09.11.2009 · In der DDR war Steffen Kubald ein „Rowdy“. Heute ist er Präsident von Lokomotive Leipzig. Dort kämpft er gegen Hooligans und die NPD, die sein Aufbauwerk und die Entwicklung des Fußballklubs bedrohen.
Von Michael Horeni, LeipzigSteffen Kubald marschierte auf jeder Montagsdemonstration. Nur am 2. Oktober 1989, als in Leipzig die Sicherheitskräfte brutal gegen die Demonstranten vorgingen, war er nicht dabei. Kubalds Stiefbruder war zu Besuch gekommen. Aus dem Westen, wohin sein Vater sieben Jahre zuvor geflohen war. „Abgehauen“, wie Kubald noch heute sagt. Die beiden Stiefbrüder aus Ost und West gingen an jenem Abend zum Essen, und so bekam Kubald nichts mit von den Übergriffen und auch nicht von der Angst der Demonstranten. Angst kannte Kubald damals ohnehin nicht.
Auch eine Woche später nicht, als 70.000 Menschen von der Nikolaikirche und den anderen Gotteshäusern der Stadt aus auf den Stadtring zogen. In den Nebenstraßen standen Volkspolizei und Nationale Volksarmee bereit, ausgestattet mit Waffen und dem Befehl, den Protestzug aufzulösen. Notfalls mit Gewalt, die „chinesische Lösung“. Doch die Einsatzkräfte zogen sich wie durch ein Wunder zurück. Die Panzer blieben in den Kasernen. Die Staatsmacht hatte keine Menschen erwartet, die Kerzen in den Händen hielten und riefen: „Keine Gewalt.“
„Wer ist der Stärkste? Wer ist der Beste?“
Doch ausgerechnet Steffen Kubald sehnte sich in der DDR nach Gewalt. Vor allem samstags, wenn sein Klub spielte: der 1. FC Lokomotive Leipzig. Kubald war in der DDR das, was man im Arbeiter- und-Bauern-Staat einen „Rowdy“ nannte. Der Begriff Hooligan war dem Westen vorbehalten, aber es war nichts anderes, was Kubald und seine prügelnden Kumpels jede Woche in den Stadien anstellten. „Es ging darum: Wer ist der Stärkste? Wer ist der Beste?“, sagt Kubald. „Und es gab ein Ranking: Der BFC Dynamo hat geführt, dann kam Union Berlin und gleich danach schon Lok und Dynamo Dresden.“
Wenn man Steffen Kubald heute sieht, kann man noch ahnen, wie bedrohlich er damals wirkte: Ein Kerl wie ein Baum. Zwei Meter groß, 120 Kilo schwer. Aus den Ärmeln des Hemds wachsen riesige Hände. Aber sie packen heute andere Dinge an. Er spricht sogar sanft. Kubald ist seit sechs Jahren Präsident von Lok Leipzig, man kann sagen: Kubald ist Lok. Er hat den Klub mit Kumpels 2003 neu gegründet, nach der Insolvenz haben sie in der untersten Liga angefangen, es ging stetig aufwärts. Er arbeitet ehrenamtlich, der Verein stellt ihm nur ein Auto zur Verfügung. Bei einer Reinigungsfirma ist er mittlerweile beschäftigt, aber ständig im Einsatz ist er für Lok. „Der Chef drückt ein Auge zu“, sagt er. Denn Kubald kämpft jetzt einen anderen Kampf.
Ein deutsches Stück über Niedergang und Neubeginn
Gegen Hooligans und die NPD, die sein Aufbauwerk und die Entwicklung des Klubs bedrohen. In der wechselvollen Geschichte von Kubald und Lok Leipzig fällt all das zusammen, was die Wende aus einem Menschen und einer DDR-Institution machen konnte. Die Geschichte von Kubald und Lok Leipzig verwebt sich zwanzig Jahre nach dem Mauerfall zu einem dramatischen Stoff. Es ist ein deutsches Stück über Niedergang und Neubeginn, über falsche Hoffnungen und ungebrochene Zuversicht, über Liebe und Hass. Lok spielt heute in der fünften Liga, Platz elf. In der vergangenen Woche kamen die BBC und „France Football“ ins Bruno-Plache-Stadion nach Probstheida im Südosten der Stadt.
Lok Leipzig ist auch in England und Frankreich noch ein Begriff, der Ruhm aus dem Europacup wirkt nach. Die Gegner hießen damals Barcelona, Tottenham und Bordeaux. Nicht Pößneck, Auerbach und Halberstadt. Bordeaux, das war der Höhepunkt. 1987 – nur zwei Jahre vor der Wende. Lok siegte im Halbfinale des Europapokals, offiziell waren 73.000 Zuschauer, aber es heißt, 120.000 hätten sich im Zentralstadion gedrängt. Was hätte ein paar Jahre später daraus werden können? Das Finale gegen Ajax Amsterdam, das Leipzig 0:1 verlor, fand in Athen statt.
„Im Stadion hat man gemerkt, dass viele nicht mehr da waren“
Kubald wollte auch hin. Er arbeitete damals als Küchenleiter, später stieg er zum Gaststättenleiter auf. Sein Chef hatte die Erlaubnis, aber der wollte plötzlich nicht mehr. „Da hat er mich gefragt, ob ich für ihn fahren wollte.“ Kubald wollte nichts mehr als das. Aber es ging nicht. Die Betriebsparteileitung ließ es nicht zu. „Ich wäre zurückgekommen, definitiv“, sagt Kubald. Er hatte schon Frau und Kind.
In den zwei Jahren vor der Wende wurde es in den DDR-Stadien ruhiger. Es gab kaum Randale. Die Leute, die Putz machten, hatten andere Probleme, sagt Kubald. Aber dann geschah etwas, was auch ihn schmerzte und später auf die Straße trieb. „Für mich war das Problem, dass so viele Leute abgehauen sind. Auch im Stadion hat man gemerkt, dass viele nicht mehr da waren“, sagt Kubald. Es war doch gerade der Zusammenhalt, der ihn jahrelang stark fühlen ließ.
Die DDR-Vergangenheit abschütteln, das ging nicht
Vor der Wende hat es überall geknallt, wo Kubald war. Nicht nur im Stadion, auch in der Disco. Es reichte, wenn einer „falsch“ guckte. Und auch der Rassismus war schon da, wie Kubald heute weiß. „Die Kubaner in ihrem Wohnheim haben es zu spüren bekommen. Das war auch der Neid, dass die D-Mark gekriegt haben und die Mädels angebaggert haben. Da gab es jede Woche was.“
Nach der Wende blieb es im Stadion erst mal recht ruhig. Man freute sich auf Fußball im Westen. Aus Lok wurde wieder der VfB Leipzig, der erste deutsche Meister von 1903. Mit dem alten Namen hatte man in der DDR auch die Vergangenheit abschütteln wollen, aber das ging nicht. „Wenn wir zu den Auswärtsspielen in den Westen gefahren sind, waren auch die wieder da, die abgehauen waren. Wir waren ein Riesenhaufen. Das war ein gutes Gefühl“, sagt Kubald. Es knallte wieder. Der Baum mit den riesigen Händen schlägt auch wieder zu. Nach dem Relegationsspiel zur zweiten Liga geht 1992 Kubalds letzter Gegner zu Boden. Dann wendet er sich von der Gewalt ab, er hat Familie.
Bis 1998 in der zweiten Liga
Kubald engagiert sich beim VfB Leipzig. Er ist eine kleine Nummer. Dem Klub gelingt 1993 der Aufstieg in die Bundesliga, bis 1998 spielte Leipzig in der zweiten Liga. Aber Missmanagement führt über die Jahre zur Insolvenz und Auflösung des VfB. „Die Fehler hat der Verein gemacht“, sagt Kubald heute. „Wir hatten damals alle Möglichkeiten. Es wurde sehr viel Geld verbrannt.“
2004 kehrt der Verein als Lok Leipzig in den Fußball zurück. Von der untersten Liga aus startete Lok, an dessen Neugründung der zum Fanbeauftragten aufgestiegene Kubald entscheidenden Anteil hat, seine Renaissance. Auch das Erbe der DDR ließ sich nicht mehr so einfach beseitigen – und auch nicht die rechtsradikale Gesinnung, die sich schon vor der Wende breitmachte. Einmal stellten sich Lok-Fans im Stadion so auf, dass ein menschliches Hakenkreuz entsteht. Die NPD rückt immer näher an den Klub heran, unterwandert, agitiert.
Fußball in Leipzig definiert sich über Feindschaft
Dazu kommt die Gewalt, die sich zwischen den verfeindeten Klubs Lok und Sachsen Leipzig (ehemals Chemie Leipzig) seit Generationen entlädt. Fußball in Leipzig definiert sich auch über Feindschaft. Dazu kommt seit dieser Saison nun auch noch RB Leipzig. Der von Red Bull geführte und finanzierte Klub will in wenigen Jahren von der fünften Klasse in die Bundesliga aufsteigen – das nächste Feindbild für viele Fans, das kalte Kapital.
Die Hooligans betrachten Kubald als Verräter. Erst beschwichtigte er. Er war ja auch mal so, aber er konnte sich ändern. Aber spätestens nach schlimmen Ausschreitungen 2007 machte Kubald den Kampf gegen die rechte Gewalt zu seiner Sache. „Wir haben gedacht, wir können alle ins Boot kriegen. Das war ein Fehler“, sagt er heute. Kubald kennt sein Dilemma: Verharmlosen will er die Dinge nicht mehr, aber mit jedem Bericht über die braune Lok-Szene wird die Arbeit des Klubs an den Rand gedrängt, von der Reaktion der Sponsoren zu schweigen.
Red Bull ist kein rotes Tuch mehr
Im vergangenen Monat hat Lok Leipzig wieder an einer Anti-Rassismus-Initiative teilgenommen. Die Fans haben geholfen, das Stadion zu renovieren. Es gibt ein Plakat, das künstlerisch verfremdete Spieler und Spielerinnen aus dreizehn Nationen zeigt, die bei Lok aktiv sind. Es hängt auch im neuen Fan-Shop. Die Frauen-Mannschaft spielt um den Aufstieg in die Bundesliga. Die Nachwuchsarbeit ist ausgezeichnet. 16 Spieler aus dem Kader der ersten Mannschaft kommen aus der eigenen Jugend. Aber wenn ein NPD-Auto vor dem Stadion aufkreuzt, stellt für viele Medien alles wieder in den Schatten, sagt Kubald.
Von Ideologien ist der Lok-Präsident befreit. Er hat das Zeug zu einer Integrationsfigur, auch wenn sich manche in der Stadt an ihm reiben. Kubald kommt auch gut mit dem Sportdezernenten zurecht, der ist von der Linken. Mit der Polizei sowieso. Und auch Red Bull ist kein rotes Tuch mehr für ihn. „Manche Dinge im Leben kann man nicht ändern“, sagt Kubald, „das ist ein Staat im Staat.“ Und so denkt er über eine Kooperation mit diesem neuen Staat nach, wenn Red Bull bald in den Profifußball vorstoßen sollte. Junge Spieler könnten dann bei Lok rangeführt werden. „Warum sollte Leipzig nicht irgendwann zwei Profivereine haben?“ Seit dem Mauerfall ist es ihm nicht mehr fremd, in langen Zeiträumen zu denken. „In zwanzig Jahren“, sagt Kubald und macht eine Pause: „In zwanzig Jahren spielen wir in der zweiten Liga. Davon bin ich überzeugt.“
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |