„Fußball ist genetisch“, erzählte Diego Forlán vor der Weltmeisterschaft in einem Interview. Das Spiel liegt bei dem blonden Uruguayer in der Familie. Sein Großvater Juan Carlos Corazzo gewann zweimal die Südamerika-Meisterschaft. Pablo, der Vater, spielte bei den Weltmeisterschaften 1966 und 1974. Auch zwei Onkel und der ältere Bruder waren als Profis in mehreren Ländern aktiv. „Wir sind eine Familie von Verteidigern“, sagte Pablo Forlán einst dem talentierten Sohn. „Wenn du Geld willst, werde Stürmer. Tore zahlen sich immer aus.“
Diego Forlán hörte auf den Vater, zum Glück für Uruguay. Bei der WM 2010 ist er bisher einer der geschmeidigsten und effizientesten Angreifer. Er sagt, von allen gebe es nur einen, den er beneide, Lionel Messi. Hinter den anderen muss er sich bei diesem Turnier nicht verstecken. Mit zwei Toren gegen Südafrika führte er Uruguay ins Achtelfinale. Und mit seiner fabelhaften Flanke auf Sturmpartner Luis Suarez zum Siegtor gegen Mexiko öffnete er die Tür zum Gruppensieg und damit zu einem Weg, der sogar bis ins Halbfinale gangbar scheint.
Uruguay war einst eine große Fußballnation
Denn ein Platz unter den letzten vier ist nach dem Verlauf der Vorrunde nicht für einen der großen WM-Favoriten reserviert, sondern für eines der Außenseiter-Teams aus Uruguay und Südkorea, Ghana und den Vereinigten Staaten. Sie bestreiten an diesem Samstag die ersten beiden Achtelfinals, deren Sieger dann um den Platz im Halbfinale spielen (siehe: FAZ.NET-Liveticker).
Das winzige Uruguay war eine große Fußballnation. Es wurde Weltmeister 1930 und 1950. Doch seit dem Halbfinale 1970 erreichte man nichts mehr. Von den letzten 16 WM-Spielen vor der Anreise nach Südafrika hatte Uruguay nur eines gewonnen. Nun hat das Team schon alle Erwartungen übertroffen, zumal es den beschwerlichsten Weg zur WM hatte: 18 Spiele in der südamerikanischen Qualifikation und zwei Play-off-Spiele gegen Costa Rica.
Das Team hat eine grimmige Abwehr, die noch ohne Gegentor im Turnier ist, und zwei echte Torjäger. Sie dürften Südkorea, das schon sechs Gegentreffer kassierte, vor eine große Aufgabe stellen. Der 23-jährige Suarez steht nach 35 Toren in 33 Ligaspielen für Ajax Amsterdam auf dem Zettel europäischer Spitzenklubs. Kopf des Teams aber ist der 31 Jahre alte Forlán, über ihn läuft fast alles.
Stürmer Forlán genießt die Form seines Lebens
Forlán ist ein lernfähiger Fußballer. Er spricht vier Sprachen, begann ein Wirtschaftsstudium, das er irgendwann fortführen möchte, und er schulte seinen linken Fuß mit stundenlangen Schüssen, Volleys, Zielübungen gegen eine Betonwand. So lange, bis in Wucht und Präzision kein Unterschied mehr zwischen beiden Schussbeinen zu erkennen war. Das Resultat: „Letzte Saison traf ich öfter mit links als mit rechts.“ In einem Alter, in dem für viele Stürmer die Zeit langsam abläuft, genießt er die Form seines Lebens. Dabei hatte die Karriere in Europa zäh begonnen. Mit 22 kam er gleich zu Manchester United, es wurde für beide Seiten ein Misserfolg. „Es wäre anders gelaufen, hätte ich im Champions-League-Halbfinale 2002 gegen Leverkusen getroffen“, sagt er - sein Schuss wurde von Diego Placente auf der Linie abgewehrt. Er traf überhaupt so selten, dass United-Fans T-Shirts druckten mit der ironischen Zeile: „Ich war dabei, als Forlán ein Tor schoss!“
Nach zweieinhalb dürren Jahren ging er nach Spanien - und wurde zur Tormaschine. Zweimal, bei Villarreal 2005 und bei Atlético Madrid 2009, gewann er die Torjägerkrone in Spanien und beide Male auch die für Europa. In diesem Jahr schoss er Atlético mit je zwei Toren im Halbfinale gegen Liverpool und im Finale gegen Fulham zum Gewinn der Europa League. Und das ist nicht das Ende. Forlán will seine Tore „wie Pippo Inzaghi auch noch mit 36“ schießen. Das muss genetisch sein.