Home
http://www.faz.net/-gtm-oi8j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

TSV München 1860 Das endlose Volksstück aus Giesing

13.03.2004 ·  Politiker, ein Ölsucher und ein Party-Löwe zwischen Glanz und Elend: Der TSV München 1860 und seine Präsidenten

Von Rainer Seele
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Richard Müller war Laienprediger, und er war Präsident des TSV München 1860. An einem Julitag im Jahr 1984 stand er vor der Delegiertenversammlung des Vereins und rief: "Auch ich habe Schwächen, und ich habe Fehler gemacht. Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir und Ihnen hoffentlich auch." Das waren einige seiner letzten Worte als erster Mann der "Löwen". Wenig später wurde Karl Heckl, ein Bauunternehmer und Lebemann, zu seinem Nachfolger gewählt.

Der brave Müller mußte sich an diesem Abend regelrecht überfahren fühlen, und tatsächlich behauptete Heckl, daß seine Kandidatur ein spontaner Entschluß gewesen sei. "Ich wurde als berufsmäßiger Holiday-Maker hingestellt, als Party-Löwe, als einer, der mit Millionen winkt. Diesen Eindruck möchte ich widerlegen." Dafür schien ihm das höchste Amt beim TSV 1860 gerade recht.

Danach strebten bei den "Sechzigern", die zwischen Glanz und Elend schwankten wie kaum ein anderer deutscher Fußballklub und reich an Skurrilitäten sind, im Laufe der Jahre Personen unterschiedlichster Couleur, was wesentlich zur wechselvollen Geschichte, zum Auf und Ab der "Blauen" beitrug. Immer wieder wurde mit einem Neubeginn auf Funktionärsebene die Hoffnung auf Konsolidierung verknüpft, doch häufig mündete dies in Enttäuschung - weil nicht wenige Konzepte auf schnellen Erfolg ausgerichtet und zuweilen von Großmannssucht bestimmt waren.

Ein „Löwe“ braucht Nehmerqualitäten

Die "Löwen" aus Giesing versuchten es im harten Ringen um die eigene Note in der Nachbarschaft des FC Bayern mit Politikern und mit Volkstribunen, sie verbrauchten Präsidenten reihenweise. Da kann Karl-Heinz Wildmoser senior schon als eine große Ausnahme gelten, er führt den TSV 1860 immerhin bereits seit 1992 - wenn nun der Aufsichtsrat der "Löwen" tagt und über die Konsequenzen der "Schmiergeld-Affäre" berät, könnte nun allerdings Schluß für ihn sein.

Daß der ehemalige bayrische Kultusminister Hans Zehetmair zwar erklärte, Wildmoser möglicherweise beerben zu wollen, andererseits aber einschränkend kundtat, er könne auch damit leben, sollte "der Kelch" an ihm vorübergehen, paßt zum Wesen der "Löwen". Oft verband jene, die sich an ihre Spitze gesetzt hatten, eine Haßliebe mit dem TSV 1860, einem bajuwarischen Gebilde zwischen Tradition und Turbulenzen.

Einer, der es ebenfalls länger in vorderster Reihe aushielt, war Adalbert Wetzel. Seine Ägide dauerte von 1952 bis 1969. Wetzel, ein Abenteurer in seiner Jugend, verdingte sich einst als Ölsucher, er durchquerte zu Fuß den Urwald und wurde von der Machete eines Indios übel zugerichtet. Auch die "Löwen" verlangten von ihm Nehmerfähigkeiten. Schon Wetzel nämlich, der den Wiener Max Merkel als Trainer geholt hatte, wurde mit finanzieller Not konfrontiert, womit die "Löwen" damals auf ganz spezielle Art umgingen. "Es ist am besten", hieß es salopp, "wir machen noch 25000 Mark Schulden. Dann haben wir eine Million beieinander, das merkt sich leichter." Wetzel rettete die "Sechziger", er mußte dazu sein Haus in Harlaching belasten und seine Wertpapiere verkaufen.

„Vielleicht auch der Papst“

Deutlich schlechter erging es den "Löwen" unter Erich Riedl, der zwar Haushaltsexperte der CSU war, aber mit dem Wirtschaften im Fußball kein Fortune hatte. Als Riedl, von Herbert Wehner einst im Bundestag verhöhnt ("Sie Absteiger, Sie"), ging, hatte der TSV 1860 Verbindlichkeiten in Höhe von acht Millionen Mark. 1982 verweigerte der Deutsche Fußball-Bund den Münchnern die Lizenz - sie wurden in die Bayernliga strafversetzt.

Der Glaubenskämpfer Müller blieb danach eher farblos, Heckl steckte angeblich Millionen in das drittklassige Unternehmen TSV 1860. Das tat den "Löwen" gut, Heckl jedoch empfand seinen Posten als schwere Bürde. "Das schlimmste ist der Verlust der Privatsphäre", klagte der Mann, der auf dem Münchner Boulevard nicht zuletzt durch die Liaison mit einer gewissen Beatrice von Anhalt Schlagzeilen machte. Der Bau-Meister sah seine Lebensqualität wesentlich beeinträchtigt, weil auch die "Arbeiterfußballer" nicht so spurten, wie er sich das vorstellte. Nach einem sportlich unerfreulichen Moment, einem 2:2 gegen die Spielvereinigung Plattling, wetterte er: "Wo sind denn meine freudvollen Tage? Ich habe nichts als Ärger im Quadrat." 1988 erlag Heckl seinem zweiten Herzinfarkt.

Zu den Verrücktheiten bei den "Löwen" gehört, daß nach der Ära Heckl Berichte kursierten, sogar Hans-Hermann Weyer, der "schöne Konsul", habe den Münchnern seine Unterstützung angeboten - angeblich als "großer Anhänger" des TSV 1860. Dessen damaliger Manager Frank Fleschenberg kommentierte das so: "Vielleicht bewirbt sich jetzt auch noch der Papst." Es gab statt dessen eine First Lady, Lilo Knecht. Der rechte Aufschwung wollte sich mit der früheren Turnwartin aber nicht einstellen; 1991 qualifizierten sich die "Löwen" zwar für die zweite Liga, die sie jedoch gleich wieder verlassen mußten. Nun geht es, in einer dunklen Stunde in der "Löwen"-Historie, wieder um Erneuerung, personell und strukturell, um Identität. Als würde das Volksstück aus Giesing nie enden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14. 03. 2004, Nr. 11 / Seite 17
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik