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Lotte-Trainer Ismail Atalan : „Ich bin diesem Land dankbar“

  • -Aktualisiert am

„Es macht mir Spaß, Lösungen zu finden“: Lotte-Trainer Ismail Atalan. Bild: dpa

Als kurdischer Flüchtling kam Ismail Atalan nach Deutschland. Als Trainer der Sportfreunde Lotte steht er im Pokal-Viertelfinale. Im Interview spricht er über Borussia Dortmund, sein Vorbild – und die „Sportfreunde Stiller“.

          Wo haben Sie die Auslosung gesehen?

          Zuhause bei der Familie. Borussia Dortmund ist ein Gegner, der jeden zufriedenstellt. Das Stadion wird auf jeden Fall ausverkauft sein, die Spieler messen sich mit den Besten der Welt, und ich treffe auf einen Kollegen, der mir sicher ein paar taktische Aufgaben stellen wird. So etwas liebe ich. Es macht mir Spaß, Lösungen zu finden.

          Sie wirken, als beschäftigen Sie sich schon jetzt mit dem Viertelfinalgegner in drei Wochen.

          Nein, ich beschäftige mich mit Holstein Kiel, das ist unser Gegner in der Dritten Liga am Samstag. Ich stelle mich nicht gern in den Vordergrund und versuche immer, demütig zu bleiben und die nächsten Aufgaben anzugehen. Das ist nun mal meine Art. Ich bin aber absolut überzeugt, dass wir gegen höherklassige Teams gewinnen können. Gegen Borussia Dortmund wird es schwieriger als Mittwochabend gegen 1860 München, das ist klar. Aber wer als Mannschaft gut organisiert ist, kann selbst einen Unterschied von zwei Klassen ausgleichen. Am Mittwoch waren wir besser. Wir spielen richtig Fußball. Das haben auch meine Spieler so wahrgenommen. Wir stellen uns nicht hinten rein, wir machen Druck.

          Dabei wäre das Spiel beinahe ausgefallen...

          Es sind 100 Helfer gekommen und haben den Platz schneefrei gemacht. Dass es so etwas noch gibt! Ich habe die Spieler daran erinnert, dass da 100 Leute ihre Freizeit geopfert haben, damit sie ihnen später zusehen können. Das hat ihnen einen zusätzlichen Schub gegeben.

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          Der Platz sah immer noch sehr winterlich aus...

          Finden Sie? Der war gar nicht so schlecht. Wir sind ein Drittligist, wir können keinen Teppich hinlegen. Man musste da nicht nur lange Bälle spielen.

          Wurde denn noch groß gefeiert am Mittwoch in Lotte?

          Ich habe es der Mannschaft freigestellt. Es ist aber keiner feiern gegangen. Als wir im Oktober gegen Bayer Leverkusen gewannen, sind die Jungs danach feiern gegangen, und wir haben am Samstag zuhause gegen Fortuna Köln verloren. Das wollen wir nicht wieder erleben. Die Dritte Liga ist unser tägliches Brot.

          Kommt es Ihnen entgegen, dass das Dortmund-Spiel schon bald stattfindet?

          Mir persönlich nicht. Ich hätte gern noch etwas gewartet. Ich stecke nämlich mitten in meiner Ausbildung zum Fußball-Lehrer. Nächste Woche fangen die ersten Klausuren an, es zieht sich dann mit acht Klausuren über drei Wochen. Ich muss viel lernen und zu den Klausuren die zwei Stunden nach Hennef fahren. Das ist mental und körperlich anstrengend. Aber ich kann es nicht ändern, ich passe mich an, ich jammere nicht, und wenn alles gut läuft, bin ich in der Woche nach dem Dortmund-Spiel Fußball-Lehrer.

          Ihr Weg als Mensch und Trainer war steinig. Sie sind als Fünfjähriger mit fünf Geschwistern und Ihrer Mutter als kurdischer Flüchtling nach Dülmen gekommen, haben sich als Trainer von der Kreisliga A hochgearbeitet, waren von der Abschiebung bedroht. Ist diese Pokalsaison ihre persönliche Krönung?

          Krönung ist das falsche Wort. Aber das alles macht uns als Familie glücklich. Unser Weg ist der richtige, und mein Vorbild ist meine Mutter. Durch Bildung und Fleiß kann man etwas erreichen. Deswegen bin ich diesem Land dankbar. Ich kann meinen Kindern erzählen, was man schaffen kann, wenn man will. Durch Bildung kann man so viel erreichen. Das müsste auch ein Leitsatz in der aktuellen Flüchtlingsfrage sein.

          Wie war denn die Resonanz auf den Sieg?

          Ich hatte gestern am Morgen nach dem Aufstehen 240 Whatsapp-Nachrichten auf dem Handy, teilweise von Leuten, die ich seit zwei Jahren nicht gesehen habe. Ich antworte jedem Einzelnen. Das gehört sich so.

          Inwieweit profitiert der Verein vom Pokal? Sie haben jetzt schon zwei Millionen Euro eingenommen, ein Drittel ihres Drittliga-Etats.

          Die Mehreinnahmen sind ein Glücksfall für den Verein und seine Infrastruktur. Wir sind ein kleiner Verein, wir haben kein Nachwuchsleistungszentrum. Unsere Jugendmannschaften spielen in der Kreisklasse A. Wir haben zwei Spieler mit Drittligaerfahrung. Das Geld wird uns hoffentlich helfen, uns als Aufsteiger in der dritten Liga zu etablieren.

          Sie müssen als Klub an ihrer Bekanntheit arbeiten, im Deutschlandfunk wurden sie am Donnerstag in einer Anmoderation „Sportfreunde Stiller“ genannt.

          Kann passieren! Finde ich witzig. Wir haben die Sportfreunde Stiller nämlich gerade vergangene Woche getroffen.

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