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Tim Borowski Großer Spieler mit aufrechtem Gang

22.11.2005 ·  Wird über einen möglichen Ballack-Nachfolger bei den Bayern spekuliert, fällt immer wieder der Name Tim Borowski. Vor dem Champions-League-Spiel gegen Barcelona versprach der Nationalspieler aber Werder Bremen die Treue.

Von Frank Heike, Bremen
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Ohne den Namen Michael Ballack funktioniert derzeit keine Geschichte über Tim Borowski. Und das kam so: als Nationaltrainer Jürgen Klinsmann im September zum Länderspiel gegen Südafrika einlud, interessierten sich die Reporter für Borowski, weil der Test doch in Bremen stattfand. Das ist die sportliche Heimat des 25 Jahre alten Neubrandenburgers.

Nun ging es also darum, wo und ob überhaupt Borowski spielen würde. In allen Partien der Klinsmann-Ära (mit einer Ausnahme) war Borowski dabeigewesen, doch seine Einsatzzeit ließ sich immer noch in Minuten ausdrücken. "Über ein paar Minuten mehr würde ich mich nicht beklagen", sagte Borowski damals und wurde mit einem Spiel von Beginn an belohnt - an der Seite Ballacks.

„Einer ist eben besser als ich“

Die schön gedrechselten Geschichten des "blonden Ballacks" oder vom "kleinen Ballack von Bremen", der beim DFB nicht zum Einsatz komme, weil der wirkliche Ballack auf seiner Position spiele, waren erst mal unnütz geworden, denn plötzlich agierte der blonde Bremer ja zusammen mit dem dunkelhaarigen Bayern, und das klappte ganz gut beim 4:2.

Borowski bemerkte damals selbst, er spiele in einem "Weltklassemittelfeld", da müsse er sich wohl mit Teilzeitjobs begnügen, denn "einer ist eben besser als ich", er meinte: Ballack. Doch dann verletzte sich der Münchner, und Borowski war in der Türkei und gegen China erste Wahl. Mäßig liefen diese Tests für Borowski, das überraschte, denn bei Werder Bremen ist er der neben Klose überragende Spieler des ersten Drittels.

Junger, cleverer Fußball-Diplomat

Kollegen bei Klinsmann, der Nachfolger in München? Borowski steht unter besonderer Beobachtung der Bayern: Geht Ballack weg, wäre Borowski ein passabler Ersatz. Das schönste Bewerbungsvideo lieferte Borowski beim 1:3 der Bremer in München Anfang November: nie aufsteckend ackerte er das ganze Spiel lang und zeigte seine starke Schußtechnik. An diesem Dienstag in der Champions League beim FC Barcelona möchte Borowski wieder zeigen, daß er mit den Besten mithalten kann.

Natürlich mag er die Vergleiche mit Michael Ballack nicht. "Ich finde das übertrieben", sagt Borowski, und doch schmeichelt es ihm: Er würde es so nicht sagen, weil er eben auch einer von diesen jungen, cleveren Fußball-Diplomaten ist, die nicht zuviel Substantielles sagen, um sich ja nicht angreifbar zu machen. Aber er sieht sich eher neben Ballack als an dessen Stelle - was nur sinnvoll und realistisch ist, denn Ballack gilt bei Klinsmann als unrotierbar.

Spieler unter Arroganz-Verdacht

So ist die Geschichte des derzeit besten Bundesliga-Mittelfeldspielers auch die Geschichte unerfüllter Hoffnungen im DFB-Dress. Denn auch sein Bremer Kollege Torsten Frings steht im Ansehen Klinsmanns vor ihm. Borowski sagt: "Ich bin eben vielseitig einsetzbar." Zuletzt in Frankreich wurde er nur eingetauscht, für 14 Minuten.

Tim Borowski hat als Mittelfeld-Regisseur angefangen, spielte in der Bremer A-Jugend in der Viererkette und dann für Werders Amateure zentral defensiv auf der Position der Nummer sechs. Zu variabel für die Stammelf Klinsmanns? Das wäre zumindest eine Erklärung, die ihn selbst nicht an sich zweifeln läßt. Und das wäre wichtig für diesen sensiblen Spieler, den die Fans früher schon beim zweiten Fehlpaß auspfiffen - bei Borowski stand immer der Arroganz-Verdacht im Raum. "Das passiert schon mal bei großen Spielern mit aufrechtem Gang", sagt Borowski.

Effektivität, Torausbeute und Präsenz

Er selbst sieht sich auf dem richtigen Weg: "Ich habe immer darum gekämpft, endlich konstanter zu spielen. Das gelingt mit jetzt." Es gelingt schon seit einiger Zeit. Vor allem in Ergänzung zum alternden Genius Johan Micoud. An dessen Seite fühlt sich Borowski wohl. Wenn man ehrlich ist, ist er gerade dabei, den Franzosen in puncto Effektivität, Torausbeute und Präsenz auf dem Feld zu überholen. Das haben natürlich auch die Bayern und ihr Manager Hoeneß bemerkt. Am Samstag nach dem 6:1 gegen den VfL Wolfsburg - er hatte zwei Tore geschossen - gab Borowski ein deutliches Bekenntnis für seinen Verein ab. Er sei seit zehn Jahren in Bremen, niemand müsse sich sorgen, daß er den Verein verlassen wolle. Tim Borowski hat einen Vertrag bis 2008, und die Bremer erwarten weitere Qualitätssprünge von ihrem Profi: "Tim hat in seiner Karriere immer wieder Leistungsschübe erlebt. Seit einem halben Jahr hat er wieder einen und bestätigt das permanent", sagt Klaus Allofs, der Sportdirektor der Bremer.

Nicht auszudenken, Tim Borowski könnte auch noch gut köpfen. Dann wäre er vielleicht jetzt wirklich schon so gut wie Ballack. In Bremen erinnert man sich amüsiert daran, daß Borowski als Jugendlicher von Trainer Frank Neubarth zur Sonderschicht ans Pendel geschickt wurde. Viel gebracht hat es bis heute nicht. Borowski weiß das - und arbeitet daran.

Quelle: F.A.Z. vom 22. November 2005
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