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Stadien mit Seele Von der Arena zur Unterhaltungsmaschine

19.11.2010 ·  Ob für Fußball-Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele, überall werden Stadien gebaut. Weltweit buhlen große Architektenbüros mit ihren Konzepten um die besten Aufträge. Eine Gemeinsamkeit gibt es: Es soll einfach schön aussehen.

Von Roland Zorn, Zürich
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Südafrika war gestern, Brasilien ist morgen, und die Karawane ist längst weitergezogen. Die großen Stadienbauer dieser Welt sind schon da, wenn Olympische Spiele oder eine künftige Fußball-Weltmeisterschaft noch nicht einmal dabei sind, global sichtbare Konturen anzunehmen. Zehn Planer des Berliner Architekturbüros gmp und Partner sind gleich nach dem Abpfiff der vergangenen WM am Kap der Guten Hoffnung nach Südamerika weitergeflogen, um den Umbau oder Neubau von vier Weltmeisterschaftsarenen bei den Titelkämpfen 2018 in die Wege leiten zu helfen: Die Abgesandten des 1965 von Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg gegründeten Unternehmens begleiten und beaufsichtigen in Brasilia (Nationalstadion), Belo Horizonte (Mineirão-Stadion) und Manaus (Amazonas-Stadion) die Errichtung komplett renovierter oder ganz neuer Arenen, die zu neuen Wahrzeichen ihrer Städte werden sollen. So wie das zuletzt in Südafrika in den gmp-Stadien von Port Elizabeth, Kapstadt und Durban der Fall war.

Markus Pfisterer, stellvertretender Direktor und einer der Chefplaner der weltweit tätigen Firma, nennt einen der Gründe, warum sein Haus der kreativen Köpfe eine gesuchte Adresse für die Errichtung der modernen Monumente des Sports geworden ist. „Wir versuchen, so einfach, effektiv und kostenbewusst wie möglich zu bauen.“ Die Berliner Architekten sind seit dem Jahr 2000, als die WM 2006 an Deutschland vergeben wurde, zu Stars ihrer Szene aufgestiegen. Der rund 430 Millionen Euro teure Umbau des Berliner Olympiastadions, die WM-Arenen von Köln und Frankfurt mit dem schließbaren Stadiondach wurden dort konzipiert und in Abstimmung mit den Bauherren realisiert. Seitdem spielt gmp bei den Großereignissen des Fußballs mit, so auch bei der kommenden Europameisterschaft in Polen und der Ukraine mit der Leichtbau-Konstruktion der Nationalstadien in Warschau und Kiew.

Pfisterer war vor kurzem ein gefragter Gast bei der International Football Arena in Zürich, auf einem Symposion, bei dem er und die Vertreter von zwei anderen renommierten Architekturbüros über die Zukunft der Fußballstadien sprachen. Angus Campbell von Foster and Partners - die unter anderem das sündhaft teure neue Wembley-Stadion (rund 870 Millionen Euro) zu einer Londoner Ikone machten - war dabei, ebenso John Barrow, einer der Chefs des englischen Unternehmens Populous, das die Olympiastadien in London (Sommer 2012) und Sotschi (Winter 2014) entworfen hat.

Die Seele verloren

Die beiden Briten vor allem ließen ihrer Phantasie freien Raum. Sie glauben, die weißen Elefanten besiegen zu können, also auch jenen Großarenen zu einem Leben nach Olympischen Spielen oder Fußball-Weltmeisterschaften zu verhelfen, die jetzt noch ungenutzt im Raum stehen. Das von Architekturkritikern gepriesene Pekinger Olympiastadion, auch als Vogelnest bekannt, leer stehen zu sehen, stimmt Campbell traurig: „Das Stadion“, sagt er, „hat seine Seele verloren.“ Er und Barrow sind davon überzeugt, dass moderne Stadien jederzeit umgebaut und damit veränderten Bedürfnissen angepasst werden können. „Wie viel von dem Stadion möchten sie behalten?“, fragt Barrow seine Kunden schon mal mit dem Blick auf die Nachnutzung etwa des Londoner Olympiastadions für 80.000 Zuschauer, das später der Premier-League-Klub West Ham United in ein Fußballstadion umwandeln will mit einer Kapazität bis zu 60.000 Besucher.

„Die multifunktionalen Stadien von heute“, sagt Barrow als Vertreter eines Hauses, das auf vier Kontinenten und an elf Standorten vertreten ist, „sind inzwischen eher Unterhaltungsmaschinen als architektonische Monumente.“ Kollege Campbell aus dem Haus des britischen Stararchitekten Norman Forster missfällt, dass „sich inzwischen zu viele Fußballstadien zu sehr ähneln“. Wembley dagegen, mit 90.000 Sitzplätzen Europas zweitgrößte Arena, sei auch in seiner neuen Form mit dem 133 Meter hohen Triumphbogen über der Arena und dem verschiebbaren Dach unverwechselbar und eine Londoner Sehenswürdigkeit.

„Einfachheit hat Größe“

Einen ähnlich großen Wurf planen Foster and Partners bei der Restaurierung des Nou-Camp-Stadions von Barcelona - falls sie noch dazu kommen, den von Joan Laporta, dem früheren Präsidenten des FC Barcelona, gewünschten Entwurf für 106.000 Zuschauer wie geplant in die Tat umzusetzen. Inzwischen regiert Sandro Rosell die riesengroße Barça-Familie mit 160.000 Vereinsmitgliedern. Der neue Chef gilt im Gegensatz zum verschwenderischen Laporta als eher sparsam - ob er den großen Umbau wie geplant in die Tat umsetzen lässt mit einer Stadionaußenhaut in den blau-roten Vereinsfarben, die sich mit dem Gelb-Rot Kataloniens mischen, scheint noch nicht sicher.

Die Männer vom Bau bei gmp reizen solch pompöse Applikationen weniger. Sie setzen auf klares Design, einfach anmutende, aber raffinierte Bauwerke und vor allem auf luftig und leicht konstruierte, möglichst verschließbare Dächer mit hellen Membranen - wie zum Beispiel in Frankfurt oder demnächst in Warschau. „Einfachheit hat Größe“, lautet Pfisterers Credo. Sie hat aber auch ihren Preis, wenn die Stadien am Ende einfach schön aussehen sollen.

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