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„Ultras“ Saboteure oder einfach nur Liebende?

13.03.2009 ·  Sie schwören ihrer Eintracht ewige Treue, sorgen auf den Rängen für die Stimmung - und sind zugleich eines der größten Probleme des Frankfurter Bundesligavereins: die „Ultras“ - eine umstrittene Gruppe unter den Fußballfans.

Von Michael Wittershagen, Frankfurt
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Sie wollen nichts mehr erzählen. Nichts über sich und auch nicht über ihre Gruppe. Die „Ultras“ schweigen. Das gehört zu ihrem Selbstverständnis. Es geht nicht um einzelne Personen, es geht um die Idee ihrer Bewegung – und die wird derzeit heftig diskutiert. Drei Wochen sind vergangen, seit einige Mitglieder der Frankfurter Fanbewegung „Ultras“ während des Auswärtsspiels beim Karlsruher SC eine pyrotechnische Leistungsschau veranstalteten und dafür sorgten, dass die Partie in der ersten Fußball-Bundesliga kurz vor dem Abbruch stand und die Eintracht eine Woche später vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu einer Geldstrafe in Höhe von 40.000 Euro verurteilt wurde (siehe: Eintracht: 40 000 Euro Strafe, und die Ultras schweigen).

In verschiedenen Internet-Foren werden die Unverbesserlichen von Karlsruhe noch immer gefeiert, dort präsentieren sie die Bilder ihrer Taten wie Trophäen. Und sie wettern gegen Heribert Bruchhagen, den Vorstandsvorsitzenden von Eintracht Frankfurt, der angekündigt hat, in Zukunft noch härter gegen diese „Saboteure“ vorzugehen. Saboteure! Größer könnte die Beleidigung für die „Ultras“ kaum sein, verstehen sie sich selbst doch als die wahren Fans. Als jene, die ihrem Verein uneingeschränkte Liebe und bedingungslose Hingabe entgegenbringen. Bruchhagen aber sagt: „Wir lassen uns nicht mehr länger von solchen Leuten tyrannisieren.“ (siehe: „Wir lassen uns nicht tyrannisieren“)

Privilegien für die „Ultras“

Die Fronten zwischen dem Verein und einigen Teilen der „Ultras“ sind verhärtet, aber das war nicht immer so. 1997 haben sich die „Ultras“ Frankfurt gegründet, sie waren die erste ernstzunehmende Gruppe dieser Art in Deutschland. Die Mitglieder sind schwarz gekleidet, es gibt strenge Hierarchien. Wer es in den festen Kern schaffen möchte, muss klare Regeln befolgen und sich Stück für Stück nach oben arbeiten. So wie Martin Stein, ein charismatischer Typ, dem es mehr um die Stadionatmosphäre als um den gesellschaftspolitischen Anspruch geht.

Bei Spielen der Eintracht sitzt er mit dem Megafon in der Hand auf dem Zaun, den Rücken zum Spielfeld, das Gesicht zu den Fans im Block. Er ist der sogenannte Capo, der Vorsänger, der Dirigent der Masse. Von der Anarchie, die einst charakteristisch auf den Rängen war, fehlt inzwischen jede Spur. Rund 600 Mitglieder haben die „Ultras“ Frankfurt derzeit, bundesweit sind sie eine der größten Gruppen. Aber sie sind kein gesellschaftlicher Querschnitt, die Mitglieder sind männlich, jung, nicht selten gebildet.

Und die Eintracht hat in den vergangenen Jahren von ihnen durchaus profitiert: Die lauten Gesänge, die sich allerdings mitunter vom Spielgeschehen abkoppeln und in ihrer Monotonie nervtötend sein können, und die spektakulären Choreographien, die allerdings eine Auffrischung vertragen könnten – beides verschaffte dem Verein Aufmerksamkeit und bietet auch für die gut zahlenden Gäste in den Logen beeindruckende Erlebnisse. Deshalb genießen die „Ultras“ bei der Eintracht in bestimmten Dingen sogar Privilegien: Der Verein stellt ihnen in der Arena einen Raum zur Verfügung, wo sie Plakate fertigen und lagern dürfen, lässt sie vor Heimspielen eher auf die Tribünen als alle anderen, damit sie ihre Banner an den Zäunen befestigen können.

Mit Sturmhauben, Messer und Reizgas ins Stadion

Und er genehmigt Martin Stein seine Megafonanlage, mit der er die gesamte Westtribüne beschallen kann. Selbst Klaus Lötzbeier, Vizepräsident der Eintracht, sagt: „Ich freue mich, wenn ich die Leute auf dem Zaun sehe.“ Dabei war Anfang Februar während des Spiels gegen den 1. FC Köln noch ein Mitglied aus der Ultra-Gruppierung „Binding-Szene“ von einem Zaun gestürzt und und hatte sich dabei schwer verletzt.

Und trotzdem: Die „Ultras“ sind längst Teil des Unterhaltungsprogramms namens Bundesliga. Dabei lehnen sie sich gerade dagegen auf: Die Masse im Block verbindet seit ihren Anfängen der gemeinsame Kampf gegen den modernen Medien- und Kommerzfußball. Seit Stadien zu Arenen geworden sind und Vereine zu Aktiengesellschaften, fühlen sich die „Ultras“ selbst nur noch als Statisten einer Inszenierung. Ihre Bewegung hat ihren Ursprung in Italien und steht in engem Zusammenhang mit der politischen Protestbewegung der späten sechziger Jahre gegen Staat und Kommerz. Aber längst haben sich die Anhänger in Mailand, Turin oder Rom vom linksextremistischen Spektrum entfernt, heute suchen dort selbst rechtsextreme Parteien in den Stadien nach neuen Mitgliedern. Die „Ultras“ in Deutschland sind eine importierte Subkultur, und Politik spielt hierzulande in den Fankurven eine eher untergeordnete Rolle. Es gibt zwar Ausnahmen, die linke „Ultra“-Gruppe des FC St. Pauli etwa oder die rechts orientierten Fans von Lokomotive Leipzig.

Aber „Ultras“ sind in den vergangenen Jahren bundesweit in den Fokus gerückt – mit allen negativen Folgen, auch für die Anhänger selbst. Ende November des vergangenen Jahres haben dies auch die Frankfurter erfahren. Vor dem Auswärtsspiel bei Werder Bremen wurden etwa 200 Leute vorläufig in Gewahrsam genommen, weil sie den Verkehr in der Innenstadt behindert haben sollen und so „weitere Ausschreitungen“ verhindert werden sollten, wie die Polizei mitteilte. Zudem seien später vor dem Stadion Sturmhauben, Messer, Reizgas sowie Pyrotechnik sichergestellt worden, hieß es von den Ordnungshütern.

Frankfurter Fangemeinde diskutiert über die „Pyro-Aktion“

Die „Ultras“ beurteilen die Vorkommnisse vollkommen anders, schreiben auf ihrer Homepage davon, dass sie „aufgehalten und eingekesselt“ worden seien und die Beamten später „außerordentlich brutal“ gegen die Eintracht-Fans vorgegangen seien. Sie beklagen die zunehmende Repression, und tatsächlich ist es unbestritten, dass die Sicherheitsvorkehrungen enorm verstärkt worden sind. Nicht nur von Seiten der Polizei, auch die Eintracht vergibt seit den Krawallen von Karlsruhe die Karten für Auswärtsspiele nur noch an namentlich bekannte Personen, zudem sind Banner, Zaunfahnen und Megafone in der Fremde künftig verboten.

Die „Ultras“ haben auf ihre Art reagiert: Beim Heimspiel gegen Schalke 04 vor zwei Wochen standen sie zwar in der Kurve, straften ihre Mannschaft jedoch mit Liebesentzug – und schwiegen. Vor einer Woche, die Eintracht spielte in Bielefeld, verzichteten viele sogar gänzlich auf die Unterstützung im Stadion, stattdessen standen die „Ultras“ am Bornheimer Hang, schwenkten dort ihre Fahnen und jubelten der Amateurmannschaft der Eintracht zu. Vereinspräsident Peter Fischer hat das reichlich irritiert: „Diese Unterstützung hätten wir auch in Bielefeld gut gebraucht.“

Die Unterstützung ist die eine Sache, der Preis dafür eine andere. 190.000 Euro hat die Eintracht seit 2002 an Geldstrafen wegen des Fehlverhaltens auf den Rängen zahlen müssen, und Bruchhagen sagt deshalb: „Wir führen die Liste der Verfehlungen bundesweit an.“ Am Samstag empfängt die Eintracht in der Arena am Stadtwald Aufsteiger und Herbstmeister 1899 Hoffenheim. Dessen Mäzen Dietmar Hopp war in dieser Spielzeit auch in anderen Arenen schon oft Zielscheibe verbaler Angriffe.

Inzwischen aber ist auch in der Frankfurter Fangemeinde eine rege Diskussion über die Art der Unterstützung entbrannt. Die „Ultras“ haben ihr Verhalten noch einmal gerechtfertigt, auf ihrer Internetseite schreiben sie: „Die Pyro-Aktion in Karlsruhe zu Beginn der 2. Halbzeit ist aus unserer Sicht, mit Ausnahme der zwei Leuchtraketen, die gegen Ende der Aktion aufs Spielfeld flogen, absolut in Ordnung.“ Andere distanzieren sich mehr und mehr von diesem Verhalten, weil eine Grenze erreicht scheint und die, die den Verein angeblich so lieben, ihm tatsächlich schaden. Bruchhagen hofft nun gar auf eine „Selbstreinigung“ in der Kurve. Aber bei den „Ultras“ herrschen strenge Regeln: Niemand verpfeift den anderen, alle schweigen.

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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