Nachfolger von Diego Armando Maradona - dieses gefährliche Etikett ist in den vergangenen Jahren eine Reihe von argentinischen Talenten nicht losgeworden. Was nämlich wie ein großes Versprechen klang, entpuppte sich immer als ein schnell geplatzter großer Luftballon. In Wirklichkeit hat es nicht einen wirklichen Erben des zickigen Superstars aus Buenos Aires gegeben, so wie auch Franz Beckenbauer als Libero einsame Klasse blieb und von keinem seiner Epigonen auch nur annäherungsweise erreicht wurde.
Javier Saviola schien in seinen ganz jungen Jahren mit einem Talent gesegnet, das Ruhm und Reichtum verhieß. Reich ist der inzwischen 24 Jahre alte Stürmer mit seiner filigranen Kunst und seiner Klasse am Ball geworden, doch dem weltweiten Ruhm jagt er noch immer hinterher. Immerhin: An diesem Mittwochabend steht Saviola, wie Maradona aus Buenos Aires kommend, erstmals in einem europäischen Fußballendspiel. Es ist aber "nur" das kleine Uefa-Cup-Finale gegen den englischen Provinzklub FC Middlesbrough, in dem Saviola glänzen kann - für den FC Sevilla.
Von Barcelona in die Fußball-Provinz verliehen
Eine Woche nach der Begegnung im Eindhovener Philips-Stadion wird Saviola vielleicht neidvoll ins Pariser Stade de France schauen. Dort trifft der FC Arsenal im Finale der Champions League auf Europas Übermannschaft, den FC Barcelona. Der Weltklub aus Katalonien hat auch Saviola bis 2007 unter Vertrag, benötigt dessen Dienste aber wohl nicht mehr. Deshalb hat Barca den gerade 1,68 Meter langen, wieseligen und wuseligen Angreifer 2004 an AS Monaco (7 Tore in 30 Spielen) und in dieser Spielzeit an Sevilla ausgeliehen.
Dort sind sie mit dem früher torgefährlicheren Leichtgewicht - Saviola wiegt gerade 60 Kilogramm - so zufrieden, daß ihn der andalusische Tabellenfünfte der Primera Division zur neuen Saison voraussichtlich "kauft". Käme das Geschäft des spanischen Meisters von 1946 mit dem spanischen Meister von heute, wo inzwischen Saviolas 18 Jahre alter Landsmann Lionel Messi als Wunderknabe gilt, zustande, es wäre auch der Abschied des Javier Saviola vom Traum der Weltkarriere. Mag der neben dem wuchtigen Mali-Franzosen Frederic Kanoute stürmende Saviola für Sevilla unersetzlich sein, so gehört dieser Klub selbst bei einem Uefa-Pokal-Gewinn längst nicht zu den ersten Adressen des internationalen Fußballs.
Das „trickreiche Kaninchen“
2001, als Saviola, der so schnell und trickreich wie kaum ein anderer Haken zu schlagen wußte und deshalb "El conejo", das "Kaninchen", genannt wurde, erstmals jenseits von Argentinien Schlagzeilen machte, eroberte er die U-20- Weltmeisterschaft im eigenen Land mit dem bis heute gültigen Torrekord von elf Treffern. Zum Vergleich: In der laufenden Saison brachte es der argentinische Nationalspieler in 28 Einsätzen auf gerade sieben Tore für seinen Verein. Seinerzeit schnappte sich der FC Barcelona das herausragende Talent und investierte in seine Hoffnung, damit einen bald ausgereiften neuen Weltstar geholt zu haben, 33 Millionen Euro. Ein Riesenbatzen Geld für einen Jüngling, der von River Plate Buenos Aires nach Spanien gekommen, Schwierigkeiten hatte, sich im knochenharten europäischen Verdrängungswettbewerb zu behaupten.
17 Tore reichten in seiner ersten Spielzeit für den ewigen Rivalen von Real Madrid nicht aus, den damaligen argentinischen Verbandstrainer Marcelo Bielsa vollends zu überzeugen - er verzichtete auf das Talent bei der Weltmeisterschaft 2002 in Korea und Japan. Nachfolger Jose Pekerman, der Saviola als Jugendtrainer des Verbandes stets gefördert hatte, wird Saviola voraussichtlich zur WM dieses Jahres in Deutschland einladen. Doch erste Wahl dürfte der dunkelhaarige, trickreiche Offensivmann, der mit der argentinischen Mannschaft 2004 in Athen Olympiasieger wurde, auch bei Pekerman nicht sein. Andere Spieler sind Saviola in dem mit einer Fülle von Talenten gesegneten Argentinien inzwischen voraus.
Wanderschaft mit der Suche nach dem Ich
Als Frank Rijkaard, unter dem Barca den Satz zur gefühlten Nummer eins unter den Klubmannschaften schaffte, 2003 nach Katalonien kam, ging dort die Lehrzeit für Saviola zu Ende. Dem Niederländer mißfiel des Stürmers Hang zu verstecktem Handspiel und simulierten Fouls, und überhaupt hielt der frühere Weltklassespieler die Qualität von Saviola nicht für so hoch, als daß sie seinen Ansprüchen genügt hätte. Es begann die Wanderschaft des verunsicherten Argentiniers auf der Suche nach dem Ich - zuerst in Monte Carlo, danach in Sevilla.
Beim Uefa-Pokalfinalisten, der im Halbfinale die letzten Saisonhoffnungen des FC Schalke 04 zerstört hat, ist Saviola wieder aufgeblüht, wenn auch nicht zu üppiger Pracht. Der Mann, der als Neunzehnjähriger der nach Maradona zweitjüngste argentinische Ligaschützenkönig war, könnte mit dem FC Sevilla an diesem Mittwoch erstmals seit langem wieder ein großes persönliches Ziel erreichen - und sei es im kleinen europäischen Vereinsfinale.