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WM-2006-Affäre : Zwanzigers Merkwürdigkeiten in der Provinz

Bild: dpa

In seiner Heimat hat Theo Zwanziger seinen Auftritt. In der Affäre um die WM 2006 räumt er Mitverantwortung ein – und sieht sich doch mit einer weißen Weste dastehen. Dann endet der Termin auf merkwürdige Weise.

          Dem Hotelwirt ist ein gewisser Stolz ins Gesicht geschrieben, dass er von dem ganzen Wirbel um den deutschen Fußball auch etwas leibhaftig mitbekommt. „Heute sind wir mal der Mittelpunkt der Welt“, sagt er. Das ist zwar übertrieben, aber so wie er es meinte, doch nicht falsch. Vor dem Foyer der Drei-Sterne-Herberge in Diez bei Limburg haben sich die Kameras der Fernsehstationen postiert, um Bilder von Theo Zwanziger einzufangen. Ein Pulk von Berichterstattern hat sich auf den Weg in die Provinz gemacht.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein paar Kilometer weiter, wo der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wohnt, waren am Dienstagmorgen die Steuerfahnder überraschend vorgefahren. Nachdem die Ermittler mit Aktenmaterial wieder abgezogen waren, verlegte sich Zwanziger auf den schon zuvor von ihm geplanten Termin, um in einem Landhotel seine Sicht der Dinge in den sich zuspitzenden WM-Skandal zu konkretisieren – mit Dokumenten, die er an eine Leinwand projizierte.

          An seiner Seite befand sich sein Anwalt Hans-Jörg Metz. Die Kernbotschaft: Ich trage Mitverantwortung, aber andere eben auch und zum Teil noch mehr. Und solange Franz Beckenbauer nicht die Wahrheit sage, bliebe der wirkliche Grund für die ominöse Zahlung über 6,7 Millionen Euro im Dunkeln.

          Der Mittag endete dann auf merkwürdige Weise. Zwanziger verließ nach seinen Ausführungen mit seinem Rechtsanwalt das Hotel und ließ die Dokumente, die er zuvor präsentiert hatte, auf dem Tisch an seinem Platz liegen – im Raum „Rheingaublick“. Absicht? Vergesslichkeit? Denn eigentlich sollten die persönlichen Notizen, Briefentwürfe und Schriftstücke, die er sich selbst im Laufe seiner Zeit beim DFB kopiert oder die ihm zuletzt auf andere Weise zugefallen waren, am Ende nicht zur weiteren Durchsicht an die anwesenden Journalisten verteilt werden. Aber dann war Zwanziger weg.

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          Zwanziger, damals Finanzchef im WM-Organisationskomitee, führte zuvor abermals an, erst im Frühjahr 2005 von dem Schuldschein Franz Beckenbauers über 6,7 Millionen Euro gegenüber dem früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus erfahren zu haben. Als Grund sei immer eine Provision angeblich an die Fifa-Finanzkommission genannt worden, die Louis-Dreyfus für Beckenbauer übernahm und die angeblich nötig war, damit die Deutschen einen Zuschuss des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) in Höhe von 170 Millionen Euro erhielten.

          Dass dieser Deal, der vor allem vom DFB ins Feld geführt wird, nicht gerade einem üblichen Geschäftsgebaren entspricht, bestätigte Zwanziger am Dienstag. Doch habe er zu der Zeit dies als Begründung akzeptiert, weil ihm andere Erkenntnisse fehlten. Die Fifa hat keine Belege für das Eingehen einer solchen Geldsumme.

          Nicht ohne seinen Anwalt: Theo Zwanziger (rechts) mit seinem Anwalt Hans-Jörg Metz. Bilderstrecke
          Nicht ohne seinen Anwalt: Theo Zwanziger (rechts) mit seinem Anwalt Hans-Jörg Metz. :

          Zwanziger hinterfragte also nicht. Obwohl schon zum Jahrtausendwechsel Korruptionsvorwürfe gegen die Fifa hochkamen, zu den Wahlen des Präsidenten Joseph Blatter sowie auch im Hinblick auf WM-Vergaben. Erst nachdem er, inzwischen Mitglied des Fifa-Vorstandes, im Juli 2012 durch den ISL-Skandal konkretere Kenntnis über Bestechungsgelder innerhalb des Fifa-Systems erhalten habe, sei er unruhig geworden wegen der 6,7 Millionen Euro. ISL war eine Rechteagentur, die bis in die neunziger Jahre für den Erwerb von Sportrechten gezielt Funktionäre bestach – auch bei der Fifa. Ein Gerichtsprozess in der Schweiz machte dies öffentlich.

          Wofür war also die Zahlung im deutschen WM-Kreislauf wirklich? Auf eigenes Betreiben habe er 2012 und 2013 Treffen mit dem früheren OK-Präsidenten Beckenbauer sowie auch dem damaligen OK-Vizepräsidenten und heutigen DFB-Chef Niersbach angeregt, die dann auch stattfanden. Aber ohne Ergebnis, es habe kein Interesse an einer Aufklärung gegeben, behauptet Zwanziger.

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          Nach der zuletzt intensiven Berichterstattung zum „Sommermärchen“ habe er nochmals versucht, mit dem DFB ins Gespräch zu kommen. Das sei wiederum gescheitert. Aus seiner heutigen Sicht und auf Grundlage eines ihm vorliegenden Fax, habe es schon 2004 innerhalb des WM-OK offenbar Vorbereitungen gegeben, die Begleichung von Beckenbauers Schuldschein über eine Zahlung fürs Kulturprogramm zu tarnen. Nur Zwanziger wusste angeblich nichts davon.

          Er räumte am Dienstag zwar eine Mitverantwortung ein, doch sieht sich Zwanziger mit einer reinen Weste dastehen. Der ehemalige Steuerinspektor glaubt auch nicht, dass ihn die Ermittlungen der Steuerfahnder in Probleme bringen könnten, weil er ja immer in dem Glauben war, dass die dann auch von ihm veranlasste Zahlung im Jahr 2005 über 6,7 Millionen Euro zum WM-Kulturprogramm gehörte – und nicht über Umwege nur zur Begleichung des ominösen Schuldscheines von Beckenbauer diente.

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          In einem am Montag von ihm an den DFB verschickten Brief weist er darauf hin, dass der Verband zu prüfen habe, ob die 6,7 Millionen Euro nicht von Beckenbauer zurückzuholen seien. Aus seiner Sicht könne er sich gut vorstellen, dass ein enger Kreis im WM-OK, dazu gehört DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, schon seit 2002 über die Zahlung von Louis-Dreyfus informiert gewesen. Dies folgere er aus der Berichterstattung der vergangenen Wochen in Beckenbauer nahen Medien.

          Quelle: F.A.Z.

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