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Stefan Reuter Was zählt, ist die Erinnerung

Von Stefan Reuter hat man lange nichts mehr gehört. Der Weltmeister von 1990 wartete vier Jahre lang auf seine zweite Chance im Profigeschäft. Zuletzt verkaufte er Fußballrasen. Nun ist er plötzlich Manager des FC Augsburg.

© dpa Vergrößern 2012: Stefan Reuter ist wieder deutscher Nationalspieler - im „Jahrhundertspiel“ gegen Italien

Als der FC Augsburg, Vorletzter der Fußball-Bundesliga, am Donnerstag den dritten Manager der Saison präsentierte, wusste er, worauf es ankam, um das in Wallung geratene Umfeld des Vereins zu besänftigen: auf Prominenz. Darum wurde in der Pressemitteilung mit der Überschrift „Stefan Reuter wird Geschäftsführer Sport“ vor allem herausgestellt, was der Neue einst als Spieler geleistet hatte: Welt- und Europameister war er, 69-maliger deutscher Nationalspieler. Auch die Vereine, für die er als Verteidiger auflief, fanden Erwähnung: 1. FC Nürnberg, Bayern München, Juventus Turin, Borussia Dortmund. Wenig indes war in der Augsburger Verlautbarung zu lesen vom Werdegang Reuters nach der Fußballerkarriere. Fast versteckt kam der Satz: „Er arbeitete bereits im Management von Borussia Dortmund und als Geschäftsführer des TSV 1860 München.“

Was zählt, ist die Erinnerung daran, dass Stefan Reuter einer der größeren deutschen Fußballer war. Damit kann man in Augsburg, das gerade erst sein zweites Bundesligajahr erlebt, punkten. Die Anhänger sind prominenzgläubig, sie haben vor dieser Saison sogar die Neuzugänge Andreas Ottl, weil er mal bei den Bayern spielte, Aristide Bancé, weil er für Mainz in einer Saison zehn Tore schoss, bevor er in den Arabischen Emiraten abtauchte, und Giovanni Sio, weil der VfL Wolfsburg vor einem Jahr sechs Millionen Euro für ihn ausgab, für die größten Stars der Vereinsgeschichte gehalten, die Glamour und mindestens einen Platz im gesicherten Tabellenmittelfeld zum FCA bringen würden.

Inzwischen sieht man die Verpflichtungen aus dem Sommer kritisch, sie sind alle nur Reservisten, und für den Verein ist der Abstiegskampf abermals Realität geworden, nur aussichtsloser diesmal. Zwei Manager hat die Saison bereits aus dem Amt gespült: zuerst nach 100 Amtstagen den nur mit Erfahrung aus dem Amateurbereich ausgestatteten Manfred Paula; vor Weihnachten dann, nach 75 Tagen, Jürgen Rollmann, der zwar mal Torwart in der Bundesliga war, aber beruflich zwischen Journalismus und Organisationstätigkeiten irrlichtert. Die Gründe für Rollmanns Entlassung liegen im Dunkeln, beide Seiten schweigen aus juristischen Gründen.

„Einmal Löwe, immer Löwe“

Und nun kommt Reuter. Als für den sportlichen Bereich zuständiger Manager. Er war so etwas schon einmal, drei Jahre lang, von 2006 bis 2009, beim TSV 1860 München in der zweiten Liga. Eine Empfehlung war diese Zeit nur bedingt. Als positiv bewertet wurde, dass er ehemalige „Löwen“-Akteure wie die Nationalspieler Daniel Bierofka und Benjamin Lauth zurückholte. Einen Fehlgriff leistete er sich mit dem Österreicher Walter Schachner als Trainer. Nach einem Tag als 1860-Manager hatte er ihn eingestellt - unter Schachner geriet der Klub in den Abstiegskampf.

Stefan Reuter © dpa Vergrößern Neuer Manager in Augsburg: Stefan Reuter

Beteiligt war Stefan Reuter am Verkauf der Anteile, die die Sechziger zunächst an der Allianz Arena hielten, an den FC Bayern. Es gibt beim TSV 1860 immer noch Leute, die Reuter und Stefan Ziffzer, der früher für die Kirch-Gruppe arbeitete und während Reuters Managerzeit für den wirtschaftlichen Teil des „Löwen“-Managements zuständig war, für rote U-Boote halten. Nach dem Geschmack vieler Fans hatte sich Stefan Reuter, der ehemalige FC Bayern-Spieler, auch zu plump-anbiedernd eingeführt als Manager bei den Blauen. „Einmal Löwe, immer Löwe“, bemühte Reuter am ersten Dienst-Tag den Slogan, den zu zitieren das Vorrecht der über Jahrzehnte loyalen Anhängerschaft ist.

Sportlich stagnierte 1860 unter Reuter, es lief nicht besser oder schlechter als vor oder nach ihm. Im Februar 2009 wurde er nach der üblichen Niederlagenserie des Teams zu Rückrundenbeginn beurlaubt, auf ihn folgte der undurchsichtige Miroslav Stevic, der auch schon wieder Vergangenheit ist. Was Reuter betraf, hatten die drei Jahre beim Münchner Traditionsverein aber nicht als Empfehlung ausgereicht, um ihm einen Job bei einem anderen Klub einzubringen. Stefan Reuter verschwand aus der Öffentlichkeit, gelegentlich sah man ihn - fülliger geworden - bei Benefiz- und Nostalgiespielen. Es schien ihm zu ergehen wie vielen Gefährten aus dem Weltmeister-Jahrgang 1990: Eine tragende Rolle im Profifußballgeschäft war nicht vorgesehen, lediglich Jürgen Klinsmann und Rudi Völler schafften den dauerhaften Übergang in eine zweite Karriere in ihrem Sport.

Reisen als „Rasenflüsterer“

Reuter arbeitete nach seinem Ausscheiden beim TSV 1860 in der Sportmarketingagentur von Marcus Höfl, zu deren Klienten Franz Beckenbauer und Maria Höfl-Riesch zählen. „Durch Marcus“, sagt er, „ist mein Kontakt zur Münchner Agentur mm sports entstanden“. Zu deren Kunden zählt die Firma Desso Systems, die neuartige Spielfelder verkauft, Naturrasen gemischt mit Kunstfasern. Reuter reiste als „Rasenflüsterer“ durch die Lande, der VfL Wolfsburg war der erste Abnehmer. Bei seinen Auftritten schwärmte der Verkäufer Reuter „vom Produkt, das sich durchsetzen wird“. Er wirkte wie sein 1990er-Kollege Guido Buchwald, der auf Messen einen Getränkekonzern repräsentiert und lieber Trainer oder Sportdirektor bei einem Bundesligaklub wäre, aber über das Hobby Stuttgarter Kickers nicht hinauskommt.

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Fast vier Jahre hat Stefan Reuter auf seine zweite Chance warten müssen. Er wollte eigentlich mit der Bekanntgabe bis 2. Januar warten, hat nun aber doch über die Feiertage angefangen. „Ich bleibe Gesellschafter bei mm sports, aber aus dem operativen Geschäft ziehe ich mich zurück, Manager beim FCA ist ein Fulltime-Job.“ Er kündigt an, „nah bei der Mannschaft zu sein und mit auf dem Trainingsplatz zu stehen“.

Einige FCA-Fans sind verhalten begeistert von der Personalie Reuter, sie empfinden seine „blaue Vergangenheit“ als störend. Helfen wird Reuter indes eine freundliche Bewertung von Andreas Rettig, der sechs Jahre Manager des FC Augsburg war, ehe er zur Deutschen Fußball Liga wechselte. Rettig sagte in der „Augsburger Allgemeine“, er könne seinem früheren Verein nur gratulieren: „Reuter ist ein sehr kompetenter Mann und genießt im Kollegenkreis ein hohes Ansehen.“

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 29.12.2012, 19:20 Uhr

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