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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Uefa-Pokal-Kommentar Spiel ohne Grenzen

20.05.2009 ·  Der deutsche Vereinsfußball ist international endlich wieder titelreif. Eine gute Nachricht nach sieben dürren Jahren ohne Bundesliga-Beteiligung an einem Europapokal-Finale. Hieraus sogleich einen Aufschwung im deutschen Fußball abzuleiten verbietet sich jedoch.

Von Roland Zorn
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Der deutsche Vereinsfußball ist international endlich wieder titelreif. Eine gute Nachricht nach sieben dürren Jahren ohne Bundesliga-Beteiligung an einem Europapokal-Finale. An diesem Mittwoch in Istanbul aber bekommt Werder Bremen im Uefa-Pokalendspiel gegen Schachtjar Donezk die große Chance, an bessere Zeiten zu erinnern. Noch in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und auch in den Jahrzehnten davor waren deutsche Triumphe auf der großen Bühne des Fußballs gang und gäbe (siehe: Deutsche Uefa-Pokal-Endspiele: Es schlägt dreizehn). Das ist lange her, zumal selbst Deutschlands erfolgreichster Klub, der FC Bayern München, den Spitzenmannschaften in der Champions League nur noch hinterherläuft.

Dass es bei der Begegnung zwischen Bremen und Donezk um das Finale der europäischen 1b-Konkurrenz geht, verdeutlichen schon die Namen der Finalisten. Prickelnder Champagnerfußball wird erst eine Woche später im römischen Champions-League-Finale zwischen dem FC Barcelona und Titelverteidiger Manchester United erwartet. Diese beiden Mannschaften gelten als die gegenwärtig besten der Welt; Werder und Schachtjar dagegen sind im vergangenen Herbst aus der Champions League ab- und in den Uefa-Pokal umgestiegen (siehe: Bremer Europapokal-Saison: Achterbahnfahrt mit bitterer Endstation). Mögen die Umstände des Istanbuler Finales auch bei weitem nicht so glamourös anmuten wie das Gigantentreffen eine Woche später, so bringt Werder Bremen doch zumindest neues Licht in die aus deutscher Sicht nun schon viele Jahre finstere europäische Endspielbilanz.

Kommen und Gehen als Nomalität des Geschäfts

Hieraus sogleich einen Aufschwung im deutschen Fußball abzuleiten verbietet sich jedoch. Schließlich treffen sich im Sükrü-Saracoglu-Stadion nicht elf deutsche und elf ukrainische Profis, sondern zwei international geprägte Vereinsteams, deren Stars südamerikanischer Herkunft sind. Werder muss auf seinen gesperrten brasilianischen Spielmacher Diego verzichten, kann aber dessen Landsmann Naldo in der Abwehr ebenso einsetzen wie den Peruaner Pizarro im Angriff (siehe: Uefa-Pokal-Finale: Neunzig Minuten für fünfzehn Kilogramm); Donezk stützt seine Hoffnungen auf die Künste von fünf Brasilianern. Die Weltenbummler am Ball genießen ihr privilegiertes Leben auch im ostukrainischen Kohlerevier - dank großzügiger finanzieller Unterstützung seitens des steinreichen Klubeigners Rinat Achmetow (siehe: Schachtjar Donezk: Die neue Definition von Exzellenz im Fußball).

Die Globalisierung des Fußballs hat somit längst auch jene Regionen erreicht, wo vor zwanzig Jahren der kommunistischen Internationale das Abschiedslied gesungen worden war. Überall in der Welt haben die Fußballanhänger diesen Prozess akzeptiert; für das nationale Fußballwohl sind längst nur noch die Nationalmannschaften zuständig. Die besten Vereine dagegen sind stolz auf ihre mehrheitlich ausländischen Protagonisten. Der Portugiese Cristiano Ronaldo verzückt die Fans von Manchester United, der Argentinier Lionel Messi verzaubert die Massen beim FC Barcelona, der Spanier Fernando Torres gehört zum Inventar des FC Liverpool, und der Franzose Franck Ribéry wird bei den Bayern gefeiert. Das Kommen und Gehen dieser Übergrößen des Fußballs gehört zur Normalität des Geschäfts.

Vereinstreu bleibt nur das Publikum

Wenn demnächst Diego Bremen oder Ribéry Bayern oder Ronaldo Manchester verließe, worüber längst spekuliert wird, wäre das jeweils ein großer sportlicher Verlust - und doch ein Stück Alltag in einer volatilen und durch und durch kommerziell bestimmten Gesellschaft. Vereine und Spieler handeln nach ihren wirtschaftlichen Interessen, vereinstreu bleibt nur das Publikum, dessen Mehrheit mittlerweile auch nicht mehr romantischen Vorstellungen nachhängt. Das Gemeinschaftserlebnis Fußball gehört zu den sinnstiftenden Ganzjahresangeboten, mögen auch dessen unsentimentale Hauptdarsteller Teil eines kosmischen Wanderzirkus sein.

„Im Profifußball geht es nur noch ums Geld, alles andere ist dummes Zeug.“ Diese ebenso wahre wie ernüchternde Feststellung traf vor kurzem Felix Magath, noch Trainer des deutschen Meisterkandidaten VfL Wolfsburg, bald erster Übungsleiter des FC Schalke 04. Dieser Fußball-Lehrer hat das permanente Wechselspiel in seiner Branche so verinnerlicht, dass er sich nicht einmal mehr um emotionale Verbrämungen seiner kühlen Grunderkenntnis bemüht.

Diego hat Werder Erfolg gebracht - neue Ziele werden ihm nicht verübelt

Die Show zwischen Soll und Haben läuft dennoch glänzend, weil sich fast alle Beteiligten, und sei es wider besseres Wissen, gern der Illusion hingeben, gemeinsam und möglichst dauerhaft einem Familienunternehmen zu dienen. Oft genug hat sich Diego in seinen drei Bremer Jahren demonstrativ zur Werder-Raute bekannt und dabei neue Ziele nie aus den Augen verloren. Die Zuschauer haben dem südamerikanischen Zeitarbeiter die von ihm perfekt gespielte Doppelrolle nie verübelt, weil der Ballzauberer Werder Erfolg gebracht und nun sogar in ein europäisches Endspiel geführt hat.

In Istanbul proben die Bremer auf höchster Ebene schon den Ernstfall für die Zeit nach Diego. Dessen Name schmückt, wie diejenigen früherer Bremer Größen, längst die Historie dieses noch immer ziemlich familiär anmutenden Klubs. Wer der Nachfolger des vermeintlich Unersetzbaren wird, steht noch nicht fest. Werder wird schon jemanden finden so wie auch die Bayern, falls Ribéry nicht zu halten ist. Schließlich darf in diesem Spiel ohne Grenzen in der ganzen Welt gesucht werden.

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