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Theo Zwanziger und der DFB Mehr als nur Fußball

15.11.2009 ·  Der Umgang des Deutschen Fußball-Bundes mit dem Suizid Robert Enkes folgt ganz der Orientierung seines Präsidenten. Unter Theo Zwanziger hat der reichste und mächtigste deutsche Sportverband an sozialer Kompetenz gewonnen.

Von Michael Ashelm
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Viele möchten innehalten in diesen Tagen. Doch wer sich wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) positionieren will in wichtigen gesellschaftlichen Grundsatzdebatten, der hat keine Zeit. Und so war zu erwarten, dass DFB-Präsident Theo Zwanziger nach dem Tod von Robert Enke schnell den Weg des Verbandes vorgab.

„Denkt nicht nur an den Schein. Denkt auch an das, was in den Menschen ist, an Zweifel und Schwäche“, sagte Zwanziger am Sonntag bei der Trauerfeier in Hannover. Alle seien aufgerufen, nach der Trauer das Leben in Maß und Balance mit Fairplay und Respekt zu gestalten. Das Kartell „der Tabuisierer und Verschweiger“ müsse durchbrochen werden, dazu beitragen müssten auch die Fans. Ein Gremium mit vertrauenswürdigen Personen müsste gegründet werden, sagte Zwanziger schon zuvor, um einen Bewusstseinswandel im Profifußball in Gang zu setzen – es geht vor allem um das Verhältnis der Branche zu Themen wie Depressionen oder Homosexualität.

Der Umgang des DFB mit dem Suizid des Hannoveraner Nationaltorhüters folgt der Orientierung seines Präsidenten. Seit Zwanziger 2004 die Spitzenposition im Verband übernahm (die ersten zwei Jahre noch zusammen mit seinem Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder), hat sich der DFB zu einem wichtigen Mitspieler auf dem Feld gesellschaftspolitischer Diskussionen gewandelt. Mit 6,3 Millionen Mitgliedern und 26 000 Vereinen ist der DFB eine der stärksten gesellschaftlichen Organisationen in Deutschland und der größte Einzelsportverband der Welt. Zum Vergleich: Unter dem Dach des Deutschen Gewerkschaftsbundes sind 4,3 Millionen Menschen organisiert.

„Das Denken ,Jetzt politisiert den Fußball doch nicht' ist sehr stark ausgeprägt“

Durch diese Machtposition, seine feste Verankerung in der Gesellschaft und die hohe Popularität des Fußballs sieht sich der DFB legitimiert, viele Themengebiete auch außerhalb seiner sportlichen Kernkompetenz zu besetzen. „Das Denken ,Jetzt politisiert den Fußball doch nicht' ist sehr stark ausgeprägt“, bemängelte Zwanziger unlängst in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” und forderte diesbezüglich noch mehr Engagement ein. Der Verband wolle für das, was eine Demokratie für Menschen leisten kann, „aufgeschlossen und aktiv eintreten“.

So hat der DFB in den vergangenen Jahren gesteigerten Wert auf soziale Projekte gelegt. Es gibt beim DFB eine türkischstämmige Integrationsbeauftrage, die dem Vorstand in beratender Funktion angehört. Und mit Steffi Jones steht eben kein Mann an der Spitze des Organisationskomitees für die Fußball-WM der Frauen 2011. Fanvertreter stellten fest, dass sich der Verband in Bezug auf die Arbeit mit den Anhängern der Klubs um „180 Grad“ gedreht habe. Der Verband tritt ein für mehr Zivilcourage, gegen Rassismus und gegen die Diskriminierung gesellschaftlicher Randgruppen. Inzwischen finanziert der DFB die jährliche Teilnahme des Dachverbandes schwul-lesbischer Fußballfanklubs am Christopher Street Day in Köln.

Vor zwei Jahren kamen im Berliner Olympiastadion Vertreter des DFB, von Vereinen und Verbänden zum „1. Aktionsabend gegen Homophobie im deutschen Fußball“ zusammen – und Zwanziger äußerte sich auch schon selbst in einem Schwulen-Magazin. Er sei fest davon überzeugt, „wenn in den nächsten Monaten vier, fünf Frauen oder Männer, die im Fußball einen Namen haben, sagen: ,Ich möchte mich bekennen' – das würde überhaupt keine großen Diskussionen mehr hervorrufen.“ Dazu ist es allerdings noch nicht gekommen. Die Vorsätze nach dem tragischen Tod von Robert Enke sollen nun helfen, die alten Tabus doch aufzubrechen und für ein entspannteres Klima zu sorgen.

„Wenn man Rassismus laufen lässt, ist das der Weg zum Untergang“

Einen klaren Standpunkt bezieht der Verband auch im Kampf gegen Neonazis. Gerade in den Fußballstadien der Vereine in den neuen Bundesländern kommt es immer wieder zu Gewaltexzessen rechter Gruppen und zu einer Unterwanderung der Fanszene durch die NPD. Zwanziger sprach diese Problematik offen an. Anfang dieses Monats erhielt der Jurist und ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete in Rheinland-Pfalz für sein beharrliches Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rechtsextremismus vom Zentralrat der Juden den renommierten Leo-Baeck-Preis verliehen.

Vor ihm hatten die Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, Johannes Rau und Roman Herzog sowie zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel diese Auszeichnung erhalten. „Wenn man Rassismus laufen lässt, ist das der Weg zum Untergang“, sagte Zwanziger. Sein Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder akzentuiert seine Äußerungen zu dieser Thematik ein wenig anders, wenn sich ein Anlass bietet. „MV“ verteidigte 2007 die umstrittene Rede des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger beim Staatsakt für den verstorbenen Hans Filbinger. Dieser war einst NSDAP-Marinerichter. „Hans Filbinger war kein Nationalsozialist“, behauptete der ehemalige DFB-Präsident.

Seine Macht hat Zwanziger bisher geschickt genutzt - und ausgebaut

Während Zwanziger zu Beginn seiner Amtszeit noch als „Präsident der Amateure“ verspottet wurde, weil er über die Regionalverbände und nicht den Profifußball an die Verbandsspitze gekommen war, ist er heute der unumstrittene Frontmann beim DFB. Schnell entschied er am Mittwoch nach Rücksprache mit der Mannschaftsleitung und dem Spielerrat über die Absage des Länderspiels gegen Chile und dass die Nationalelf erst am Mittwoch in Gelsenkirchen gegen die Mannschaft der Elfenbeinküste wieder antreten solle.

Seine Macht hat Zwanziger bisher geschickt genutzt – und ausgebaut. Zwanziger hat den Verband durch die Aktivitäten auf eine breitere, glaubwürdigere Basis gestellt, wodurch der DFB nun seinerseits die Hilfe und die Unterstützung der Politik und der Gesellschaft offensiver einfordern kann. Aber nicht nur das: Der reichste und mächtigste deutsche Sportverband will seine starke Position erhalten – und auch das gelingt eben viel besser, wenn man gesellschaftliche Verantwortung zeigt.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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