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Vor der EM in England „Frauenfußball ist frech und sympathisch“

05.06.2005 ·  Tiefstapeln gilt nicht: Bundestrainerin Tina Theune-Meyer im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die Frauenfußball-EM, die Popularität von Birgit Prinzund ihren Abschied.

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Tiefstapeln gilt nicht: Bundestrainerin Tina Theune-Meyer über die EM und ihren Abschied.

Am 5. Juni beginnt Ihr letztes Turnier als Bundestrainerin. Vorfreude? Wehmut? Oder ein Turnier wie jedes andere?

Für mich ist es eine besondere EM, weil sie in England stattfindet, meinem Lieblingsland. Es sind viele Teams dabei, die sich gut vorbereitet haben und hoch motiviert sind: England, Norwegen, Schweden. Insofern: große Vorfreude auf das, was kommt. Es wird ein sehr guter Vergleich werden, mit starken Mannschaften und einer guten Atmosphäre.

Wer sind die schwersten Gegnerinnen?

In unserer Gruppe ist mit Frankreich eine Mannschaft, die Fußball zelebrieren kann. Dänemark hat im letzten Jahr sehr gute Ergebnisse erzielt und eine ausgezeichnete Qualifikationsrunde gespielt. England kommt als Heimmannschaft dazu, Norwegen und Schweden habe ich erwähnt.

Was haben Sie sich bei der EM vorgenommen?

Wir sind Europameister und Weltmeister. Da muß man sagen, und das sagt auch jede Spielerin: Natürlich wollen wir gewinnen. Ganz klar. Alles andere wäre lächerlich, wenn wir da tiefstapeln würden.

Sie sind seit neun Jahren Bundestrainerin. Wie hat sich der Frauenfußball in dieser Zeit verändert?

Frauenfußball ist ein Feld, auf das zunehmend Sponsoren aufmerksam werden, in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft. Sie identifizieren sich mit all den Attributen, die den Frauenfußball ausmachen: frech, offen, sympathisch. Die Spielerinnen sind durch die vielen Live-Übertragungen populär geworden. Viele kennen Birgit Prinz, wenn sie irgendwo aufläuft. Da hat sich viel verändert. Es gibt auch immer mehr Spielerinnen, für die Fußball ein Fulltime-Job geworden ist. Das macht jungen Spielerinnen auch Schwierigkeiten, weil sie Ausbildung, Beruf und Training unter einen Hut bringen müssen. So schaffen es viele von ihnen erst ein, zwei Jahre später, als das früher der Fall war.

Wie wichtig war der WM-Titel für diese Entwicklung?

Wir hatten ja über die Jahre immer wieder Erfolge. Angefangen hat das mit der Europameisterschaft 1989, als wir zum erstenmal zu einer sehr guten Zeit im Fernsehen zu sehen waren. An diesen Erfolg haben wir immer wieder angeknüpft, zuletzt mit der WM 2003, die noch mal einen enormen Schub gebracht hat. Das war wirklich phänomenal, was danach passiert ist.

Parallel dazu entwickelte sich der Frauenfußball auch in der Breite.

Wenn heute irgendwo Frauenfußball angeboten wird, ist da ein Zulauf, das ist Wahnsinn. Bianca Rech etwa betreut zur Zeit in Bad Neuenahr eine Mädchenmannschaft. Am Anfang hatte sie zehn Schülerinnen, jetzt sind sie 35, und sie kann sich vor Neuanmeldungen nicht mehr retten. Frauenfußball ist einfach eine In-Sportart für die Mädchen.

Wird der deutsche Frauenfußball seine herausragende Position in Zukunft behaupten können?

Man darf nicht erwarten, daß wir jedesmal den Titel holen. Aber oben mitspielen, das können wir. Bei den Frauen ist so gute Nachwuchsarbeit geleistet worden, da ist viel Potential da. Bei der "U19"-EM-Qualifikation hatten wir Schweden in der Gruppe, und ich habe einen riesengroßen Unterschied gesehen, was das spielerische Potential angeht, die Ausbildung. Da sind unsere Spielerinnen weiter. Ich habe deshalb keine Bedenken für die Zukunft. Es gibt sehr viele Mädchen mit 14, 15 Jahren, die die Chance haben, sich weiterzuentwickeln. Da wird sehr früh sehr gute Arbeit geleistet.

Auch Ihr Verdienst?

Mein Vorgänger Gero Bisanz hat ja gute Vorarbeit geleistet. Ich habe das einfach so weitergeführt. Es war eine gewisse Kontinuität da, immer an der Seite von guten Leuten, Ralf Peter etwa, dem Trainer der "U15"- und "U17"-Juniorinnen. Es hat einfach gut gepaßt, auch die Zusammenarbeit mit Assistenztrainerin Silvia Neid. Wir sind, was die Auffassung von Fußball angeht, häufig gleicher Meinung, auch wenn wir unterschiedliche Typen sind.

Wie ist die Aufgabenteilung zwischen Silvia Neid und Ihnen?

Ich strahle eher Ruhe aus, mag die leisen Töne. Ich würde das nicht unbedingt Zurückhaltung nennen, zurückhaltend war ich vielleicht vor zwanzig Jahren. Ich kann auch sehr bestimmend sein. Ich versuche vielmehr, Überzeugungsarbeit zu leisten, während Silvia schon mal die Faust auf den Tisch haut. Das ergänzt sich ganz gut.

War der WM-Titel Ihr persönlicher Höhepunkt?

Die EM 1989 war schon ein Riesenerlebnis. Das hing auch mit der Atmosphäre zusammen. Wir waren zum erstenmal im Blickpunkt. Das Stadion in Osnabrück war ausverkauft. Als das erste Tor gefallen war, ging permanent die Welle. Das werde ich nie vergessen: Da gingen wir in die Pause, und die Welle ging immer weiter. Das und die WM waren die Höhepunkte. Mit dem Empfang und allem, was danach passiert ist. Wir hatten etwa mit einer Schule in den USA Kontakt, die haben uns immer Faxe geschickt: Wenn ihr das nächste Spiel gewinnt, kriegen wir hausaufgabenfrei. Nach der WM haben sie uns eingeladen. Der Bürgermeister hat uns vorgestellt, und sie haben Journalisten gespielt, jeder formulierte eine Frage. Die wußten genau über uns Bescheid. Da waren Kinder, die angefangen haben zu weinen, nur weil man da war, weil man ihnen eine Frage beantwortete. Das waren total schöne Erlebnisse.

Könnten Sie sich vorstellen, auch mal eine Männer-Mannschaft zu trainieren?

Nein. Das ist nicht mein Ding. Es gibt so viel im Frauenbereich zu bewegen. Ich habe mit Mitte Zwanzig angefangen, im Studium die B-Lizenz erworben, bin im Verein 14 Jahre lang Spielerin und Trainerin gewesen. Da hat man immer nur das im Kopf.

Sind die Anforderungen an einen Trainer im Frauen- und im Männerbereich dieselben?

Das ist egal. Eine gute Ausbildung ist nötig, fachliche Qualität. Ich glaube aber, daß man bei den Männern im professionellen Bereich andere Qualitäten haben muß. Da steht man mehr in der Öffentlichkeit, muß sich täglich auseinandersetzen mit Medien, Erfolg oder Mißerfolg. Bei den Frauen hat man noch mehr Zeit zu trainieren, zu probieren. Man muß der Typ sein, um im Profifußball klarzukommen, egal ob Mann oder Frau. Das Ganze ist sehr kurzlebig, es ist sehr viel Geld im Spiel. Bei den Frauen geht das alles noch ein bißchen ruhiger vonstatten.

Bleibt beim Job als Bundestrainerin denn Zeit für andere Dinge?

Nicht viel. Wenn, dann macht man das mit Haut und Haaren. Zumindest ist das bei mir so. Es gibt viele Dinge, die mich interessiert haben, die im Moment zu kurz kommen.

Ein Grund für den Rückzug?

Es ist ein guter Zeitpunkt für mich. Wir haben jetzt einige Trainerinnen, die eine gute Ausbildung haben und sicher in den nächsten Jahren noch von sich reden machen. Das Ganze ist auf stabilen Füßen aufgebaut, die Nachwuchsarbeit stimmt, und ich hab' auch noch ein bißchen Zeit vor mir.

Werden Sie weiter für den DFB arbeiten?

Ja. In welchen Bereichen das sinnvoll und effektiv ist, müssen wir noch abstecken. Jetzt zählt erst mal die EM. Danach will ich dann aber zeitlich reduzieren. Ich hab ja jetzt was anderes vor.

Was?

Ich werde erst mal Klavierunterricht nehmen. Das habe ich mir vorgenommen. Das steht schon 30 Jahre da und verstaubt. Und ich werde fotografieren.

Sie haben einmal gesagt: "Hätte ich in Athen Gold gewonnen, hätte ich danach aufgehört."

Ich hätte ja auch nach der WM schon sagen können: So, das war's jetzt. Aber die Turniere in Athen und in England reizten mich einfach. Vor allem das in England. Mein Schwager ist Engländer. Die sind etwas verrückt, schräg drauf, das liegt mir. Die Queen, Charles, Camilla, die Taxis. Die Beatles, die Rolling Stones. Das paßt einfach.

Das Gespräch führte Bernd Steinle.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.06.2005, Nr. 22 / Seite 18
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