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Ungarn besiegt England : Der Tag, an dem die Fußballwelt eine Kugel wurde

Der „hängende” Stürmer Hidegkuti, 1997 Bild: MTI

Vor fünfzig Jahren gewann Ungarns Wunderteam 6:3 im Londoner Wembleystadion gegen England. Wenn es einen Wendepunkt der 140jährigen Fußballgeschichte gibt, dann diese neunzig Minuten.

          Ein normaler Werktag, Mittwoch, 14.15 Uhr, 105.000 Zuschauer, volles Stadion. Schüler und Schichtarbeiter haben frei bekommen für eine Partie, die als "Weltmeisterschaftsentscheidungsspiel" verkauft wird. Dabei steht gar kein WM-Pokal auf dem Spiel; nur der Ruf, Bester der Welt zu sein: England, daheim "seit 1066", seit der Schlacht von Hastings, "ungeschlagen gegen kontinentale Konkurrenz" - oder die seit drei Jahren unbesiegten Ungarn?

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Ungarn werden wie alle zuvor ihre Lehrstunde bekommen - so die Erwartung des Publikums mittags um viertel nach zwei. Um vier Uhr nachmittags wird alles anders sein: Die Fußballwelt ist von der Scheibe zur Kugel geworden. Wenn es einen Wendepunkt der 140jährigen Fußballgeschichte gibt, dann diese neunzig Minuten im Londoner Novembernebel: den Sieg von Wembley, der die Dominanz der Spielerfinder beendete, und das Spiel neu erfand. Die Zukunft des Fußballs gewann gegen dessen Vergangenheit mit sechs zu drei - am 25. November 1953, heute vor fünfzig Jahren.

          Den „hängenden“ Mittelstürmer kannten die Engländer nicht

          1925 hatte man die Abseitsregel gelockert, weil das Spiel zu defensiv geworden war. Statt drei Gegenspielern müssen seitdem nur noch zwei (wobei einer fast immer der Torwart ist) zwischen Angreifer und Torlinie stehen. Diese Veränderung schuf jenes dynamische Spiel, das man heute unter Fußball versteht. Zugleich machte es neue taktische Systeme erforderlich. Das lange Zeit erfolgreichste erfand Herbert Chapman, Trainer von Arsenal London: eine 3-2-2-3-Aufstellung, die nach ihrem grafischen Muster "WM-System" genannt wurde. Ein Vierteljahrhundert später spielten die Engländer immer noch nach diesem Schema, das jedem Spieler (und jeder Rückennummer) Position und Rolle zuteilte. Auf dem Kontinent hatte man sich weiterentwickelt, Neues probiert: Positionswechsel, Verschiebungen, stürmende Verteidiger, verteidigende Stürmer. Die Ungarn hatten noch was: den "hängenden" Mittelstürmer. Die Engländer kannten das nicht.

          Um 14.16 Uhr kennen sie ihn. Fünfzig Sekunden und fünf Pässe nach dem Anpfiff trifft Hidegkuti zum 0:1. Er trägt die Nummer neun, spielt aber nicht in der Sturmmitte, sondern kommt, wie es fast zwanzig Jahre später für einen anderen Wembley-Eroberer formuliert werden soll, für Günter Netzer, aus der "Tiefe des Raumes". Gegenspieler Johnston empfindet "völlige Hilflosigkeit". Hidegkuti ins Mittelfeld folgen? Dann wäre ein Loch in der Abwehrreihe. Johnston bleibt hinten, deckt niemanden und wartet. Das Debakel kommt schnell.

          Seit Wembley galten sie als "Wunderteam"

          Die vollkommene spielkulturelle Verwirrung des Fußball-Mutterlandes demonstriert das 1:3, das in England als eines der "Tore des Jahrhunderts" gilt. Kocsis, den die Engländer für den Halbrechten halten, der aber wie ein Mittelstürmer spielt, nimmt den Ball weit hinten auf; schickt Czibor, den Linksaußen, über den rechten Flügel; der spielt zu Puskas, nominell Halblinker, nun aber auf der rechten Strafraumseite; der zieht den Ball mit der Sohle nach hinten, daß Verteidiger Wright ins Leere grätscht, dreht sich in derselben Bewegung um die eigene Achse und jagt den Ball ins Netz. Bis heute nennt es Puskas, neben Rechtsverteidiger Buzansky und Torwart Grosics der letzte Überlebende der Ungarn, das Lieblingstor seiner Karriere.

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