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Volker Ippig Vom Torwart zum Tagelöhner

21.04.2009 ·  Für die Fans des FC St. Pauli war Volker Ippig eine Ikone, im Team blieb er ein Außenseiter. Das Leben nach der Karriere bereitet Probleme - der Held von damals pendelt zwischen dem Hamburger Hafen und persönlicher Freiheit.

Von Michael Wittershagen, Hamburg
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Wer ihm ins Gesicht schaut, der hat die Vergangenheit vor Augen. Den FC St. Pauli, ihn im Tor und Tausende auf den Tribünen am alten Millerntor. Noch immer sind da diese langen blonden Haare, der dichte Bart, dieser Blick voller Fragen. Volker Ippig ist inzwischen 46 Jahre alt, und doch sieht er noch immer genauso aus wie dieser Mann, den die Fans damals zu einer Ikone der Freiheitsbewegung machten. Der Aufbauarbeit in Nicaragua leistete und dafür sogar seine Karriere unterbrach.

„Karriere?“, sagt Ippig und verzieht die Mundwinkel. „Ich spreche vom Profidasein.“ Das klingt weniger elitär und passt besser zu seinem Charakter. Er hat sich nicht verändert, nur sein Leben ist ein anderes geworden. Schon lange steht Ippig nicht mehr im Mittelpunkt.

Aber das wollte er ohnehin nie. „Seinem Schicksal kann niemand entgehen“, sagt Ippig, der sich nicht fragt, ob er irgendetwas hätte anders machen sollen. „So etwas führt doch zu nichts“, sagt er. „Es ist vergangen - und dann muss man sehen, dass man seine Kräfte in der Jetztzeit bündelt.“ Mehrmals im Monat fährt Ippig in den Hamburger Hafen. Zur Schicht als Lascher. Der ehemalige Bundesligaspieler ist seit etwas mehr als einem Jahr einer jener Männer, die mit schweren Ketten und Seilen die Ladung auf den Schiffen sichern - ein Knochenjob. Wann er gebraucht wird, erfährt er oft erst Stunden zuvor.

Keine innere Befriedigung ohne Fußball

Ippig ist als „Unständiger“ angestellt, als Tagelöhner, der nur dann gerufen wird, wenn es Arbeit gibt. „Momentan ist die Stimmung nicht so gut“, sagt Ippig. „Viele wurden schon entlassen, die Krise schlägt überall durch.“ Immer weniger Ozeanriesen machen fest, immer weniger Container kommen in Hamburg an. Ippig denkt oft nach über die globalen Bewegungen und ihre Folgen. Mehr als einhundert Kilometer sind es von seinem Wohnort Lensahn in Ostholstein in den Hafen, da bleibt viel Zeit für solche Dinge.

Volker Ippig war 29 Jahre alt, als er mit dem Fußballspielen aufhören musste. Beim Training war er auf den gefrorenen Boden geprallt, ein Seitenhorn an seiner Wirbelsäule brach ab, Ippig machte noch ein paar Monate weiter, doch im September 1991 stand er zum letzten Mal für den FC St. Pauli im Tor. Die Mannschaft verlor 0:2 gegen Eintracht Braunschweig, und Ippig litt unter Schmerzen, die kaum noch aufhörten.

Nach 65 Spielen in der Bundesliga und 35 Einsätzen in der zweiten Liga war er Sportinvalide und musste eine neue Ordnung in seinen Alltag bringen. „Durch die Berufsgenossenschaft bin ich weich gefallen“, sagt er. Aber das war nur der äußere Rahmen, die finanzielle Absicherung. Innere Befriedigung hatte er dadurch nicht gefunden

Als mobiler Torwarttrainer unterwegs

Ein Leben ohne Fußball kann er sich noch immer nicht vorstellen. Er hat es versucht - und ist daran gescheitert. Also begann er bei seinem Heimatverein TSV Lensahn wieder mit dem Kicken, und aus dem Schlussmann wurde ein Mittelfeldspieler. „Es hilft“, sagt Ippig, „wenn man mit Sachen weitermacht, an denen das Herz hängt.“ Also begann er mit der Arbeit als Torwarttrainer. Vier Jahre beim FC St. Pauli, danach beim VfL 93 Hamburg und schließlich beim VfB Lübeck. Von dort nahm ihn sein ehemaliger Mitspieler Bernd Hollerbach mit zum VfL Wolfsburg.

Ippig war zurück in der Bundesliga, er trainierte Simon Jentzsch und erlebte mit, wie Felix Magath als Trainer und Manager im Osten Niedersachsens begann, die deutsche Fußball-Hierarchie durcheinanderzuwirbeln. Als die Ambitionen immer größer wurden, musste Ippig gehen. Magath hatte Diego Benaglio als Ersatz für Jentzsch verpflichtet, und der brachte seinen eigenen Torwarttrainer mit. „Damit war das Thema für mich durch.“

Verlässliche Zukunftsplanung ist kaum möglich

Ippig machte sich wieder selbständig und bot seine Dienste als mobiler Torwarttrainer an. So, wie er es schon 2003 für einige Zeit getan hatte, als er beim FC St. Pauli entlassen wurde. Ihn buchen Großeltern, die ihren Enkeln etwas Besonderes zum Geburtstag schenken wollen, Provinzvereine, die glauben, ihre Defensive mit Sonderschichten für die Schlussmänner stabilisieren zu können, und auch der Deutsche Fußball-Bund beschäftigt Ippig alle zwei Wochen am Stützpunkt Malente bei der Förderung junger Torhüterinnen. Ippig sagt, dass er nicht viel für seine Arbeit braucht: „Einen vernünftigen Platz, ein großes Tor - und dann geht's los.“

Auf dem Rasen ist die Arbeit wie im Hafen - die Jobangebote kommen spontan, eine verlässliche Zukunftsplanung ist für den Vater zweier Kinder kaum möglich. Er macht das, was bezahlt wird. Auch, wenn die Schmerzen im Rücken immer größer werden. Aus der Sportverletzung ist ein Haltungsschaden geworden. Die Muskulatur hat sich verzogen, auch die Wirbel haben sich um beinahe einen Zentimeter verschoben. „Manchmal sind die Schmerzen höllisch, aber damit kann ich umgehen.“

Die Brüche in seinem Leben wurden immer größer

Früher, sagt Volker Ippig, sei ihm der Fußball nie genug gewesen. Er wollte mehr vom Leben. Als Siebzehnjähriger war er vom TSV Lensahn nach Hamburg gewechselt und lebte fortan in einer prächtigen Villa an der Elbchaussee. Sie gehörte Otto Paulick, dem damaligen Präsidenten von St. Pauli, er hatte den jungen Volker in seine Familie aufgenommen und ihm dadurch einen anderen Blick auf die Welt ermöglicht. „Ich wurde plötzlich mit Dingen konfrontiert, die vorher kein Thema waren.“ Literatur, Kunst, Musik - Ippig bestand sein Abitur am Wirtschaftsgymnasium und zog in die Hamburger Hafenstraße.

Die Brüche in seinem Leben wurden immer größer. Nach nur drei Monaten ging er zurück nach Lensahn, um in einer Schule für behinderte Kinder zu arbeiten. Das Parieren von Torschüssen verlor mehr und mehr an Bedeutung, stattdessen rückten Menschen mit ihren Nöten in sein Bewusstsein. Er ging nach Nicaragua, kehrte nach einem halben Jahr zurück und spielte wieder Fußball. Ob er Teil einer politischen Bewegung war? Ippig lacht. „Ich war Torwart, da hilft dir keine Bewegung.“ Wenn er ins Stadion einlief, ballte er seine Faust zum Gruß und streckte sie den Zuschauern entgegen. In der Mannschaft blieb er der Exot, ein Außenseiter.

Aufstieg in die Verbandsliga: „Mein schönster Fußballmoment“

Beim TSV Lensahn ist Ippig inzwischen zum Cheftrainer aufgestiegen - eine Aufgabe, die als Minijob Geld in die Familienkasse spült. Aber darum geht es ihm nicht, er hat die Leidenschaft zurück. Im vergangenen Jahr ist er mit dem Verein in die Verbandsliga aufgestiegen. „Das war der Wahnsinn“, sagt Ippig. Sommersonnenwende, Jubelschreie - und er mittendrin. Als Trainer einer Mannschaft, die er zu dem gemacht hatte, was sie war. „Mein schönster Fußballmoment - da geht nichts drüber.“

Dieser Mann hat sein Glück gefunden. Weit weg von pulsierenden Metropolen hat er sich ein gutbürgerliches Zuhause aufgebaut. Den Alltag zu bewältigen ist nicht immer einfach. Aber Volker Ippig zweifelt nicht, er sagt: „Durchbeißen muss man sich überall.“ Das hat er getan. „Wenn es so läuft wie gerade, dann kann ich damit alt werden.“

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