätten Respekt. Er liest das aus einer SMS seines früheren Madrider Kollegen Sergio Ramos ab. Ramos bat darin: „Gehe es ein bisschen ruhiger an, Wes. Du hast schon drei Titel. Das ist doch genug.“ Ist es natürlich nicht. Weltmeister sein schlägt alles. Bisher waren sie in Holland nur Europameister, einmal, 1988. Sneijder stand als Vierjähriger in Utrecht an der Schnellstraße, um den aus Deutschland heimkehrenden Helden zuzuwinken. „Nun können wir das sein“, sagt er.

Ist er also ein Glückspilz? Bei all dem Dusel, den er bei seinen Toren hat? Sneijder sieht es anders. Dieses Glück „muss man suchen, muss man erzwingen. Du musst die Geilheit haben, das Tor zu machen.“ Dabei hilft auch seine Lebensgefährtin Yolanthe Cabau van Kasbergen, die er am Samstag in Italien heiraten wird. Wegen ihr hat er die Ehefrau und den dreijährigen Sohn verlassen. Die Affäre mit der TV-Moderatorin, die durch eine Überwachungskamera in Amsterdam publik wurde, kostete ihn in Holland viele Sympathien. Nun aber gilt das neue Glück des Spielmachers auch als Glück der Nation.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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