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Thomas Müller Einfach unberechenbar

28.06.2010 ·  Es „müllert“ wieder in Deutschland: Der Münchner Thomas Müller weckt Erinnerungen an den „Bomber der Nation“. Der mit 20 Jahren jüngste Nationalspieler schoss zwei Tore gegen England - und landete abseits des Platzes Treffer.

Von Michael Horeni, Bloemfontein
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Die Wahl zum „Man of the Match“ ist meist eine ziemlich dröge Veranstaltung. Meist ist der Sieger des Tages der Schütze des entscheidenden Treffers, gleichgültig, ob er sonst noch irgend etwas in den neunzig Minuten für sein Team geleistet hat. Dann darf der Erwählte im verschwitzten Trikot zwei Fragen beantworten, nicht mehr, denn man will den Torschützen ja auch schnell eine heiße Dusche gönnen. Aber meistens haben die Männer des Tages ohnehin nicht viel zu sagen, außer dass sie sich freuen, über das Tor und den Sieg.

Thomas Müller aber hat Zeit nach dem 4:1 gegen England, er ist „Man of the Match“, und auch wenn Bastian Schweinsteigers Dienste im Mittelfeld an diesem Tag unentbehrlich waren, darf man festhalten, dass Müller die kleine Trommel nicht ganz zu Unrecht mit nach Hause nehmen darf. Denn das Achtelfinale gegen England war nämlich nicht weniger als das Spiel seines jungen Profilebens, das Müller für Deutschland ablieferte. Nun gut, es waren auch erst sechs.

Und weil er das auch selbst wusste, redete Müller und redete und ließ sich vom Fifa-Offizier ebenso wenig stoppen wie zuvor von den Engländern. „Es ist natürlich ein wahnsinniges Glücksgefühl, wenn man die Tore macht, die das Team erlösen und den Druck wegnehmen“, sagte Müller auf die Frage, was er nach seinen Toren gefühlt habe auf dem Platz. Seine Treffer sorgten tatsächlich für nicht weniger als die Kapitulation der Engländer. Dann redete Müller immer weiter, eine weitere Frage war gar nicht nötig. Er sagte, es sei ganz falsch, dass er nun gelobt und gefeiert werde.

„Wie kaltschnäuzig er seine Chancen verwertet, ist imponierend“

„Denn es war sensationell, was wir als Mannschaft für eine Laufleistung und eine kämpferische Leistung gezeigt haben. Und sensationell fand er auch, wie die Mannschaft die Konteraktionen „eiskalt“ in Treffer umgewandelt habe. Das sagte Müller ganz neutral, als wäre es nicht er selbst gewesen, dem dies in der 67. und 70. Minuten nach herrlichen Kontern gelungen war. Einmal bereitete er sein eigenes Tor zusammen mit Schweinsteiger selbst vor, danach war er genau an der richtigen Stelle nach Özils Zuspiel – und so „müllert“ es wieder in Deutschland.

Der mit 20 Jahren jüngste deutsche Nationalspieler weckte mit seinem dritten Turniertreffer nostalgische Erinnerungen an den „Bomber der Nation“, der 1970 den Engländern im WM-Viertelfinale entscheidend zusetzte – und dem Rest der Welt vier Jahre später beim Titelgewinn. Der Bundestrainer fand danach auf dem Podium auch nur lobende Worte für den vielleicht unberechenbarsten deutschen Spieler, dem es immer wieder gelingt, genau dort aufzutauchen, wo sich urplötzlich Möglichkeiten auftun.

„Wie kaltschnäuzig er seine Chancen verwertet als 20-Jähriger, das ist schon imponierend“, sagte Löw. Unmittelbar nach der Partie wurde der Mittelfeldspieler von der rechten Seite schon mit dem Titel für den besten jungen Spieler des Turniers in Verbindung gebracht, und so zielstrebig und selbstbewusst wie der deutsche „Rookie“ spielt, so spricht er auch. „In meinem Schrank ist in jedem Fall noch ein Platz für die Trophäe“, sagte Müller. Für die Trommel natürlich auch.

„In der Kabine haben wir dann gehört, dass der Ball im Tor war“

„Wie wir die Konter abgeschlossen haben, dazu gehört auch Glück“, sagte Müller. Er dachte dabei an das Vorrundenfinale gegen Ghana, als die Mannschaft ihre Chancen nicht so entschlossen nutzen konnte wie nun gegen die Engländer. Von Glück für das deutsche Team sprach Müller auch bei dem „Bloemfontein-Tor“, das aber wohl als „Wembley 2“ Karriere machen dürfte. „Da stand das Spiel auf des Messers Schneide. In der Kabine haben wir dann gehört, dass der Ball im Tor war und wir Glück gehabt haben. Uns war dann bewusst, dass wir jetzt gewinnen müssen. Denn wenn wir schon mal Glück haben, dann müssen wir das auch nutzen“, sagte Müller. Das war immer noch die Antwort auf die erste Frage.

„Jetzt ist alles möglich“, sagte Müller auf die zweite Frage, die sich darum drehte, was jetzt alles noch möglich sei. Dann machte er eine Kunstpause, grinste und ergänzte: „Aber das habe ich schon vor dem Turnier gesagt.“ Der nächste Treffer.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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