07.06.2011 · Ein Jahr vor der Europameisterschaft wird das Länderspiel zwischen der Ukraine und Frankreich in jeder Hinsicht zu einer Enttäuschung für den Gastgeber: Die Zuschauer bleiben aus, dem Team fehlt die spielerische Qualität.
Von Peter Hess, DonezkDie Voraussetzungen waren ideal: Ein lauer Frühsommerabend, ein prominenter, aber bezwingbarer Gegner, ein Stadion der Superlative und moderate Eintrittspreise. Was am Montag als glanzvoller Startpunkt der Einstimmung auf den ukrainischen Teil der Fußball-Europameisterschaft 2012 gedacht war, entwickelte sich allerdings zum schrillen Warnsignal. Vor allem für die ukrainischen Ambitionen, aber auch für die Europäische Fußball-Union (Uefa), die das Turnier gemeinschaftlich an die Außenseiter im Bewerbungsrennen, Polen und die Ukraine, vergeben hat und sich viel Mühe gibt, es zu einem organisatorischen Erfolg zu machen.
Genau ein Jahr vor dem Eröffnungsspiel der Euro 2012 lockte das Match Ukraine gegen Frankreich gerade mal 8000 Zuschauer in die Donbass Arena von Donezk, wo das Vereinsteam von Schachtar in der Champions League vor 50.000 Zuschauern gegen den FC Barcelona sein Glück versuchte und in den Liga-Heimspielen der vergangenen Saison im Schnitt 20.000 Besucher anlockte. Dabei mussten die Ukrainer am Montag nur ihre gewohnten Eintrittspreise von umgerechnet vier bis zwanzig Euro bezahlen, um das skurrile Spiel mitzuerleben, das die Franzosen dank dreier Tore in den letzten fünf Spielminuten 4:1 gewannen. Für die Begegnungen der EM werden die billigsten Karten mehr als dreißig Euro kosten.
„One year to go – Noch ein Jahr bis ...“. Die Europäische Fußball-Union versucht, seit einigen Tagen in den Ausrichterländern das Turnier mit einer Werbekampagne ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Das Emblem der „Euro“, so der Kurztitel des Turniers, ist in den acht Spielorten von 2012 schon auf vielen Werbeplakaten, auf Fahnen und Bussen zu sehen. Als jedoch kurz vor Spielbeginn in Donezk zwei in den Kostümen der Maskottchen Slavek und Slavko verkleidete Animateure das Spielfeld betraten, vermochten sie keinerlei Reaktion beim geneigten Publikum auszulösen. Alle gut gemeinten Verrenkungen, die Fans zu rhythmischem Klatschen oder irgendeiner anderen koordinierten Gefühlsäußerung zu bewegen, endeten im Nichts.
Die Einwechslungen der Stars bringen Frankreichs Sieg
Immerhin bewirkte die Idee, von den einheimischen Nationalspielern zwanzig wertvolle Lederbälle als Geschenk auf die Tribünen schießen zu lassen, Wohlwollen. Dabei gab ein Fehlschuss des ehemaligen Bundesligaprofis Andrej Woronin schon die Richtung vor, in der die Partie für die Osteuropäer laufen sollte. Der Stürmer, der zur Zeit mit dem früheren Schalker Kevin Kuranyi bei Dinamo Moskau sein Geld verdient, beförderte den Ball nur bis in die zweite Sitzreihe. Da hielt sich aber kein Zuschauer auf, sodass der Ball von einer Sitzlehne wieder zurück aufs Spielfeld sprang.
Es dauerte bis zur 41. Spielminute, ehe der nächste Schuss die Gemüter erregte. Gusew verfehlte aus 25 Metern knapp das französische Tor. Was die beiden Mannschaften bis dahin abgeliefert hatten, wirkte auf die Besucher wie ein starkes, rezeptpflichtiges Beruhigungsmittel. Keines der beiden Teams schaffte es, das gegnerische Tor auf irgendeine Weise zu bedrängen. Dazu fehlte es den Franzosen an Esprit, spielerischer Feinabstimmung und Durchsetzungswillen, den Ukrainern an Klasse und Athletik. Die zweite Wahl des französisches Nationaltrainers Laurent Blanc zeichnete sich durch zwei Tugenden aus: Jugend und körperliche Stärke.
Nach dem mühevollen wie glanzlosen 1:1 in der EM-Qualifikation gegen Weißrussland in Minsk am vergangenen Freitag hatte Blanc zunächst auf alle erfahrenen Profis (außer Evra und den „ewigen“ Ergänzungsspieler Reveillere) verzichtet. Aber der Nachwuchs spielte genauso schlecht wie das Establishment. Als Bayern-Profi Anatoli Timoschtschuk in der 53. Minute den französischen Torwart Mandanda mit einem Flatterball überraschte, schien sich sogar eine Blamage abzuzeichnen. Aber dann ereignete sich eine überraschende Wende in drei Schritten. Zunächst glich Nachwuchs-Mittelstürmer Kevin Gameiro nach Doppelpass mit einem Ukrainer aus, dann brachte Blanc in zwei Dreierschritten mehr Qualität ins Spiel. Die Einwechslungen der Stars Ribéry, Benzema und Malouda verschob die Spielanteile schon zugunsten der Franzosen. Mit Abidal, Diaby und Martin gelang ein dramatischer Schlusspunkt. Marvin Martin avancierte in seinem ersten Länderspiel zum neuen Liebling Frankreichs.
„So etwas habe ich auch noch nicht erlebt“
Der in wenigen Tagen 23 Jahre alte offensive Mittelfeldspieler erwarb sich in der abgelaufenen Saison einen glänzenden Ruf als Vorbereiter. Mit 16 Pässen, die zu Toren führten, gewann der Spielmacher des Mittelklasseklubs FC Sochaux diese Wertung. In Donezk verblüffte er als Vollstrecker. Ein Weitschuss und ein Heber unter die Latte – dazwischen traf Kaboul per Kopfball – machten ihn zum erfolgreichsten Debütanten seit Zinedine Zidane. Auch dem ehemaligen Weltfußballer waren zur Premiere zwei Treffer gelungen. Trainer Laurent Blanc erinnerte an diesen Umstand, er war damals dabei. „Ein Spiel reicht nicht, um ihn mit Zizou zu vergleichen. Aber es wäre schön, wenn ihm eine ähnliche Karriere gelänge.“
Die Franzosen machte der unverhoffte Schluss glücklich, den Ukrainern verdarb er die Gelegenheit, sich in die Tasche zu lügen. „Drei Gegentore in den letzten fünf Minuten – so etwas habe ich auch noch nicht erlebt“, sagte der erfahrene Timoschtschuk nach dem Spiel. „Das 1:1 wäre ehrenvoll gewesen“. Aber der Bayernprofi gab zu, dass das Ergebnis über die Schwächen seines Teams hinweg getäuscht hätte: „Uns fehlt sofort Qualität, wenn wir ein paar Spieler auswechseln. Das Team ist schwächer als bei der WM 2006“, sagte Timoschtschuk. Damals zog die Ukraine ins Viertelfinale ein. Diesmal ist als Ziel ausgegeben, die Gruppenphase zu überstehen. Timoschtschuk gibt sich entschlossen, aber nicht überzeugt: „Irgendwie wollen wir das schaffen.“ Dann werden vielleicht auch ukrainische Fans dabei sein.