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Vor der Fußball-WM Hoffnung am Kap

05.12.2009 ·  Mit der Weltmeisterschaft verknüpft Südafrika große Hoffnungen. Eine WM ohne Rendite wäre für das Land mit einer Arbeitslosenquote von inoffiziell 43 Prozent eine Katastrophe. In den Townships gärt es landauf, landab. Seit fünfzehn Jahren warten die Menschen dort auf bessere Häuser und menschenwürdige Arbeit.

Von Thomas Scheen, Johannesburg
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Vor drei Jahren hätten selbst zuversichtliche Südafrikaner nicht viel darauf gegeben, dass die Fußball-Weltmeisterschaft am Kap der Guten Hoffnung doch noch Wirklichkeit werden würde. Durch die Ineffizienz der eigenen Regierung und deren lästige Angewohnheit, Probleme einfach auszusitzen, schien die Verwirklichung eines so ehrgeizigen Projekts von vornherein zum Scheitern verdammt. Selbst Fifa-Chef Blatter, der bekannt dafür ist, alles schönzureden, was Südafrika betrifft, bekam irgendwann kalte Füße und sprach offen von einem "Plan B". Vergeben und vergessen.

Südafrika hat es geschafft. Die neuen Stadien sind nahezu komplett fertiggestellt und einsatzbereit, die Modernisierung der Flughäfen von Kapstadt, Johannesburg und Durban ist abgeschlossen. Es hakt allerdings nach wie vor beim öffentlichen Personennahverkehr und bei den Unterkünften für 450.000 erwartete Besucher. Dass diese Engpässe bis zum ersten Anpfiff noch behoben werden, ist unwahrscheinlich. Insofern wird diese Weltmeisterschaft sicher kein organisatorisches Wunderwerk wie die letzte in Deutschland sein. Das kann man von einem Schwellenland allerdings auch nicht erwarten.

Südafrikaner lassen sich nicht gern vom Westen kritisieren, doch die Medienaufmerksamkeit, die mit diesem Großereignis einhergeht, hat gleichwohl in manch kritischem Punkt für Einsicht gesorgt. Zum Beispiel bei der ausufernden Gewalt am Kap. Die neue Regierung spielt die Kriminalität jedenfalls nicht länger herunter. Präsident Jacob Zuma sagt inzwischen, das Ausmaß der Gewalt in Südafrika sei eines "der schlimmsten der Welt". Im Hinblick auf die Weltmeisterschaft hat die Regierung mehr als 100.000 neue Polizisten rekrutiert und ausgebildet. Die Zahl der Reservisten wird sich bis zum Turnier mehr als verdoppeln. Dass Zumas neuer Polizeichef seinen Polizisten empfiehlt, bei künftigen Begegnungen mit gewaltbereiten Gangstern "auf die Köpfe zu zielen", ist indes nicht sonderlich hilfreich.

Mit der Weltmeisterschaft verknüpft das Land große Hoffnungen. Mit der Ausrichtung des Turniers will Südafrika sich als Urlaubsland empfehlen und die Zahl der Touristen deutlich steigern. Südafrikanische Banken erwarten in den kommenden Jahren ein Wirtschaftswachstum von bis zu 2,7 Prozent. Das Beispiel Deutschland hat allerdings gezeigt, dass mit einem sportlichen Großereignis zwar viel Prestige zu gewinnen ist, die wirtschaftlichen Zuwachsraten sich aber eher bescheiden ausnehmen. Eine Weltmeisterschaft ohne Rendite wäre für Südafrika eine Katastrophe. Das Land erlebt die erste Rezession seit siebzehn Jahren; ihr sind bisher mehr als eine Million Arbeitsplätze zum Opfer gefallen. Vor dem Hintergrund einer Arbeitslosenquote von offiziell 27 Prozent und inoffiziell 43 Prozent ist das verheerend. Die Leitzinsen haben sich in den vergangenen zwei Jahren um nahezu fünfzig Prozent verteuert, und niemandem sitzt mehr der Geldbeutel locker.

Die hohen Ausgaben für die WM-Infrastruktur von 3,5 Milliarden Euro, die alleine der Staat aufbringt, würden der Regierung wohl verziehen werden, sollte sich der finanzielle Kraftakt in einem soliden Wirtschaftswachstum und damit in Arbeitsplätzen niederschlagen. Doch das Gegenteil droht, weil der Staat die Mehrkosten, die beim Bau der prestigeträchtigen Stadien entstanden sind, einfach an die Städte weitergegeben und diese damit in die Schuldenfalle gedrückt hat. Dabei haben Städte wie Nelspruit oder Polokwane nach der Weltmeisterschaft keine Verwendung für die Stadien, für die sie sich gerade hoch verschulden. Der Stadtrat von Johannesburg musste seinen Haushalt für das kommende Jahr um 100 Millionen Euro kürzen, um die Fertigstellung des sündhaft teuren Soccer City Stadium zu finanzieren. Gespart wird nun bei den Verwaltungskosten und bei städtischen Wohlfahrtsprogrammen. Mit anderen Worten: bei den Armen.

Dabei gärt es in den Townships landauf, landab. Seit fünfzehn Jahren warten die Menschen dort auf das Einlösen der Versprechen, die ihnen die erste schwarze Regierung nach dem Ende der Apartheid gegeben hat: bessere Häuser und menschenwürdige Arbeit. Davon ist nicht viel zu sehen. Und deshalb vergeht kaum eine Woche ohne gewaltsame Zusammenstöße zwischen frustrierten Slumbewohnern und Sicherheitskräften. Manche prophezeien, die Weltmeisterschaft werde das letzte Aufleuchten Südafrikas sein, bevor das Land endgültig von seinen gewaltigen sozialen Ungerechtigkeiten nach unten gezogen wird.

Aber im kommenden Sommer geht es zunächst einmal um Fußball, die angeblich schönste Nebensache der Welt. Im Gegensatz zu den als stark eingeschätzten afrikanischen Mannschaften aus der Elfenbeinküste und Ghana werden die südafrikanischen Kicker von Bafana Bafana indes kaum glänzen können. Nach einer schlecht verlaufenen Serie von Freundschaftsspielen steht für das Turnier das Schlimmste zu befürchten. Selbst Danny Jordaan, der Chef des südafrikanischen WM-Organisationskomitees und als solcher Berufsoptimist, hält den Ball flach: Er sei schon zufrieden, wenn Bafana Bafana wenigstens die erste Runde überstehen würde.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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