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Veröffentlicht: 08.07.2015, 08:59 Uhr

WM-Sieg 1990 Des Kaisers imprägnierte Kleider

Genau 25 Jahre ist es her, dass Franz Beckenbauer mit dem deutschen Nationalteam zum zweiten Mal Weltmeister wurde – diesmal als Teamchef. Seitdem kann sich die Lichtgestalt des deutschen Fußballs alles erlauben. Selbst der Morast der Fifa bleibt nicht an ihm hängen.

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© dpa Weltmeister 1990: Der Star ist der Teamchef

Da ist dieser eine Augenblick, die Szene nach der Siegerehrung. Franz Beckenbauer schreitet allein über den Rasen. Das Flutlicht ist erloschen. Seine Hände stecken tief in den Taschen seiner hellen Sommerhose, die braungemusterte Krawatte sitzt tadellos, eine goldene Medaille baumelt davor. Beckenbauer senkt den Kopf und schaut zu Boden. Unergründlich scheint sein Weg in diesem Augenblick, auch für ihn selbst.

Michael Horeni Folgen:

Später wird er einmal sagen, dass er erst nach Jahren verstanden habe, „was in diesen Momenten des 8. Juli 1990 im Olympiastadion in Rom in mir, zunächst unbewusst, geschah: Ich habe mich vom Fußball gelöst. Es war ein Abschied ohne Wiederkehr. Es ist kein Feuer mehr in mir, keine Leidenschaft.“

Explosion der dunklen Fußballwelt

Ein halbes Jahrhundert begleitet Franz Beckenbauer nun schon die Deutschen. 25 Jahre davon, seit der Nacht von Rom, als Lichtgestalt. Seit dem Weltmeistertitel von damals ist Beckenbauer sogar noch größer geworden, irgendwann wurde er der bekannteste Deutsche. Aber während der frühere Teamchef heute mit seinem alten Team in Südtirol, wo der Weg zum WM-Triumph seinen Anfang nahm, zum Jubiläum anstößt, explodiert jene dunkle Fußballwelt, in der Beckenbauer zu einer geradezu märchenhaften Figur wurde.

Die Fifa, deren Regierung Beckenbauer exakt in jener Zeit angehörte, in der die skandalöse WM-Vergabe an Qatar und Russland fiel, versinkt in Schande. Aber der Kaiser, der sich nach der Wahl ungerührt vom russischen WM-Förderer Gasprom anwerben ließ, geht imprägniert seiner Wege. Seit Jahrzehnten kennt er die Leute, gegen die ermittelt wird, und zwielichtige Gestalten waren auch schon da, als Beckenbauer die WM nach Deutschland holte. In diesem Morast ist auch das Sommermärchen emporgewachsen, Beckenbauers dritter und letzter Titel, und immer ist er sauber geblieben. Er kann es sich sogar leisten, heute, da sich das internationale Fußballsystem vor aller Augen desavouiert hat, dessen Erschaffer Sepp Blatter zu verteidigen. Und Sklaven in Qatar hat Beckenbauer nie gesehen. In Andersens „Des Kaisers neue Kleider“ wird die Lichtgestalt entzaubert. Im Märchen namens „Beckenbauer“ nie.

DFB Teamchef Franz Beckenbauer im Kreise seiner Spieler Deutschland ist Weltmeister © Imago Vergrößern Grenzenloser WM-Jubel: Beckenbauer inmitten seiner Spieler

Als die Ethikkommission der Fifa im vergangenen Jahr den Weltmeister aller Klassen für neunzig Tage sperrte, weil er einen Fragebogen nicht ausgefüllt hatte, wurde hierzulande die Strafe heftiger kritisiert als des Kaisers fehlende Kooperation. Noch läuft das Verfahren, aber Beckenbauer hat bisher immer allen Widrigkeiten getrotzt, ob sportlich, geschäftlich oder privat. Stets ist er als strahlender Sieger hervorgegangen. Einen Kaiser ficht nichts so leicht an. Seine Karriere ist die größte, die der deutsche Sport hervorgebracht hat. Und die große Frage angesichts all der Verwerfungen im Fußball dazu lautet ganz schlicht: Wie ist das möglich?

Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), ist in diesen Tagen für Medien schwer zu erreichen. Der Fifa-Skandal und die künftige Rolle des DFB bei der Wahl von Blatters Nachfolger sind heikle Themen. Aber für ein Gespräch über Franz und die WM in Italien nimmt er sich sofort Zeit. Und wenn Niersbach nach 25 Jahren in den von Gianna Nannini besungenen italienischen Sommer zurückkehrt, dann lebt er auf, verjüngt sich. Man sieht förmlich, wie er nach dem Finalsieg gegen Argentinien auf den Platz stürmt, den Kaiser umschlingt und die Arme in die Luft wirft.

WM 1990 - Finale Deutschland - Argentinien 1:0 © Picture-Alliance Vergrößern Glücksmoment: Der Kaiser feiert am 8. Juli 1990 in Rom den Sieg über Argentinien

Er entdeckt „den Franz“ dann plötzlich allein auf dem Platz. „Da trug er noch die Medaille, die er mir dann später in der Kabine geschenkt hat“, erzählt Niersbach. Zwanzig Jahre lang schmückt die Medaille seinen Kaminsims. Bei der letzten Jubiläumsfeier des WM-Siegs vor fünf Jahren schenkte er sie ihm zurück. Und Beckenbauer reichte sie ans Fußballmuseum weiter.

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