14.03.2005 · Wo die Vorfreude kein Ende nimmt: Die Bundesregierung hat ihre Website zur Fußball-WM 2006 freigeschaltet. „Vieles“, so heißt es, dreht sich hier „ums runde Leder“. Dabei ist der Fußball in Wahrheit nur Nebensache.
Von Jörg ThomannAlso dann: Das Eröffnungsspiel der Fußball-WM 2006 findet in Stuttgart statt. Das Motto des Turniers lautet „Auf nach Deutschland!“, und das Finale schließlich geht in Gelsenkirchen über die Bühne.
Das ist selbstverständlich alles falsch, und wenn es gerecht zuginge, hätten wir nun keine Chance mehr, die zwei WM-Tickets zu gewinnen, die der WM-Sponsor Continental „freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat“. Weil wir aber auf einer Homepage der deutschen Bundesregierung sind, der auch nicht immer alles im ersten Versuch gelingt, dürfen wir gleich noch einmal ran: „Leider waren nicht alle Fragen richtig beantwortet. Möchten Sie das Quiz noch einmal starten?“
Bei der Cebit in Hannover haben Franz Beckenbauer und Otto Schily gestern gemeinsam auf einen Fußball gedrückt, was das Signal war zur Freischaltung der offiziellen Website der Bundesregierung zum wichtigsten Ereignis im Jahr 2006: der Bundestagswahl. Ach was, der Fußball-Weltmeisterschaft natürlich, die die Regierung zum Anlaß nimmt für eine große „Service- und Freundlichkeitskampagne“ (Schily).
Rund um die Regierung
Die von einer sechzehnköpfigen Redaktion des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung gestaltete Website WM2006.deutschland.de dient laut Betreibern mehreren Zwecken: „Erstens informiert die Seite darüber, wie die Bundesregierung ihre Garantien gegenüber dem Weltfußball-Verband FIFA einlöst. Darüber hinaus zeigt sie ein gastfreundliches, weltoffenes und tolerantes Deutschland. Und drittens ist sie eben auch eine Fußball-Seite, auf der sich vieles um das runde Leder dreht.“ Dieses „Und drittens“ trifft den Nagel auf den Kopf. Wieviel mehr als um das runde Leder sich auf der Seite um die Bundesregierung dreht, belegt das Ergebnis der Stichwortsuche: Ballack: ein Eintrag, Klinsmann: sechs, Beckenbauer: 16. Der absolute Spitzenreiter, mit 18 Einträgen: Schily.
In immerhin vier Sprachen kann sich der Fußballfreund - oder der Freund der Bundesregierung - auf der Homepage informieren über Themen wie „Kulturland Deutschland“, „Reiseland Deutschland“ oder den „Fußball in Deutschland“, der sich hier frei von neumodischen Begleiterscheinungen wie Club-Insolvenzen und Betrugsaffären präsentiert. Auch der „Wirtschaftsstandort Deutschland“ steht noch in vollster Blüte: „Die deutsche Industrie konnte in den letzten Jahren ihre Wettbewerbsfähigkeit beträchtlich steigern und ihre führende Position auf den internationalen Märkten weiter ausbauen.“
Grüße von der BzgA
Noch ausbaufähig scheinen die Rubriken „Reden“ und „Interviews“, bestückt mit jeweils einem Exemplar: einem Otto-Schily-Vortrag vom September 2004 sowie einem Interview mit dem Neugierde weckenden Titel „'Fußball kann Kinder stark machen'. BzgA unterstützt Kampagne 'Klub 2006 - Die Fifa WM im Verein'“. Beide Texte sind leider noch nicht übersetzt worden, weshalb die Besucher aus England, Frankreich oder Spanien nie erfahren werden, daß sich hinter den Buchstaben „BzgA“ die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verbirgt.
Die Freude der Bundesregierung über die WM scheint sich auf die Besucher der Seite direkt zu übertragen. Was freilich auch daran liegen mag, daß das Gästebuch den Einträgen die Struktur vorgibt: „Ich freue mich auf die WM, weil...“. Da läßt sich sogar die Junge Union Neckarsulm anstecken. Der Besucher „Vati“ aus Berlin teilt mit: „Ich freue mich auf die WM, weil es die Werbewirtschaft ankurbelt. Und wegen Fußball - is klar.“ Is klar. Gerhard Schröder würde das ähnlich formulieren.
Endspiel auf der Wiese
In der Rubrik „Mitspielen“ darf man sich als „WM-Manager“ versuchen - oder, es lebe die Antidiskriminierung, als „Managerin“. In diesem „Strategiespiel“ muß man anhand einer Reihe von Fragen beweisen, daß man eine Fußball-WM in Deutschland organisieren kann, indem man zum Beispiel den richtigen Ort fürs Endspiel findet: das Berner Wankdorfstadion vielleicht? Die Wiese vorm Reichstag? Oder doch die dritte Antwort: „Die Bundesregierung steckt 196 Millionen Euro in die Renovierung des Berliner Olympiastadions und freut sich mit den Berlinern und ihren Gästen auf das Endspiel“? Die Reichstagswiese wäre womöglich billiger gewesen.
Eher bedenklich stimmt das zweite Spiel namens „Gästetribüne“, welches „ein Stück echte WM-Atmosphäre“ verspricht. Das sieht dann so aus, daß ein in die Farben eines auszuwählenden Landes gekleideter Fußballfan (oder eine Fußballfännin) mit auszuwählendem Proviant eine Treppe hinabsteigt, während die bereits sitzenden Fans versuchen, ihm ein Bein zu stellen. So richtig gastfreundlich, tolerant und weltoffen dünkt uns das nicht. Doch wir sollten uns keine Sorgen machen. Schließlich gibt die Regierung auf einer Liste der „staatlichen Garantien“ rund ums Turnier an vorderster Stelle das Versprechen ab: „Zügige Visaerteilung zur Einreise“. Dann kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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