Der Tag, an dem Kodjovi Obilales Fußballkarriere zerstört wurde, war der 9. Januar 2010. Als sich die Nationalspieler Togos vor rund zwei Jahren auf der Anreise zum Afrika-Cup in Angola befanden, dauerte der Angriff der Cabinda-Rebellen nur etwa dreißig Sekunden. Es war eine gewaltige Salve aus Maschinenpistolen, die auf die Spieler im Mannschaftsbus niederging. Zwei Teammitglieder waren sofort tot, Torwart Obilale, der von zwei Kugeln getroffen in den Mittelgang des Busses sank, wurde für tot gehalten.
„Ich habe den Moment des Anschlags noch heute genau vor Augen“, erzählt Obilale zwei Jahre später, „es war wie in einem Kriegsfilm.“ Der Mannschaftsarzt setzte dem vor Schmerz schreienden Obilale eine Morphinspritze. Der Torwart sei tot, hieß es in ersten Nachrichten. Obilale starb nicht.
Fußballspielen aber kann er nicht mehr. Die zwei Kugeln, die in seinem Rücken einschlugen, lähmen bis heute sein rechtes Bein. Beinahe noch schlimmer ist die Psyche verletzt. „Oft kann ich nächtelang nicht schlafen. Dann kommen die Erinnerungen. Und dann schreie ich“, berichtete der frühere Torhüter jüngst BBC-Journalisten, die ihn in seinem französischen Wohnort Lorient besuchten.
Für Obilale, der schon bei der Weltmeisterschaft 2006 im togoischen Nationalkader stand, sollte der Afrika-Cup 2010 der Durchbruch werden. Der 26-Jährige stand zwar nur beim französischen Viertligaklub GSI Pontivy unter Vertrag, war für das Turnier aber als erster Torwart vorgesehen. Die Reise beendete jedoch seinen Traum von der großen Karriere. „Ich will nicht sterben“, dachte er, als er wenige Stunden nach dem Anschlag auf dem Flur eines angolanischen Krankenhauses lag und sich zwang, trotz aller Schrecken die Augen offen zu halten. Neben ihm lagen die Leichen der beiden Teamkameraden. Zugedeckt mit weißen Tüchern.
Nach einer ersten Operation in Angola wurde er nach Johannesburg in eine Spezialklinik transportiert, wo man ihn ein zweites Mal am Rücken operierte und für 48 Stunden in ein künstliches Koma versetzte. Nach zwei Monaten sollte er die Klinik in Richtung französische Heimat verlassen. Den anvisierten Flug konnte er aber nicht antreten. Es hatte sich niemand um die Kosten der Reise gekümmert. Nicht der angolanische Turniergastgeber, nicht der afrikanische Fußballverband CAF, der nach Obilales Aussage bis heute kein einziges Mal den Kontakt gesucht habe. „Wenn du auf zwei Beinen stehst, rennen sie alle begeistert hinter dir her. Bist du aber gefallen, ist da niemand mehr“, sagt Obilale.
Irgendwann wurde der Torhüter dann doch nach Frankreich gebracht. Teamkollege Emmanuel Adebayor, Togos Superstar, hatte die Initiative ergriffen und Hilfe organisiert. Der togoische Fußballverband beteiligte sich daraufhin ebenso an Reise- und den horrenden medizinischen Behandlungskosten, zu kleineren Teilen ebenso der französische Verband sowie Adebayor persönlich.
Der Torwart erhielt eine Einmalzahlung von 100.000 Dollar vom Weltverband Fifa, damit war er aus der „Fußballfamilie“ entlassen. Ausgesorgt hat er beileibe nicht. „Der Fußball ist ein eiskaltes Geschäft. Wenn du nicht funktionierst, bekommst du nichts weiter als trockenes Gras“, sagt er bitter. Einfache Fans aus aller Welt hätten ihm Grüße und Genesungswünsche geschickt, von Fußball-Offiziellen sei nichts gekommen. „Das war schon traurig“, sagt Obilale.
Der ehemalige Nationaltorhüter muss eine Familie mit zwei kleinen Kindern ernähren, die Familie lebt in einer kleinen Wohnung. Was er in der Zukunft machen wird, weiß er aber noch nicht. In den Fußball zurückkehren kann er nicht, noch heute kann er nur an Krücken gehen. Er hat mit dem Fußball abgeschlossen. Von der WM in Südafrika hat er sich kein einziges Spiel im Fernsehen angesehen. „Das hätte mir zu weh getan“, sagt er.
Einen Computerkurs hat er gemacht, das Diplom als Sportlehrer hat er in der Tasche. Manchmal spricht er davon, ein afrikanisches Café zu eröffnen und ein Buch über sein Leben zu schreiben. Allmählich muss eine Entscheidung her, das Geld wird knapp.
Afrika volatiler denn je
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 03.02.2012, 20:24 Uhr