Es geht nur ums Geld. „Es gibt nur ein Motiv, Fußballspiele zu verschieben“, hat Marijo Cvrtak gesagt. „Ein Motiv. Geld.“ Es hat sie alle angetrieben. Die Spieler in den Zockerbuden. Die Spieler auf dem Fußballplatz. Selbst jetzt, da aus Spielern Angeklagte geworden sind, geht es nur um eines: Geld. Verhandlungspause am Bochumer Landgericht. Ein kurzes Gespräch mit dem Angeklagten? „Kein Problem. Machen wir alles. Reportage, Buch, kein Problem. Nach dem Prozess verhandeln wir den Preis.“ Damit kein Missverständnis entsteht: Das sagt nicht der Angeklagte, der mutmaßliche Wettmanipulator, der Mann, der zugibt, Fußballspieler bestochen zu haben, damit ihm seine Wetten Geld bringen. Für ihn antwortet - ja, wer eigentlich? Sein Freund? Sein Berater? „Wer sind Sie eigentlich?“ „Machen wir alles später.“ Schneller Abgang. Wettbetrug ist ein Geschäft, für viele, selbst im Gerichtssaal. Das Geld treibt sie an.
Noch läuft der erste Prozess am Bochumer Landgericht, im Februar, spätestens im März dürften die ersten Urteile gesprochen werden gegen die geständigen Nürettin G. und Tuna A. Beide sind professionelle Zocker, die häufig große Summen gesetzt haben, deren Zeit im Interesse der Öffentlichkeit aber spätestens mit den Urteilssprüchen abläuft, denn dann haben endgültig andere Konjunktur. Am 24. Februar beginnt der zweite Prozess, gegen Ante Sapina, Marijo Cvrtak und vier weitere Zocker, gegen die „Champions League” des Geschäfts mit den verschobenen Spielen, von der Ankläger Andreas Bachmann spricht. Die Aufmerksamkeit haben sie schon jetzt.
Immer neue Details über mutmaßlich manipulierte Spiele werden bekannt, beim FC St. Pauli sollen im Zweitligajahr 2008 bis zu sechs Spiele verschoben werden, inzwischen ist auch ein Champions-League-Spiel verdächtig, das WM-Qualifikationsspiel zwischen Liechtenstein und Finnland 2009 sowieso, Europa League, Spiele in der Türkei, Österreich, der Schweiz, Deutschland. Fortsetzung folgt spätestens im Prozess. Mit Sicherheit. Der Wettbetrug wird weiter Konjunktur haben, die Schlagzeilen werden groß bleiben.
Zwanzig Mark im Umschlag nach Irland - so ging es los
Dabei hatte Ante Sapina mal ganz klein angefangen, wie er bei seiner Vernehmung als Zeuge im ersten Bochumer Prozess erzählt. „Zwanzig, dreißig Mark habe ich im Briefumschlag nach Irland geschickt als Schüler. Da konnte man in Deutschland noch gar nicht wetten.“ Irgendwann aber konnte man - und Sapina kannte sich aus. „Ich habe nachgeschaut, ob Kobe Bryant bei den Los Angeles Lakers verletzt ist. Konnte er nicht spielen, habe ich gegen die Lakers gesetzt und gewonnen, weil die Wettbüros ihre Quoten nicht angepasst haben. Damals habe ich sehr oft gewonnen, es war auf Dauer nicht allzu schwer, im Vorteil zu sein.“ 2004 dann kam die Hoyzer-Geschichte, Sapina hatte den jungen DFB-Schiedsrichter Robert Hoyzer in der Tasche, der Betrug flog auf, der Aufschrei war groß. Wettbetrug in Deutschland, so kurz vor der WM.
Sapina wurde zu zwei Jahren und elf Monaten Gefängnis verurteilt und ging - nicht ins Gefängnis. Offener Vollzug, „im Wesentlichen war ich auf freiem Fuß“, sagt er. Auf freiem Fuß - und eine Berühmtheit in der Szene. Jetzt, im Jahr 2006, kommen die Zocker zu Sapina, wollen mit ihm sprechen, Tipps haben. Und nicht nur die Zocker kommen. Auch die Wettanbieter. Sapina bekommt Kontakt zu „Samvo“, Buchmachern aus London, Spezialgebiet der asiatische Wettmarkt mit seinen unendlichen Möglichkeiten und besten Quoten. „Ich habe mich drei-, viermal mit Mitarbeitern von Samvo getroffen. Mir wurde gesagt, wenn ich offenlege, wo manipuliert wird, könne ich größere Summen setzen.“ Genau das interessiert Sapina: Geld. Mehr Geld, größere Gewinnchancen. Er will mehr setzen, kommt schließlich pro Monat auf rund eine Million Euro. Die Buchmacher sind im Bilde, er hat mit ihnen einen Code verabredet, an dem sie seine Beeinflussung erkennen. Fehlgriffe nicht ausgeschlossen: „Ein Spiel kann man nicht hundertprozentig manipulieren.“
Manchmal ist er sich dann selbst nicht ganz sicher, am 5. November 2009 spielt ZSKA Sofia in der Europa League beim FC Basel, der Ukrainer Oleg Oriekhov pfeift. Sapina hatte ihn vorher in Kiew getroffen, sein Bruder Filip hatte den Kontakt hergestellt. Dreißig- bis fünfzigtausend Euro soll Oriekhov bekommen, wenn in der zweiten Hälfte zwei Tore fallen. Fünf Minuten vor der Pause pfeift Oriekhov Elfmeter, 2:0 für Basel. Ist der Schiedsrichter wirklich im Boot, bereit, in der zweiten Hälfte im Ernstfall noch zwei weitere Elfmeter zu pfeifen?
„Ich war ein bisschen verunsichert“, sagt Sapina, und man muss ihn sich wie einen zweifelnden Finanzjongleur vorstellen, denn genau das ist er. Soll er jetzt wirklich setzen? Er kann den Schiedsrichter in der Pause nicht erreichen, und sein ukrainischer Kontaktmann will nichts setzen. Was also? Setzen? Die Gier siegt. Sapina setzt. In der zweiten Hälfte fallen zwei Tore, ohne Elfmeter, das Spiel ist gemacht. Aber hat Oriekhov entsprechend der Absprache gepfiffen? Sapina behauptet, es bis heute nicht sicher zu wissen.
Nicht mehr zocken? Für manchen Fußballspieler ist das ein Problem
Aber das System funktioniert, und es funktioniert, vor allem im Vergleich mit anderen Sparten der organisierten Kriminalität, ziemlich gewaltlos. Wenn es eine rücksichtslos brutale Wettmafia gibt, das dürfte feststehen, dann war es nicht diese. „Gewalt spielt nach unseren Erkenntnissen so gut wie nie eine Rolle“, sagen die Bochumer Ermittler. Warum auch? Das System lief ja wie geschmiert. Ein paar A-Jugendlichen aus Bielefeld machen verbale Drohungen Angst, aber wenn psychischer Druck nicht weiterhilft, wird ein Spieler fallengelassen. Denn erstens würde tatsächliche Gewalt unerwünschte Aufmerksamkeit bringen, und zweitens kann ein Fußballspieler, wenn er bei den Paten unten durch ist, auch nichts mehr setzen. Für manch einen, das ist eine weitere Erkenntnis der bisherigen Bochumer Verhandlungstage, ist das ein Problem.
In den Verhandlungspausen erzählen sich die Journalisten in Bochum Schnurren von den Zock-Gewohnheiten verdienter Nationalspieler. Anfang Januar hat der geständige frühere St.-Pauli-Stürmer René Schnitzler dem „Stern“ erzählt, nach seiner Erfahrung zockten 70 bis 80 Prozent der Fußballspieler. Warum auch nicht? Der Alltag zwischen Trainingsplatz und Punktspiel ist eher monoton, das Geld steht zur Verfügung, und die Erkenntnisse der modernen Trainingswissenschaft haben den früher gern genommenen Freizeitbegleiter Alkohol weitgehend verbannt. Johnny Walker ist gegangen, das Wettbüro aber ist den Fußballspielern geblieben. Dutzendfach nicht nur in jeder Großstadt, dazu kommen illegale Casinos in ganz Deutschland.
Zudem gilt auch für Fußballspieler aller Klassen: Besser als Geld ist mehr Geld. Und wer alles verspielt hat, muss sehen, wie die Schulden ausgeglichen werden. Die Wettpaten sind da kulant, denn das nächste Punkt- oder Pokalspiel kommt bestimmt. Und doch bleiben etliche der inkriminierten Fußballspieler, von der Oberliga bis zum Profifußball standhaft bei ihrer Version, zwar Geld angenommen, aber nie Spiele verschoben zu haben. Kaum zu glauben. In der Schweiz zum Beispiel gab es Spieler mit so guten Beziehungen zur Wettbranche, dass ihren Geschäften selbst Vereinswechsel nicht im Weg standen. Neuer Klub, altes Glück.
Wo ist das Geld geblieben?
Inzwischen haben die Bochumer Ermittlungen auch im Ausland Verfahren angestoßen, in der Schweiz und der Türkei sind Ermittlungsverfahren in Gang gekommen. Wirklich interessant aber ist die Frage, wo der Treibstoff der Zocker, wo das Geld eigentlich geblieben ist. Schon nach dem Hoyzer-Verfahren fiel es Sapina leicht, die 1,8 Millionen Euro Schadensersatz zu erbringen, die er der Deutschen Klassenlotterie zu leisten hatte. Und nun? Ist kein Geld mehr da, behaupten Sapina und Kompagnon Marijo Cvrtak. „Mal gewinnt man, mal verliert man.“ Die Bochumer Ermittler vermuten 2,8 Millionen Euro Gewinn, doch die Gewinne sind im Ausland, womöglich auf Unterkonten verteilt in Asien. Rechtshilfeersuchen laufen, der Zugriff auf das Geld bleibt schwierig.
Ein weiteres Problem: Bis jetzt ist auch völlig unklar, wer in diesem Geschäft noch aktiv ist. Marijo Cvrtak hat bei seiner Vernehmung als Zeuge in Bochum von kroatischen Betrügern gesprochen, Ante Sapina im Zusammenhang mit dem belgischen Klub Royal Namur von „Italienern“. Zu einer gewissen Bekanntheit ist durch Interviews inzwischen auch der Niederländer Paul Rooij gelangt, mit dem Cvrtak zusammengearbeitet haben will, gegen den nach bisherigen Erkenntnissen aber kein Ermittlungsverfahren läuft. Sapina wiederum war irgendwann aufgefallen, dass der Malaie William Bee Wah Lim von Frankfurt aus die höchsten Einsätze tätigen konnte, und suchte den Kontakt zu ihm über den gemeinsamen Bekannten Kristian S., dem in Bochum derzeit ebenfalls der Prozess gemacht wird. Getroffen haben will Sapina den Asiaten nie. Lim wurde 2007 in Frankfurt zu zwei Jahren und fünf Monate Haft verurteilt, später auf freien Fuß gesetzt. Er ist untergetaucht. Zudem gelten Fußball-Ligen in Griechenland und der Türkei als stark manipuliert, und es sei, so heißt es bei Ermittlern, „grotesk anzunehmen, eine Liga wie in Italien sei frei von Manipulationen. Das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand.“
Die Welt der Wettpaten ist weit, Platz ist für kleinkriminelle Ostwestfalen genauso wie für Betrüger vom Balkan und Paten in Italien. Allen geht es um das größte Stück vom Kuchen. Je weniger Leute Bescheid wissen, desto besser die Quote. Bislang funktioniert die friedliche Koexistenz offenbar einigermaßen. Manchmal aber führt sie zu interessanten Begegnungen: Beim Champions-League-Spiel zwischen Debrecen und Florenz im Oktober 2009, für dessen Manipulation der montenegrinische Keeper des ungarischen Meisters 100 000 Euro erhalten sollte, kamen Cvrtak und Sapina nach den Erkenntnissen der Ermittler zu spät - eine andere Bande hatte schon gezahlt.