Am Nikolaustag haben sich der Chefredakteur von „L'Équipe“ und der Fußballexperte des Blattes in die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes aufgemacht. Die Franzosen waren zum Interview mit Joachim Löw verabredet. Geschenke hatten sie auch dabei. Eine Trophäe aus Acrylglas, auf der die Silhouette eines jubelnden Trainers abgebildet ist. Und eine Rolex, beides mit derselben Gravur versehen: „Manager sportif de lannée“. Es war das erste Mal, dass ein Deutscher in Frankreich zum Trainer des Jahres gewählt wurde, und auch das Lob, das Löw jenseits des Rheins erhielt, hatte vorher noch kein deutscher Trainer zu hören bekommen. „Seine Mannschaft hat den unterhaltsamsten Fußball der Welt gespielt. Löws Mannschaft hat die WM vor spielerischer Langweile gerettet“, sagt Erik Bielderman, der Fußballfachmann der „L'Équipe“. „Die deutsche Mannschaft ist mit ihren jungen Spielern auch in Frankreich unglaublich populär. Das ist eine Revolution.“ Der Mann, dem diese Fußball-Revolution zugeschrieben wird, zieht es in diesen Tagen vor, sich von Feierlichkeiten fernzuhalten. Bei keinem der Jahresrückblicke, zu denen er eingeladen war, hat sich Löw blicken lassen. Nur bei der Wahl zum Sportler und der Mannschaft des Jahres an diesem Sonntag in Baden-Baden wird er anwesend sein. Ein Trainer des Jahres wird nicht gewählt. Aber welche andere als seine Mannschaft kann in diesem Jahr den Preis gewinnen? Deswegen kommt Löw bestimmt.
Der Tag, an dem ihn die Franzosen auszeichnen, ist ein langer Arbeitstag für Löw. Sechs Stunden gibt er Interviews, für fünf Fernsehsender und diverse Zeitungen. Er spricht dabei kaum von sich, meist vom Team, vom Wir. Am Abend macht Löw sich dann selbst ein Geschenk. Der letzte Besucher in der DFB-Zentrale ist ein Fotograf der Nachrichtenagentur Reuters, der eine Ausstellung für einen guten Zweck veranstaltet hat mit seinen Bildern aus dem Irak, aus Afghanistan, aber auch von der WM in Südafrika.
„Wir erkannten, dass wir unsere Fußball-Kultur verbessern mussten“
Löw hat ein Bild von sich ersteigert, für fünfhundert Euro, das Foto auf dieser Seite. Es zeigt ihn bei seinem Jubel nach dem Tor zum 3:0 im Viertelfinale gegen Argentinien. Es ist der Augenblick, in dem ihn seine Arbeit abheben lässt. Dieser Moment ist für Löw der Höhepunkt des Jahres, man kann auch sagen: seiner Karriere. „Wichtig sind mir die Bilder und Erlebnisse, die ich im Kopf abgespeichert habe. In Südafrika war es das dritte Tor gegen Argentinien von Arne Friedrich“, sagt er. Der Höhepunkt hat jetzt auch einen Rahmen.
Eine Revolution wälzt Dinge um, plötzlich, überraschend. Unter Löw hat sich der deutsche Fußball grundlegend verändert, das ja. Überraschend, das auch, aber nicht plötzlich. Es ist eine merkwürdige Revolution, die Löw dem deutschen Fußball geschenkt hat, in seinem sechsten Jahr. Löw würde schon deswegen nicht von Revolution sprechen, eher von Evolution. Von einer Evolution im Schnelldurchgang, das vielleicht. „Wir erkannten, dass wir unsere Fußball-Kultur verbessern mussten“, sagt er. Die Evolutionsdaten, die einer Revolution gleichkommen, hat Löw auswendig im Kopf. Er trägt sie in diesen Monaten gerne vor.
Der Qualität des Trainers kommt die entscheidende Rolle im Fußball zu
Seine Mannschaft beging bei der WM von allen Mannschaften die wenigsten Fouls. Seine Mannschaft hatte die meisten Ballgewinne im Zweikampf. Seine Mannschaft kam nach Ballgewinn am schnellsten zum Abschluss. 2005 dauerte es von der Ballannahme bis zum Abspiel im Schnitt 2,8 Sekunden. 2008 bei der EM waren seine Spieler bei 1,8 Sekunden angekommen, in Südafrika bei 1,1 Sekunden. Beim 4:1 gegen England und dem 4:0 gegen Argentinien sanken die Werte auf 0,9 Sekunden. Auch in der Gesamtlaufleistung lagen seine Spieler mit durchschnittlich 12,7 Kilometern an der Spitze, gemeinsam mit Spanien und Uruguay.
Die Verbesserung von Kontaktzeiten und kollektiver Laufleistung sind das Ergebnis von Trainerhandwerk, von ständiger Wiederholung, von konsequenter Arbeit. Darin liegt nichts Revolutionäres. Auch nicht im dritten Platz, da haben seine Vorgänger im Land der dreimaligen Welt- und Europameister Bemerkenswerteres hinterlassen als der titellose Löw. Aber die Daten sind ein Beweis, dass Trainer etwas bewirken können, dass ein Trainer jeden Spieler verbessern kann, das ganze Spiel und sogar die Qualität einer WM. Es ist die eigentlich banale Erkenntnis, dass der Qualität des Trainers die entscheidende Rolle im Fußball zukommt.
Löw hat für alle Probleme Lösungen gefunden
Der Verlust von Ballack. Der Verlust von Adler. Der Verlust von Rolfes. Der Verlust von Westermann. Der Verlust an Vertrauen durch die geplatzten Vertragsverhandlungen. Die WM-Vorbereitung war eine einzige große Verlustmeldung. Aber Löw hat für alles Lösungen gefunden, und als er in Südafrika der Legende Maradona die bitterste Niederlage zufügte, war das nicht nur der glanzvollste deutsche Sieg bei einer WM seit dem letzten Titelgewinn 1990. Es war auch der Triumph eines Fußball-Lehrers über den begnadetsten Fußballspieler, den die Welt je gesehen hat, und der sich anmaßte, auch ein großer Trainer zu sein. Am Ende stand der argentinische Fußball-Kaiser ohne Kleider da – und Löw als großer Trainer.
„Die Möglichkeiten, um mit meiner Mannschaft dorthin zu kommen, wo ich hin will, sehe ich heute klarer“, sagt er. „Ich kann meine Vorstellungen konsequenter verwirklichen und habe mehr Lösungen parat als noch vor fünf oder sechs Jahren.“ Löw hat dem Trainerberuf in Deutschland neues Gewicht verliehen. Im DFB wird man, wenn Löw seinen Dienst bei der Nationalelf beendet – 2012, 2014 oder wann auch immer –, anders über die Besetzung des Bundestrainerpostens diskutieren als in der Vergangenheit. Löws Nachfolger wird Kompetenz nachweisen müssen, weit mehr als seine Vorgänger. Aber auch weit mehr als Löw selbst vor sechs Jahren, als er von Klinsmann aus der Arbeitslosigkeit zur Arbeit seines Lebens verpflichtet wurde.
Es ist weit ausgeholt, aber nicht zu weit hergeholt, wenn man in Löw den kompetentesten Bundestrainer seit Herberger sieht. Wie niemand zuvor hat er ein Team und einen Stil entwickelt, Impulse gesetzt und Innovationen fortgeführt, die dem deutschen Fußball eine Perspektive verschaffen, die über das Aufzählen von Namen wie Schweinsteiger, Lahm, Neuer, Özil, Khedira und Müller hinausgeht.
Notlösungen wie Beckenbauer oder Völler kann es nicht mehr geben
In Deutschland kann es Bundestrainer wie Beckenbauer, Völler oder Klinsmann nach Löw eigentlich nicht mehr geben. Das waren Weltmeister-Notlösungen, wie bei Maradona, ein sympathisches Konzept, in dem man annahm, dass Weltmeister von gestern Weltmeister von morgen schaffen können, einfach so. Das Konzept hat sogar funktioniert, aber das lag nicht am Konzept, sondern an den Persönlichkeiten, die diese Defizite ausglichen. Aber so geht das nicht mehr.
Hinter Löws Trainerkompetenz wird der DFB nicht mehr so leicht zurückfallen können. Und auch seine eigene Erkenntnis, dass er viele Jahre gebraucht hat, um der sportlich überzeugende Trainer zu werden, der seinen Weg gefunden hat – mitsamt seinen Schwächen, etwa den Umgang mit Konflikten – dürfte nicht ohne Folgen bleiben. Dass der DFB es künftig mit dem einzig anderen Bundestrainer-Rekrutierungskonzept versucht, das ihm bisher neben der Spielervariante zur Verfügung stand, der Assistenten-Lösung, mag man sich nicht mehr vorstellen. Löw rutschte zwar auch so in den Job rein, aber immerhin konnte er auf eine – wenn auch eher durchschnittliche – Vita als alleinverantwortlicher Trainer zurückblicken, anders als die Vorgänger Vogts, Derwall und Schön. Nach Löw sollte es zum Standard gehören, dass Trainer belegen können, dass sie Spieler und Mannschaften entwickeln können, nicht nur aufstellen.
Begeistert über Fußball, Taktik, Vorbereitung, Trainingsaufbau reden
Die Daten, die Löw als Fortschrittsbeweis präsentiert, kann man auch als Beleg dafür nehmen, wie komplex das Spiel geworden ist, dass es eines erfahrenen Trainers bedarf, eines eingespielten und hochprofessionellen Teams, das die Erfordernisse in zahlreichen Bereichen abdeckt: Technik, Taktik, Fitness, Psychologie, Spiel-, Spieler- und Gegnerbeobachtung, Ernährung, Persönlichkeitsentwicklung, Kommunikation. Und noch einiges mehr.
Die Franzosen, die Löw und sein Team mögen und auszeichnen, haben in Südafrika erlebt, was ein Trainer mit einer Mannschaft anrichten kann. Raymond Domenech hat die französische Nationalelf 2004 übernommen und damit das Erbe der WM- und EM-Titel von 1998 und 2000. In den sechs Jahren, während Löw zunächst mit Klinsmann und dann als Chef eine neue deutsche Fußballkultur entwarf, richtete Domenech sein Team zugrunde. Es rebellierte in Südafrika, Intrigen und Egoismus vergifteten das Klima, gefördert von einem unterschwelligen kulturellen Konflikt mit den Muslimen im Team. Die Franzosen schämten sich für ihr Team, die Politik machte daraus eine Staatsaffäre und Sarkozy bestellte Teammitglieder zum Rapport. Frankreich war in jeder Hinsicht das Gegenbild, das Löw mit Deutschland geschaffen hat.
Der Rhein trennt die düstere und die strahlende Seite des Fußballs
Die Redakteure von „LÉquipe“ sprachen mit dem Bundestrainer begeistert über Fußball, Taktik, Vorbereitung, Trainingsaufbau. Dinge, über die Domenech sich weigerte, in Interviews zu reden.
Es ist, als trennte der Rhein in diesem Jahr die düstere und die strahlende Seite des Fußballs. Vor zehn Jahren war das auch schon so, nur andersrum. Nachdem Berti Vogts 1998 die WM vermasselt hatte und Erich Ribbeck zwei Jahre später die EM, lernte der DFB, dass er sich um seine Talente kümmern muss. Die Ergebnisse kann man jetzt besichtigen, nicht nur in der Nationalelf. Vielleicht ist der Erfolg von 2010, der sich so stark mit Löw verbindet, nun das Signal, dass sich der DFB endlich auch um seine Trainertalente kümmert. Das ist eine Aufgabe, die der Verband Joachim Löw noch schuldet.
Nicht übertreiben
Theodor Wedel (TheodorWedel)
- 24.12.2010, 11:48 Uhr
Er spricht dabei kaum von sich, meist vom Team...
Sascha Philip Rheinert (saphirh)
- 24.12.2010, 12:00 Uhr
Leistung
Nader Dastghaibi (NaderD)
- 24.12.2010, 12:52 Uhr
So etwas!
Victor Laszlo (Victor_Lazlo)
- 24.12.2010, 14:21 Uhr
Löw ist überschätzt!
Lena Gerstenburg (Gerstenburg)
- 24.12.2010, 15:15 Uhr