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Thomas Müller Der komischste Deutsche

01.07.2010 ·  Keiner spielt in der DFB-Auswahl so seltsam wie Thomas Müller - von Diego Maradona im März noch ignoriert, dürfte der Argentinier das Allround-Talent mit der Vorliebe für Steilvorlagen jetzt kennen. Der treffsicherste deutsche Stürmer ist auch abseits des Platzes ein Gewinn.

Von Michael Horeni, Pretoria
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Thomas Müller und Diego Maradona haben sich vor gut drei Monaten, wie soll man sagen - kennengelernt. Besser ist wohl, wenn man sagt, sie sind sich irgendwie über den Weg gelaufen. Nach dem Länderspiel zwischen Deutschland und Argentinien in München saß ein blasser, schmächtiger Junge im weißen T-Shirt auf dem Podium der Pressekonferenz, als ein vom Sieg erfüllter Maradona dröhnend im Saal einmarschierte, seinen gedrungenen Körper die Treppen emporwuchtete, um sich nach dem Sieg vor den Kameras in Positur zu bringen.

Doch was machte dieser Junge da oben auf dem Stuhl? Ein Übersetzer vielleicht, der seine Worte nach Deutschland transportieren sollte? Ein Techniker, der die Mikrofonanlage überprüfte? Ein vorwitziger Balljunge, der sich in die Pressekonferenz eingeschlichen hat? Egal. Wie konnte es dieser Junge bloß wagen, ungefragt einen Platz neben der argentinischen Fußball-Ikone zu beanspruchen? Maradona polterte die Treppe wieder hinunter, lamentierte lautstark und gestikulierte wild über die Majestätsbeleidigung, die ihm widerfuhr. Ein, zwei endlose Minuten ging das so, und man ahnte schon, dass Maradona diese Kraftprobe leider im falschen Moment inszeniert hatte. Er kannte diesen Jungen einfach nicht, und weil Müller, als höflicher junger Mann und Münchner Gastgeber, wusste, was sich gehört, trollte er sich. Maradona, ganz Macho, eroberte fröhlich das Podium, aber als man ihm irgendwann sagte, dass er einen deutschen Nationalspieler durch seinen unmöglichen Auftritt verjagt hatte, tat ihm dies leid, und er entschuldigte sich am nächsten Tag.

Müller sieht sich als „Offensiv-Allrounder“

Wenn sich Maradona und Müller am Samstag im Viertelfinale der Weltmeisterschaft in Kapstadt wieder begegnen, dürfte Maradona diesmal sehr genau wissen, mit wem er es zu tun hat. Und nur zur Sicherheit, dass da nicht wieder etwas schiefläuft: Thomas Müller trägt die Nummer 13, und mit zwanzig Jahren und drei Toren ist er der jüngste und erfolgreichste deutsche Nationalspieler bei dieser WM. Er hat natürlich die Münchner Episode nicht vergessen, und dass sie ihm nicht gefallen hat, ist unschwer zu bemerken, auch wenn er das nicht sagt. Er sagt nur: „Darüber können wir am Samstag nach dem Spiel noch mal reden.“

Müller ist nicht nur der torgefährlichste Spieler im Aufgebot des Bundestrainers, er ist auch ihr seltsamster Spieler. „Ein Spieler, der ähnlich komisch spielt wie ich, ist nicht leicht zu finden“, sagt er selbst über seinen Spielstil, für den es in Deutschland so recht kein Vorbild gibt. Müller ist auf keine Position festgelegt, er kann Stürmer, linkes Mittelfeld, rechtes Mittelfeld. Und er kann das zentral, halb hängend, hängend oder ganz vorne drin. Er selbst fasst das zusammen als „Offensiv-Allrounder“, aber das beschreibt nur die Örtlichkeit seines Spiels, nicht das Wesen seines Spiels. Er kann sich eine Stunde lang der Wahrnehmung des Gegners und der Zuschauer komplett entziehen, aber dann taucht er auf und erzielt den entscheidenden Treffer. Mal wild und ungestüm tritt er auf, mal lässt er den Ball einfach prallen oder spielt überlegt den entscheidenden Pass.

Selbstbewusste Schnoddrigkeit

Gegen Australien hat er das 3:0 aus dem Strafraum geschossen, und seine Haltung erinnerte dabei an Gerd Müller, den „Bomber der Nation“, und es ist ziemlich erstaunlich, dass der dünne, schlaksige Müller sein Schussbein genauso weit nach hinten schwingt wie einst der untersetzte Torjäger mit den gewaltigen Oberschenkeln. Gegen England bereitete er das 2:0 von Podolski gefühlvoll wie ein Spielmacher vor, die Treffer zum 3:1 und 4:1 im Eiltempo eines Konterstürmers.

Das sind ziemlich viele Fähigkeiten auf einmal, und das hat auch Pelé bemerkt, als er jetzt vom neuen Fußball-Deutschland, symbolisiert durch Müller und Özil, schwärmte: „Das sind Spieler wie Overath und Littbarski, sie können dribbeln, tödliche Pässe spielen und überraschende Momente kreieren. Es macht Spaß, ihnen zuzuschauen.“ Das ist auch ein bisschen viel Lob auf einmal für einen Spieler, der vor einem Jahr noch in der dritten Liga in der Amateurmannschaft des FC Bayern spielte und seitdem die deutsche Meisterschaft gewann, den DFB-Pokal, das Finale der Champions League erreichte und bei der WM nun auch nationale Hoffnungen auf seinen arg schmalen Schultern trägt. „Manchmal geht es mir selbst ein bisschen zu schnell“, gestand er bei der WM, „aber ich spiele deswegen ja nicht mit Absicht schlecht.“

Es sind diese selbstbewusste Schnoddrigkeit und die Gabe, spontan hübsche und originelle Erklärungen zu finden, die Müller auch abseits des Platzes zu einem Gewinn für die deutsche Mannschaft machen. Ob die deutsche Auswahl den Fußball des FC Bayern in der Nationalmannschaft spiele, wurde er nach dem Auftakt gegen Australien gefragt: „Louis-van-Löw-Fußball“ war die Antwort. Nach dem 4:1 gegen England, als der Gegner für das Viertelfinale noch nicht feststand, wollten die Reporter wissen, wer denn nun sein Lieblingsgegner sei. „Mexitinien“ war die Antwort.

Die Nummer 13 als Steilvorlage

Vor dem Duell gegen Argentinien sorgten sich Reporter, ob er wie beim Viertelfinale 2006 nach dem Schlusspfiff Handgreiflichkeiten mit den Argentiniern fürchte: „Wenn's nach mir geht, können wir ruhig in den Infight gehen - wenn wir wieder gewonnen haben.“ Und was ist mit der Gefahr des Abhebens? „Ich habe bisher darauf gut reagiert. Ich bilde mir nicht ein, der Größte zu sein. Bei meinen 1,86 Metern ist Per Mertesacker auch noch ein Stück größer als ich.“

Dass Müller keine Angst hat, sich mit den Argentiniern anzulegen, in entscheidenden Spielen bisher die Nerven behält und sich auch von den größten Vorbildern nicht Bange machen lässt, gefällt dem Bundestrainer außerordentlich. „Er verkrampft auch in den wichtigen Spielen nicht“, sagt Löw. Dieses Selbstvertrauen, es mit Maradona, Gott und der Welt aufzunehmen, hätte man sich schon denken können, als es vor dem Turnier um die Vergabe der Trikotnummern ging.

Es waren für den Spätberufenen nur noch die „4“, „13“ und „14“ frei. Müller griff bei der Dreizehn zu, was ihm mittlerweile den hübschen Ruf als „Wilde 13“ des deutschen Fußballs eingebracht hat. Symbolträchtiger war jedoch, dass die Vorgänger in diesem Trikot, Gerd Müller und Michael Ballack, für ihn keine Nummer zu groß waren, im Gegenteil. „Das war eine Steilvorlage für mich“, sagte er. Und was Thomas Müller mit Steilvorlagen bei der WM macht, das dürfte jetzt sogar Maradona wissen.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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