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Torwartdebatte Lehmann hätte Lehmann gewählt

05.05.2010 ·  Die Torwartfrage wird offenbar mit Hans-Jörg Butt als Nummer drei für die WM beantwortet. Jens Lehmann ist offenkundig nicht der Auserwählte - sehr zu seinem Ärger. So geht am Samstag einer endgültig, der nie ein Mann des Volkes sein wollte.

Von Oliver Trust, Stuttgart
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Den guten Vorsatz konnte er nur einen Tag lang durchhalten. „Egal, was ich dazu sage, es wäre nicht gut“, hatte Jens Lehmann am Dienstag kurz gesagt und die Verletzung René Adlers bedauert: „Das ist wirklich doof für ihn, er hat hart gearbeitet.“ Das schien doch ungewöhnlich zurückhaltend für einen, der noch vor ein paar Monaten kaum eine Gelegenheit ausgelassen hatte, sich selbst als einzig sinnvolle WM-Wahl zu empfehlen, da er – im Gegensatz zu den berufenen Adler, Manuel Neuer und Tim Wiese – wertvolle Turniererfahrung mitbringe.

Doch am Mittwoch, als längst durchgesickert war, dass Bundestrainer Löw den Münchner Hans-Jörg Butt als dritten WM-Torwart nominieren wird, hatte es ein Ende mit der Zurückhaltung des Vierzigjährigen. „Wenn ich Butt wäre, würde ich mich nicht hinter Neuer und Wiese auf die Bank setzen wollen. Butt hat eine gute Saison gespielt und er hat ja auch Ansprüche“, sagte Lehmann, wiederholte seine Kritik am Bremer Tim Wiese („Bei einer Personalie bin ich mir nicht sicher, ob mit großem Sachverstand gehandelt wurde“) und erneuerte seine Vorbehalte gegenüber dem Schalker Manuel Neuer („Wenn man Weltmeister werden will, ist es schwierig mit Manuel Neuer als Nummer eins. Ich mag Neuer sehr. Er wird ein sehr guter Torwart werden . . .“).

Bis zu diesem Ausbruch hatte sich der streitbare Lehmann – eine Spitze in Richtung Tim Wiese während eines Fernsehauftrittes ausgenommen – eher wie ein Musterprofi aufgeführt. Auf dem Platz hatte er in diesem Jahr die innere Balance gefunden. Und das nach turbulenten Monaten, in denen er nicht nur konstant Spitzenleistungen, sondern auch einen manchmal aggressiv anmutenden, überdeutlich zur Schau gestellten Ehrgeiz gezeigt hatte.

Ein Mann des Volkes wollte er nie werden

Mitte Dezember des vergangenen Jahres, in den Tagen nach seiner Roten Karte in Mainz (siehe: 2:2 gegen Mainz - Marica verhindert Stuttgarter Heimniederlage), der anschließenden wilden Flucht aus dem Stadion, als er einem VfB-Fan die Brille von der Nase riss, stand er in Stuttgart kurz vor dem Rauswurf. Nach langen Gesprächen mit Trainer Christian Gross durfte er dann aber bleiben, Gross hatte sein Veto eingelegt und Lehmann gleichzeitig auf seine letzte Chance hingewiesen, sich seinen Abschied nicht zu verderben. Lehmann, nach Kritik am Verein mit einer Abmahnung und einer Geldbuße bestraft, zog aus der Unterredung mit seinem Trainer die richtigen Schlüsse.

Nachdem die WM-Tür für ihn nun endgültig zu ist, könnte der Sprung in die Europa League mit dem VfB Stuttgart zu seinem abschließenden Erfolg werden. Dass der Mann, der mit Schalke 04 1997 den Uefa-Cup gewann, mit Borussia Dortmund 2002 deutscher Meister wurde und mit dem FC Arsenal 2004 englischer Meister, seine Nerven in den Griff bekam, honorierten schließlich auch die Zuschauer in Stuttgart. Am Samstag genoss er nach dem 2:2 gegen Mainz 05, seinem letzten Heimspiel im Trikot des VfB, die Huldigungen der schwäbischen Anhänger.

Ein Mann des Volkes wollte er nie werden, einen Abschied in Respekt hatte er sich dennoch gewünscht. Bunte Plakate hingen nun vor ihm, verziert mit Dankesworten und guten Wünschen für die Zukunft, die ihn für die Dauer der WM in Südafrika für kurze Zeit beim Bezahlfernsehsender Sky zum Experten werden lässt – vor allem bei den Torhütern wird er wohl genau hinschauen. Ansonsten liegt sein weiterer Weg im Ungewissen. Dass er eine umfangreiche Trainerausbildung wie der DFB sie vorschreibt in seinem Fall dank der großen Erfahrung für unangemessen hält, teilte er allerdings schon einmal mit.

Lehmann sorgte für Schlagzeilen und Kopfschütteln

Fest steht, wie sein letzter Wettkampftag am Samstag verlaufen wird. Nach der Partie in Hoffenheim wird er Freunde und Familie treffen. Jochen A. Rotthaus, 1899-Geschäftsführer und Lehmanns Cousin, organisiert die Busfahrt der Verwandtschaft zum „Italiener“ nach Sinsheim. Der spätere Abend führt Lehmann zurück nach Stuttgart zur Spielerparty des VfB, die beim nächsten „Italiener“ stattfindet – dabei gehörte Italien zu den unglücklichen Stationen seiner Laufbahn. Nach nur fünf Einsätzen beim AC Mailand kehrte er nach Deutschland zurück.

Lehmann, der nie ein Mann des Boulevards sein wollte, lieferte gleichwohl immer wieder Schlagzeilen – und er bleibt sich, wie der Mittwoch bewies, bis zuletzt treu. Genüsslich wurden zwischendurch immer wieder Anekdoten hervor gezerrt, die der erste Torwart, dem ein Feldtor gelang (in der Saison 97/98 für Schalke 04 gegen Borussia Dortmund) zur Genüge bot. Von der Flucht aus dem Leverkusener Stadion 1993, als er zur Pause ausgewechselt wurde und mit der S-Bahn davonfuhr, bis zu den Hubschrauberflügen, die ihn vom Heim am Starnberger See zum Stuttgarter Training brachten – Lehmanns Aktionen sorgten häufig für Kopfschütteln.

„Dass mein Verhalten mitunter als komisch wahrgenommen wird, damit kann ich leben. Auf dem Platz denke ich nicht groß darüber nach, was toll aussieht, sondern nur daran, dass ich Erfolg haben will“, sagt Lehmann, und: „Ich habe immer das Bestreben, der Beste zu sein, solange ich spiele.“ An diesem Credo hat nie jemand gezweifelt. Und der Satz gilt noch bis Samstag gegen viertel nach fünf.

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