Ein kurzer Blick auf den Leistungsstand der spanischen Fußballklubs in diesen Tagen: In der Europa League sind Athletic Bilbao, Atlético Madrid und der FC Valencia ins Viertelfinale vorgestoßen, zum Teil mit spektakulären Leistungen wie Bilbaos Triumph über Manchester United. Drei Vereine im Viertelfinale hat außer Spanien niemand. Die Bundesliga ist immerhin mit zwei Klubs vertreten, Hannover 96 und Schalke 04. Dasselbe Bild bietet die Champions League. Spanien stellt mit dem FC Barcelona und Real Madrid die beiden Topfavoriten, dahinter kommen die großen europäischen Ligen aus Deutschland, Italien und England mit je einem Vertreter.
Mit der finanziellen Seriosität sieht es etwas anders aus, wie die parlamentarische Anfrage einer Abgeordneten der Vereinigten Linken (IU) ans Licht brachte. Der spanische Fußball schiebt eine Steuerschuld von 752 Millionen Euro vor sich her. Allein 215 Millionen davon schuldet Atlético Madrid, der Viertelfinalgegner von Hannover, 48 Millionen der FC Barcelona. Selbst Zweitligaklubs wie Valladolid stehen mit mehr als 30 Millionen in der Kreide.
Was ist hier passiert?
Auch bei der Sozialversicherung soll es Milliardenlöcher geben, die aus Datenschutzgründen nicht beleuchtet werden können. Insgesamt betragen die Steuerschulden aller Vereine der Primera División 490 Millionen Euro, die der zweiten Liga 184 Millionen. Real Madrid teilte am Tag der Nachricht mit, man schulde dem Finanzamt keinen Euro. Die übrigen Verbindlichkeiten von 170 Millionen Euro stünden in einem gesunden Verhältnis zum Umsatz und machten Real zu einem vertrauenswürdigen Kreditnehmer.
Was ist hier passiert? Zur allgemeinen Mentalität eines Lebens auf Pump und mangelhafter Ausgabendisziplin ist noch die Wirtschaftskrise hinzugekommen, in der jeder die eigenen Verluste fieberhaft an den anderen weiterreicht. Mag die Steuerschuld des spanischen Fußballs auch alt sein, in den vergangenen vier Jahren hat sie sich um rund 150 Millionen Euro erhöht. In einem Land, das gerade brutale Kürzungen beim Arbeitslosengeld, im Bildungs- und Gesundheitswesen erlebt, stößt die Permissivität des Finanzamts mit dem Profifußball auf scharfen Protest.
Auch Barcelona ist dramatisch verschuldet
Die Vorgeschichte gibt zu Befürchtungen Anlass. In Europa wird der eine oder andere Klub ja durchaus sanktioniert, wenn die Bücher nicht stimmen. Glasgow Rangers und Portsmouth etwa bekamen je zehn Punkte abgezogen, und in der Schweiz wurde Xamax Neuchâtel im Januar zwangsrelegiert.
Spanien dagegen lässt seine Vereine in Ruhe. Nicht einmal verhängte Sanktionen haben Bestand, wie 1995 der Zwangsabstieg der Klubs FC Sevilla und Celta de Vigo in die dritte Liga zeigte: Nach massiven Protesten der Fans wurde dem Einspruch stattgegeben und die Sanktion widerrufen. Die Primera División spielte ein Jahr lang mit 22 statt mit 20 Vereinen. Die Botschaft lautete: Die schlaue Mischung aus Schlendrian und Sturheit zahlt sich aus.
Als jetzt das Wort vom möglichen Schuldenschnitt die Runde machte, reagierte auch Uli Hoeneß, der das Kreditgebaren spanischer Klubs schon früher als Wettbewerbsverzerrung kritisiert hat. „Das ist für mich ein Hammer, das ist für mich undenkbar“, sagte der Präsident des FC Bayern. Pikant ist, dass sein Verein es im Halbfinale der Champions League mit Real Madrid zu tun bekommen könnte. Und sollte diese Hürde genommen sein, im Finale von München mit dem dramatisch verschuldeten FC Barcelona.
Tröstende Worte, klebrige Vereinbarungen
Die jetzt offengelegte Steuerschuldenkrise gesellt sich zu einem viel größeren Schuldendilemma. Denn spanische Vereine schulden insgesamt mehr als vier Milliarden Euro. Viele klammern sich ans Insolvenzrecht, um hohen Spielergehältern aus dem Weg zu gehen und ihre Gläubiger billig abzuspeisen.
Der spanische Profiligaverband (LFP) fordert außerdem mehr Fernsehgelder und will die gesetzlich verankerte kostenlose Partie am Wochenende kippen. „Der Fußball wird seine Schulden begleichen“, sagte auch der für Sport zuständige Staatssekretär Miguel Cardenal. Aber man fragt sich, wie das gehen soll. Man könnte ferner fragen, warum eine Liga, die über viele Jahre hinweg mit enormen Steuergeschenken für ihre millionenschweren Stars verwöhnt wurde, keine normale Haushaltsführung auf die Reihe bekommt.
Der spanische Profiligaverband wiegelte ab, bei 85 Prozent der Vereine - die Namen der drei Ausnahmen wurden nicht genannt - seien mit den Steuerbehörden „unter den entsprechenden Garantien“ Zahlungsfristen vereinbart und würden auch erfüllt. Dass Fristen und Bedingungen andere sind, als sie für Normalbürger gelten, liegt auf der Hand - und macht die Sache so klebrig.
Zwar hat sich der Ligaverband im vergangenen Jahr eine neue Norm zur besseren Finanzkontrolle verabreicht, die mit der Saison 2014/15 in Kraft treten soll. Sie sieht für Budgetsünder den Zwangsabstieg oder im äußersten Fall den Ausschluss aus dem Wettbewerb vor. Aber bisher sind das alles nur tröstende Worte. Wie viele der hochverschuldeten spanischen Profiklubs die Ziellinie 2014/15 erreichen, ist völlig offen.