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SV Wehen in der 2. Liga : „Der geilste Dorfverein der Welt“

Der „Halberg”: Fußball mit Fernblick Bild: SV Wehen

Ein Team der Namenlosen aus einem Taunusdorf steigt ohne richtigen Trainer mit Rekordvorsprung in die 2. Liga auf. Der Mäzen pumpt seit 25 Jahren Geld in sein Hobby und rüstet jetzt sogar das Stadion der nahen Landeshauptstadt Wiesbaden auf. Ein Vereinsporträt.

          Wir befinden uns im Mai des Jahres 2007. Ganz Fußball-Deutschland ist besetzt von Abstiegsangst, Titelrennen oder Aufstiegsanspannung. Nur ein kleiner hessischer Dorfverein kann schon fünf Spieltage vor Schluss ganz entspannt seine Zukunft planen.

          Wenn der SV Wehen 1926 e.V. am Samstag um 14:30 Uhr gegen die Stuttgarter Kickers antritt, hat er den größten Tag seiner Vereinsgeschichte bereits hinter sich: Der Aufstieg in die Zweite Liga wurde mit einem 2:0 beim FK Pirmasens sichergestellt. 19 Punkte Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz. Rekordverdächtig. Einhundert Fans waren dabei. Rekordverdächtig wenig. Immerhin hatten sie ein Spruchband dabei: „Wir sind der geilste Dorfverein“ stand drauf, und gefeiert wurde später im Stammlokal „Krone“.

          Vom Vergnügungsausschuss in den Profifußball

          Ein Zugpferd sieht anders aus. Selbst bei Heimspielen stehen kaum mehr als tausend Mann auf den „Halberg“. Aber woher sollen die Fans auch kommen? Wehen im Taunus, 6.700 Einwohner. Der drittgrößte von zehn Ortsteilen eines 1971 zusammenverwalteten Stadtgebildes namens Taunusstein, das es mit Mühe auf knapp 30.000 Einwohner bringt. Sportlich hat Taunusstein bisher nur durch Rhönradturner auf sich aufmerksam gemacht. Aber die waren immerhin schon Weltmeister.

          Das „Stadion”: Begrünter Dorfsportplatz

          Die Geschichte des Wehener Fußball-Aufstiegs begann 1979, als Heinz Hankammer (heute 75 Jahre alt) Vergnügungsausschuss-Vorsitzender des A-Liga-Klubs wurde. Drei Jahre später übernahm der Wasserfilter-Fabrikant den Vereinsvorsitz, den er nie mehr abgab - nur dass er sich seit 2002 Präsident nennt. Im Laufe der 25 Jahre seiner Alleinherrschaft hat der „Abramowitsch vom Dorf“ etliche Millionen Euro in sein Hobby gesteckt. Es heuerten über die Jahre mehrere Hundert Fußballspieler in seinem Verein an, viele auch in seiner Firma „Brita“.

          Der Verein, die Firma

          Der wichtigste Neuzugang war der Kaiserslauterer Ex-Profi Bruno Hübner (46). 1986 wechselte der damals 25-Jährige von der Pfalz in den Taunus, von der Bundesliga in die Kreisklasse, vom Betzenberg auf den Halberg. Wegen der beruflichen Perspektiven: „Ich machte meinen Industriekaufmann“. Es wurde viel gemunkelt in der Region über die Ambitionen des „Millionenklubs“. Und der Durchmarsch bis zur Oberliga dauerte auch nur ganze vier Jahre.

          „Wenn mir vor zwanzig Jahren jemand gesagt hätte, dass wir in die zweite Liga aufsteigen, ich hätte ihn für verrückt erklärt“, sagt Hübner heute, der den Verein und die Firma nie mehr verlassen hat. Er spielte und trainierte beim SV Wehen und arbeitete bei „Brita“, beides unter „Chef“ Hankammer. Irgendwann wurde Hübner hier Vertriebsleiter und dort Manager, seit 2004 kümmert er sich hauptamtlich um Fußball.

          Aus Taunusstein wird Wiesbaden

          Seit 1997 spielt Wehen in der Regionalliga. Der Hartplatz wurde durch Rasen ersetzt, ein paar Tribünen aufgestellt, die aber nie voll waren. Doch der Verein legt wert auf nachhaltige Strukturen. Die Reserve steigt gerade von der Landes- in die Oberliga auf, alle Jugendmannschaften spielen hochklassig. Es gibt ein Nachwuchsleistungszentrum mit Hausaufgabenbetreuung vor dem Fußballtraining.

          Irgendwann wurde der Namenszusatz Taunusstein angehängt, um den Gästen bei der Anfahrt die Orientierung zu erleichtern. Der wird jetzt wieder ausgetauscht, denn der Verein wird seine Zweitliga-Heimspiele im zwanzig Kilometer entfernten Wiesbaden austragen und nennt sich dann „SV Wehen-Wiesbaden 07“.

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