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VfB Stuttgart Denkmalstreit statt Denkmalpflege

27.08.2005 ·  Giovanni Trapattoni hat derzeit wenig Spaß an seinem neuen Job in Stuttgart. Nur ein Punkt steht bislang zu Buche. Zudem drückt seine rücksichtslose Umformung der Mannschaft auf die Stimmung im Schwabenland.

Von Oliver Trust, Stuttgart
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Es gehört nicht viel dazu, im Gesicht von Giovanni Trapattoni abzulesen, daß er im Moment wenig Spaß an seinem Beruf empfindet. Der italienische Trainer des VfB Stuttgart schaut verkniffen, bisweilen angestrengt drein. Penibel notiert der 66 Jahre alte Trapattoni jede Frage auf einem Zettel. Neben ihm sitzt ein Dolmetscher, der versucht, zu übersetzen, wenn der „Maestro“ ihm überhaupt die Chance dazu gibt.

Die Atmosphäre in Stuttgart ist fühlbar angespannt, und immer öfter sieht sich Trapattoni nach nur einem Punkt aus zwei Spielen und allerlei taktischem Durcheinander genötigt, grundsätzliche Reden zu halten, die nur noch wenig von italienischer Leichtigkeit in sich tragen. Auch vor dem Duell bei Werder Bremen am Samstag (ab 15.30 live auf Premiere und im FAZ.NET-Liveticker) sprudeln aus Trapattoni Erklärungen heraus, die klingen wie der Bericht zur Lage der schwäbischen Fußballnation in einer schweren Stunde.

Ohne „Vater“ Soldo

Vielleicht muß das so sein, wenn ein neuer Trainer kommt und nach einer Bestandsaufnahme feststellt, daß er die Strukturen seiner neuen Mannschaft grundlegend ändern will. „Das ist wie ein kleines Erdbeben“, sagt Trapattoni und fordert eine „neue Mentalität“, weil sich andere Spieler nicht hinter einer Führungsfigur wie Zvonimir Soldo verstecken dürften. Deshalb, so macht Trapattoni deutlich, sitze der Kapitän draußen. Es müsse auch ohne den „Vater“ gehen. Soldo sei nämlich so etwas wie ein übermächtiger Vater in Stuttgart. „Die Spieler hier haben die Tendenz, sich unterzuordnen. Wenn dann eine Führungsfigur wegbricht, können sie nicht mit dieser Situation umgehen.“

Als der ergraute Chef hinter einem Strauß von Mikrofonen Aufklärungsarbeit zu leisten versuchte, schlenderten die Spieler nach Dusche und Training zu ihren Autos und dem freien Nachmittag entgegen. Kaum einer wollte etwas sagen. Ein Zug der Schweigenden zog sich hinunter bis zum Parkplatz, vor dem dicke Absperrgitter standen. „Er ist der Chef der Mannschaft. Zvoni ist ein Denkmal in Stuttgart, da kann man nicht einfach so daran kratzen“, sagte Silvio Meißner vor ein paar Tagen. Jetzt schwieg er.

Nudeln mit Olivenöl vor jedem Spiel

Auch Soldo schwieg. Der 37 Jahre alte Kroate umkurvte die Kameras, sein Gesicht eine Maske. Allenfalls ein gequältes Lächeln stellte er zur Schau. Seit zehn Jahren spielt Soldo in Stuttgart, nie mußte er auf der Bank Platz nehmen, wenn ihn nicht eine Verletzung dazu zwang. Seit einem Jahrzehnt ißt er vor dem Spielen Nudeln mit Olivenöl. Es ist sein Ritual. Er pflegt ein vorbildliches, fast asketisches Leben als Profisportler. Wenn jüngere Teamkollegen sich ins Stuttgarter Nachtleben stürzen, zieht sich Soldo zurück.

Die Bühne betrat er immer nur, wenn es darum ging, Belange der Mannschaft zu vertreten. Dann erschienen von ihm mitunter kritische Interviews, vornehmlich in Stuttgarter Zeitungen. Dann kam Trapattoni und wechselte ihn im ersten Spiel gegen Duisburg aus, setzte ihn gegen Köln überhaupt nicht ein - und auch in Bremen an diesem Samstag wird Soldo wohl nicht spielen. „Weil er so lebt, spielt er mit 37 Jahren noch in der Bundesliga. So einer verdient Respekt“, sagt Horst Heldt, selbst schon 35. „Er sitzt jetzt nicht in der Kabine und weint. Er ist auch Chef, wenn er auf der Bank sitzt.“

Suche nach Halt und Orientierung

Im November wird Soldo 38 Jahre alt. Es ist seine letzte Saison als Profi. Im nächsten Sommer wird er in seine Heimat Kroatien zurückkehren. Bleibt es aber bei seiner Verbannung auf die Bank, scheint ein früherer Ausstieg nicht ausgeschlossen. „Er macht die Saison zu Ende, da habe ich keine Zweifel, und er wird auch wieder spielen“, sagt Manager Herbert Briem. Und selbst der von reformerischem Eifer beseelte Trapattoni läßt ein Hintertürchen offen. „Sie können sicher sein, wenn ich merke, daß ich eingreifen muß, tue ich das. Es geht nicht darum, etwas zu versuchen und es später nicht zu korrigieren“, sagt Trapattoni. Jetzt aber suche er eine andere Straße, und dafür seien Geduld und Bereitschaft unentbehrlich.

Und das in einer Phase, da der VfB nach Halt und Orientierung sucht. Im Team füllt die Fraktion der Neuen um Jon Dahl Tomasson noch nicht das Machtvakuum der Ära nach Soldo aus. Altgediente Stuttgarter wie Nationaltorwart Timo Hildebrand müssen sich in diesen angespannten Zeiten von Trapattoni maßregeln lassen. Hildebrands bisheriger Torwarttrainer Ebbo Trautner wurde zu den Amateuren abgeschoben, wogegen Hildebrand leise protestierte. Ein angestrengtes Lächeln huscht dem Schlußmann übers Gesicht, wenn Trapattoni während der Spiele einen seiner Trainer zu ihm schickt, der ihn anweist, die Reichweite seiner Abschläge gefälligst zu steigern.

Quelle: F.A.Z. vom 27. August 2005
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