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Start ins EM-Jahr Nationalteam als Großbaustelle

04.02.2008 ·  Verletzungen, Formkrisen, Zeitmangel: Beim Start ins EM-Jahr ist die deutsche Mannschaft eine Elf der Fragezeichen. Bundestrainer Joachim Löw muss ein Teil der Philosophie, die er einst mit Klinsmann durchgeboxt hatte, aufgegeben.

Von Michael Ashelm
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Wenn sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) auf das bevorstehende Fußballjahr einstimmt, dann fliegen schon mal die Fetzen. Nicht, dass in der Frankfurter Verbandszentrale der große Streit zwischen den Funktionären ausgebrochen ist. Nein, es geht um das Erscheinungsbild der Nationalmannschaft, welche im Hinblick auf die Europameisterschaft einen kraftvollen Eindruck vermitteln soll. Bei einer Veranstaltung des DFB war also etwas zu sehen von diesem schönen deutschen Fußballtraum, umgesetzt in einem rasant geschnittenen Kurzfilm, untermalt von rockigen Beats, mit einer deutschen Elf im Spielrausch - aggressiv und gefährlich, schnell kombinierend, erfolgreich durch wuchtige Schüsse und Torserien.

Wer würde das nicht gern auch im Sommer auf dem Platz umgesetzt sehen. Als allerdings Joachim Löw später zu Wort kam und die Gesamtlage einzuschätzen versuchte, verloren die Best-of-Szenen vergangener Spiele schnell an Wirkungskraft. Der Bundestrainer gab sich weniger angriffslustig, sondern warnte vor dem "schwierigsten Turnier der Welt". Er relativierte die Aussichten der eigenen Mannschaft und sprach selbst von "Fragezeichen".

Ursprüngliche Absicht nicht umsetzbar

Die Realität zwingt den Bundestrainer zur Zurückhaltung. Vier Monate vor dem Start des Turniers befindet sich die Nationalelf in heikler Lage, und man muss feststellen, dass nach dem WM-Höhenflug unter Klinsmann und der erfolgreichen Nachfolgezeit mit Löw die Situation nie schwieriger war als heute. An diesem Mittwoch in Wien gegen die Auswahl Österreichs (Siehe auch: FAZ.NET-Liveticker) beginnt die Mission in ein Fußballjahr mit Europameisterschaft - und fest steht schon jetzt, dass der Bundestrainer seine ursprüngliche Absicht nicht mehr umsetzen kann, rund um den Stamm aus erfahrenen Kräften eine Mannschaft aufzubauen und zu entwickeln, die, fein abgestimmt, als taktisch homogenes Gebilde beim Turnier in der Schweiz und Österreich noch einmal auf einem höheren Niveau wirken könnte, als man es bei der Weltmeisterschaft in Deutschland gesehen hatte.

Dies war eigentlich Löws Ziel, als er im Sommer 2006 antrat. Doch eine nicht enden wollende Verletzungsserie, pausierende, angeschlagene oder in ihren Vereinen zu Reservisten verdammte Nationalspieler stören nun das Bild einer zu allem bereiten deutschen Nationalelf. Beim überzeugend starken 2:1-Sieg in Tschechien im März vergangenen Jahres kam die Nationalmannschaft zuletzt ihrem Optimalzustand am nächsten. Ein knappes Jahr später sieht alles anders aus, nimmt man Löws Team eher als Großbaustelle wahr.

Zumindest für Ballack geht es aufwärts

Eine Mannschaft der vielen Fragezeichen: Lehmann, der am Samstag beim 3:1-Sieg von Arsenal gegen Manchester City mal wieder im Tor stand, Metzelder, Jansen, Schneider, Frings, Schweinsteiger, Kuranyi, Podolski, Fritz, Kehl, Odonkor, Pander und Arne Friedrich ringen derzeit aus unterschiedlichen Gründen um Form, Anschluss oder nach Rückschlägen einfach nur um ihr altes Selbstbewusstsein.

Für Kapitän Michael Ballack geht es nach einer langen Pause beim FC Chelsea wieder aufwärts. Er könnte elf Monate nach seinem letzten Länderspieleinsatz am Mittwoch in Wien wieder für Deutschland auflaufen, wenn der Körper denn mitmacht. Gefragt nach den Möglichkeiten der Nationalelf, stellt der Kapitän Mängel fest, resultierend aus den vielen Umstellungen innerhalb des Teams. Sein Blick geht schon über die EM hinaus, als würde er sich in diesem Sommer nicht mehr viel ausrechnen. "2010, bei der WM in Südafrika, da hoffe ich, dass sich die Spieler entsprechend entwickelt haben, dass man mit Frankreich oder Italien auch individuell den Vergleich nicht scheuen muss", sagte Ballack gegenüber der Deutschen Presseagentur.

Auftrieb für Matthäus und Co.

Die neuen Unsicherheiten könnten für die Verantwortlichen der Nationalmannschaft einen störenden Nebeneffekt in der Vorbereitung auf die EM haben. Möglich, dass sie denjenigen wieder Auftrieb geben, die gern mal wie Matthäus und Co. die Arbeit in Frage stellen und grundsätzlich am Leistungsvermögen der Mannschaft zweifeln. Wie sensibel auch das Publikum inzwischen wieder auf nicht zufriedenstellende Darbietungen reagiert, zeigte sich beim letzten Qualifikationsspiel im November gegen Wales, als die Nationalelf beim 0:0 in Frankfurt ausgepfiffen worden war.

Ein paar Altvordere aus dem Torhütergewerbe haben sich derzeit an Jens Lehmann festgebissen, der bei seinem Verein Arsenal London zum Ersatzmann degradiert worden ist. Ändert sich an seinem Status einer Aushilfe nichts, wird ihm nicht zugetraut, dem Druck eines Turniers standzuhalten.

„Wir machen nicht nur Frauenfußball“

Beim DFB versucht man die Bedenken rund um die Nationalelf erst einmal zu zerstreuen, so unvollkommen sich derzeit die EM-Unternehmung in personellen Belangen auch darstellt. Die Europameisterschaft soll aus Sicht des Verbandes ein weiterer großer Schritt sein zur Stärkung der sportlichen und wirtschaftlichen Position. Dafür wurde diese Woche der Blick geschärft. "Die Nationalmannschaft ist Nummer eins, Nummer zwei und Nummer drei im Verband. Das hat niemand vergessen. Wir machen nicht nur Frauenfußball", sagte der neue Generalsekretär Wolfgang Niersbach in Anspielung auf die vielen anderen Vorhaben des DFB.

Die Verantwortlichen kaprizieren sich auf einen Masterplan, der den sportlichen Ausfällen zum Trotz das EM-Projekt auf Kurs halten soll. Niersbach lobte in diesem Zusammenhang die Mannschaftsleitung und bestätigte ihr "Akribie" in der Arbeit. Und der Bundestrainer versprach, sich mit der Mannschaft wenigstens "europameisterlich" vorbereiten zu wollen - egal, was am Ende herausspringt. Doch selbst die seit Klinsmann-Zeiten hochgelobte Organisation beim Nationalteam hat diesmal ihre Tücken.

„Die Trainer sehen die Zeit schwinden“

Vier Vorbereitungsspiele bleiben bis zum Turnierbeginn, im Vergleich zur WM ist die Mannschaft fast eine Woche weniger zusammen, und wenn sich getroffen wird, dann gibt es andere Zwänge. Ein Beispiel: Statt zum gemeinsamen Training treten die Nationalspieler an diesem Montagvormittag für einen Werbespot des Generalsponsors Mercedes-Benz an. "Die Trainer sehen die Zeit schwinden für ihre Arbeit", stellte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, auch zuständig für die Sponsorentermine, entschuldigend fest.

Um noch ein paar mehr Praxisübungen herauszuschlagen, hat sich die Mannschaftsleitung dazu entschlossen, feste Einrichtungen zu opfern. Gastvorträge zur Motivation oder Reflexion der Spieler und Maßnahmen zur Teambildung würden erst einmal zur Seite geschoben, so Bierhoff. Löw überraschte Anfang der Woche gar mit der Ankündigung, dass auch die eingeführten Fitnesstests aus Zeitgründen nicht fortgeführt werden könnten und dafür einer der Mannschaftsärzte verfügbares Datenmaterial über die Spieler bei den Vereinen sammeln werde.

Der Bundestrainer wirkte nicht glücklich, als er darüber berichtete. Denn ein Teil der ursprünglichen Philosophie, die er einst zusammen mit Klinsmann und Bierhoff gegen viele Widerstände durchgeboxt hatte, wird damit aufgegeben. Die Frage nach den Konsequenzen beantwortete er dann so: "Die Spieler sind angehalten, noch eigenverantwortlicher zu handeln." Einstweilen wäre Löw schon weitergeholfen, wenn Aussicht bestünde, dass ein paar seiner Schlüsselspieler auf den Platz zurückkehrten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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