11.03.2004 · München rümpft die Nase. In der Geschäftsstelle des TSV 1860 herrscht Starre, seit der Präsident in Haft ist. Eingeschworene Fans dagegen feiern die neue „Freiheit“.
Von Hans-Joachim LeyenbergMan kann wirklich nicht behaupten, daß die Stadt mit Herz über Nacht zur Stadt mit Schmerz geworden wäre. Mit einer gewissen Bärbeißigkeit wird in München die Affäre Wildmoser zur Kenntnis genommen. Den Kioskbesitzer, gefragt nach dem Weg zum Trainingsgelände der "Sechziger", drängt es zu einem Nachsatz: "Wenn sie nicht alle verhaftet haben, finden sie da noch ein paar Leute." Im Bayerischen Rundfunk gefällt sich der Moderator mit Anspielungen: "Die Allianz Arena heißt so, weil es sich um eine Allianz zwischen Bayern und Österreich handelt". Ein gezielter Hinweis aus dem Funkhaus auf Auftraggeber und Baufirma.
An der Grünwalder Straße, der Geschäftsstelle der "Löwen", ist nichts mehr so, wie es einmal war. Und zwar seit dem Vormittag, als Ermittlungsbeamte des Landeskriminalamtes zu Besuch waren. "Zutritt nur für Mitarbeiter und Spieler des TSV 1860 München" steht zwar an der Tür, aber diese Männer ließen sich nicht abweisen, kamen um 11.39 Uhr in Begleitung von Wildmoser junior hinaus.
Um Kommentare gebeten, gleicht die Tonlage der Verbliebenen so, als speisten sie Hausierer mit einem Standardsatz ab. Wir geben nichts wird ersetzt durch wir sagen nichts. Schon gar nicht die Profis auf dem Weg zurück vom Training. Wahrscheinlich gäbe Trainer Falko Götz was darum, wenn er vor dem Bundesliga-Spiel am Sonntag beim VfB Stuttgart irgendwo ins Trainingslager gehen könnte. Nur weit genug fort von diesen Münchner G'schichten.
„Er ist noch mein Präsident“
Die Christl, die Wirtin vom heimeligen "Löwenstüberl" gegenüber dem dreistöckigen Geschäftsstellen-Neubau, wo das Licht im Büro noch zur Champions-League-Zeit brennt, ist eine treue, standhafte Seele: "Er ist immer noch mein Präsident", sagt sie in die Mikrophone. Das ist zumindest sachlich korrekt.
Ein paar Kilometer weiter, gegenüber dem Grünwalder Stadion, der einstigen Herzkammer des Vereins, herrscht Jubel, Trubel, Heiterkeit. Die "Freunde des Sechz'ger Stadions" treffen sich hier, junge Leute, die nur etwa halb so alt sind wie die Stammgäste im "Löwenstüberl". Vor dem "Poldi's" prosten sich jene zu, die drinnen keinen Platz mehr finden. "Wildmoser rein", lautet der Schlachtruf der Stunde. "Wildmoser raus" hatte es geheißen, solange sie das Gefühl hatten, gegen diesen Patriarchen, den sie für einen Oligarchen halten, nicht anzukommen.
Vor den Fernsehkameras erzählen sie mit dem größten Vergnügen, was sie Wildmoser senior vorwerfen: Er sei das Symbol der Annäherung an den FC Bayern. Aus dem Traditionsverein, dem Arbeiterklub, habe er die Umwandlung des TSV 1860 in eine Art FC Bayern light betrieben. Traditionalisten, die sich dem Trend entgegenstemmten, habe er wegen vereinsschädigenden Verhaltens verfolgt. Dabei hätten sie sich doch nur für den Verbleib im Grünwalder Stadion stark gemacht, nicht in ein gemeinsames Haus mit dem FC Bayern ziehen wollen. Deshalb seien viele nicht mehr ins Stadion gegangen, als der Umzug ins Olympiastadion vollzogen war.
Auch deswegen sei der Zuschauerschnitt von 40 000 auf 25 000 abgesackt. Erst wurde das Team bei Auswärtsspielen demonstrativ unterstützt, aber auch da ließ der Elan nach. Als kleine Liebe blieben die Amateure des TSV, die immer noch in der Kultstätte Grünwalder Stadion dem Ball nachrennen, wo einst "Radi" Radenkovic oder Rudi Brunnenmeier zu alternativen Idolen der damaligen Helden der Bayern wurden.
Die neue „Freiheit“
"Am geilsten wäre, wenn die Bayern nichts mehr mit uns zu tun haben wollten", malt sich einer seine Vision von der nahen, rosigen Zukunft aus. "Sechzig lebt wieder, der TSV ist wieder frei", erschallt es drinnen und draußen vor der Tür des "Poldi's". In dieser "Premiere Sports Bar" werden auf dem Bildschirm gerade Szenen von der Partie Dortmund gegen Stuttgart vom letzten Bundesliga-Wochenende wiederholt. Dabei sehnen sie hier Bilder des dritten Programms herbei mit Neuigkeiten von der Staatsanwaltschaft.
Ausgerechnet an dem Tag, als Wildmoser verhaftet wurde, ist der Sendekanal umgestellt worden. Es dauert, bis er auf einem Sonderkanal gefunden wird. Das Hintergrundbild für die neuesten heißen Nachrichten wird mit großem Hallo registriert. Die Fotomontage zeigt Karl-Heinz Wildmoser hinter Gittern. "Ruhe!", brüllt einer derer, die sich um den Fernseher scharen. Was sie zu hören bekommen, sorgt hier "für eine Stimmung wie nach dem letzten Sieg gegen Bayern".
Die war schon im "Löwen-Forum" nachzulesen, nachdem die erste Meldung mit den brisanten Neuigkeiten via Internet nachzulesen war. Einer mit Schlips und Kragen im "Poldi's" spricht von "persönlicher Genugtuung". Für die Busfahrt am Sonntag nach Stuttgart braucht er nicht groß zu trommeln. "Es werden wahnsinnig viele Leute kommen, die seit Jahren nicht mehr im Stadion waren", versichert einer der Wortführer und Meinungsmacher hier. Der sonntägliche Spieltermin für Fans, die sich im Team "Weiß-Blau-Sechzigerstadion" gesucht und gefunden haben, ist angesichts der Dringlichkeit der Stuttgarter Mission vorverlegt worden.
"So ein Tag, so wunderschön wie heute", inbrünstig im "Poldi's geschmettert, paßt so gar nicht zur dezenten Klubstarre, die rund um die Geschäftsstelle vorherrscht. Sie war vorübergehend geschlossen, das Gittertor vor dem Areal ist wieder geöffnet, im dritten Stock der Geschäftsstelle wird nach wie vor getagt und der patenten Christl kommt kein böses Wort über die Lippen. Aber in München wollen so manche es plötzlich ja schon immer gewußt haben, daß es rund um die Allianz Arena im Ortsteil Fröttmaning zum Himmel stinkt. Wegen der wachsenden Müllberge dahinter und der Kläranlage nebenan. Jetzt ist noch der Geruch von Korruption hinzugekommen. München rümpft die Nase.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |